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WM 2010 - Internationale Presseschau Serbien feiert "Blitzkrieg" gegen Deutschland


Auf die unerwartete Pleite Deutschlands gegen Serbien reagiert die internationale Presse überraschend nicht mit Häme, sondern mit Mitleid. Serbiens Blätter bejubeln den "Blitzkrieg" ihres Teams.
Von Carsten Heidböhmer

Selten ist eine deutsche Fußballnationalmannschaft so brutal in der Wirklichkeit angekommen wie nach der 0:1-Vorrundenniederlage gegen Serbien. Begeistert von dem glanzvollen 4:0-Auftakterfolg gegen Australien hatte die internationale Presse das Team von Trainer Jogi Löw sogleich in den Kreis der Topfavoriten aufgenommen. Vor allem die Art und Weise, wie der Sieg zustande gekommen war, beeindruckte die Sportjournalisten. Der italienische "Corriere della Sera" schwärmte: "Das junge Deutschland hat einen fantastischen Fußball gespielt, den bisher besten bei dieser WM." Sogar der "Daily Telegraph", den Deutschen gewöhnlich alles andere als wohlgesonnen, geriet ins Schwärmen: "Es ist Zeit, die Klischees zu verbannen und die Stereotypen über den deutschen Fußball dem Mülleimer der Geschichte anzuvertrauen." Es schien der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu sein.

Die unerwartete Niederlage gegen Serbien bot nun die Gelegenheit, alte Feindschaften wieder aufleben zu lassen und die deutsche Nationalmannschaft mit Spott und Häme zu übergießen. Schließlich gibt es nur wenige Dinge, die Journalisten mehr Spaß machen, als erst jemanden in den Himmel zu schreiben - und ihn dann genussvoll vom Sockel zu stürzen.

Mitleid mit der deutschen Elf

Doch zur großen Überraschung ist dies - außer in den serbischen Blättern - nach der deutschen Pleite nicht der Fall. Die meisten Online-Seiten zeigten sich überrascht, geschockt - und hatten sogar Mitleid mit der deutschen Elf. Länder wie Spanien und Frankreich, deren Mannschaften sich bereits blamiert hatten, scheinen sogar erleichtert, dass mit Deutschland ein weiteres großes Team gestolpert ist. Die spanische Sportzeitung "As" schreibt etwa: "Deutschland tritt in die Fußstapfen von Spanien. Sie wiederholen ihr tolles Spiel und hätten den Sieg verdient gehabt." "Auch Deutschland stolpert", stellt das französische Magazin "France Football" auf seiner Website fest, und die italienische "La Repubblica" atmet auf: "Es erwischt auch das große Deutschland".

Die gefürchtete britische Presse weist eher amüsiert darauf hin, dass endlich einmal ein deutscher Spieler einen Elfmeter verschossen hat - ein Privileg, das bei großen Turnieren bislang den Engländern vorbehalten war. Die Tageszeitung "The Times" schreibt: "Lukas Podolski ruiniert den Ruf der Nation, Elfmeter schießen zu können." Die "Daily Mail" sieht gar einen historischen Moment: "Noch in vielen Jahren werden wir unseren Enkelkindern von dem glorreichen Moment erzählen, als die Deutschen zeigten, dass sie fehlbar sind".

Serben jubeln: "Auf Wiedersehen, Deutschland!"

Auch aus den deutschsprachigen Nachbarländern ist kein böses Wort zu vernehmen. Das österreichische Boulevardblatt "Die Krone" - sonst um keine deutschenfeindliche Zeile verlegen - schreibt voller Mitgefühl: "Mit sehr viel Pech hat die deutsche Nationalmannschaft am Freitag ihr zweites WM-Spiel in Südafrika gegen Serbien mit 0:1 verloren." Unter der Überschrift "Klose, das ging in die Hose" beschäftigt sich die Schweizer Boulevardzeitung "Blick" auf ihrer Homepage mit den beiden deutschen Stürmern: "Vor der WM hart kritisiert, nach dem Australien-Spiel (4:0-Sieg) von ganz Deutschland geliebt. Und jetzt dürften die Stürmer Miroslav Klose und Lukas Podolski bereits wieder die Deppen der Nation sein."

Alle Belgrader Zeitungen feiern dagegen unverhohlen den Sieg gegen Deutschland als "historisch". Es wird daran erinnert, dass dies der erste Sieg über eine DFB-Auswahl seit 37 Jahren ist, obwohl damals die Teams zweier anderer Staaten aufeinander trafen - nämlich die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien und die Bundesrepublik Deutschland.

"Serbischer Blitzkrieg!", bemüht das Boulevardblatt "Press" kriegerische Formulierungen und verabschiedete des Löw-Team gleich ganz: "Auf Wiedersehen, Deutschland!" Die Zeitung "Blic" bejubelte einen "Sieg für die Geschichte: Deutschland ist gefallen, es gibt Hoffnung für die Adler". Und "Politika" ergänzte: "Über den Sieg gegen Deutschland werden künftige Generationen reden". "Jovanovic und Stojkovic haben die 'Panzer' durchbrochen", schrieb "Danas" und feierte damit die beiden Matchwinner für die Serben.

Tenor: Deutschland hat ordentlich gespielt

Der überwiegende Tenor der Onlinemedien lautet aber: Deutschland hat ordentlich gespielt und die Partie nur mit viel Pech und dank eines überstrengen Schiedsrichters aus der Hand geben müssen. Offenbar sind die Sympathien, die sich die DFB-Elf gegen Australien erspielt hat, noch nicht aufgebraucht. Nirgends wurde die Mannschaft von Jogi Löw so streng bewertet wie im eigenen Land. Am härtesten ging hier der 11 Freunde-Liveticker mit dem Team ins Gericht: "Wir haben gleich so viel auf einmal verloren: das Spiel, Miro, den Respekt vor Badstuber, die Freude, kleine Deutschland-Fähnchen auf Autodächern flattern zu sehen, Freunde, die keine waren."

Im Ausland - das ist die große Überraschung - sieht man Deutschland milder. Noch.

P.S.: Sind Sie enttäuscht vom Auftritt der DFB-Elf? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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