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WM 2010: Bierhoff rügt Lahm: "Michael Ballack ist der Kapitän"

Teammanager Oliver Bierhoff hat den von Philipp Lahm kurz vor dem WM-Halbfinale ausgelösten Machtkampf mit Michael Ballack um das Kapitäns-Amt verurteilt.

Teammanager Oliver Bierhoff hat den von Philipp Lahm kurz vor dem WM-Halbfinale ausgelösten Machtkampf mit Michael Ballack um das Kapitäns-Amt verurteilt. "Der Zeitpunkt ist nicht so glücklich", erklärte Bierhoff am Dienstag im DFB-Quartier vor der Abreise der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nach Durban zum Halbfinale gegen Spanien.

"Jede Diskussion ist unnötig", betonte der enge Vertraute von Bundestrainer Joachim Löw und stellte entschieden fest: "Letztendlich ist das alles ein Thema, dass jetzt in dieser Woche keine Rolle spielen darf. Jetzt geht es darum, die letzten zwei Spiele erfolgreich zu bestreiten. Alles andere kommt danach und ist letztendlich eine Entscheidung des Trainers."

Der Bundestrainer macht sich weiter intensive Gedanken darüber, wie er den Ausfall des gesperrten Thomas Müller am Mittwoch (20.30 Uhr) kompensieren kann. "Die Mannschaft hat immer wieder gezeigt, dass sie Löcher stopfen kann", berichtete Bierhoff: "Es ist nicht leicht innerhalb eines Turniers, wenn sich eine Formation gefunden hat und eine blendende Abstimmung besteht." Löw hatte als mögliche Alternativen Piotr Trochowski, Toni Kroos und Cacau genannt. Die Mannschaft habe mit den Siegen gegen England und Argentinien "so viel Selbstvertrauen getankt", dass sie sich zutraue, "auch die Spanier zu schlagen", erklärte Bierhoff selbstbewusst.

Das zeitliche Zusammentreffen von Ballacks Abreise aus dem deutschen WM-Quartier und dem geäußerten Führungsanspruch von Lahm bezeichnete Bierhoff ebenfalls als "nicht glücklich" und schloss an: "Es ist schade, dass so etwas zusammenkommt und zu Missinterpretationen führen kann." Bierhoff versicherte, dass es intern "keine Missstimmungen" gebe: "Jede Diskussion ist unnötig."

Derweil haben sich mehrere ehemalige Fußballprofis zum Streit um die Kapitänsbinde zu Wort gemeldet. Deutschlands Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus hat dem verletzten Michael Ballack gar einen Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nahegelegt. "Wenn Michael jetzt sagen würde: Die Mannschaft ist ohne mich stark genug. Ich trete zurück, konzentriere mich auf Leverkusen, dann würde er noch mal Größe beweisen", sagte der DFB-Ehrenspielführer der Bild-Zeitung.

Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg kritisierte hingegen das Vorgehen von Philipp Lahm harsch: "Ein absolut unglücklicher Zeitpunkt. Philipp Lahm wäre besser beraten gewesen, sich bedeckt zu halten und gar nichts darüber zu sagen. Nach der WM hätte er zu Jogi Löw sagen können, dass er weiter Kapitän bleiben will. Aber nicht jetzt, zwei Tage vor einem Halbfinale gegen Spanien. Das ist sehr unglücklich und wird Unruhe geben", sagte Sky-Experte Effenberg.

Der 35-malige Nationalspieler ist sich sicher, dass Lahm nach der WM die Kapitänsbinde wieder an Ballack abgeben muss. "Er wird zurückkommen, da bin ich mir sicher. Er hat einen tollen Verein mit Bayer Leverkusen, er wird fit sein und dann wird er auch wieder der Kapitän der Nationalmannschaft sein. Davon bin ich fest überzeugt. Philipp Lahm muss dann wieder ins zweite Glied rücken und die Binde abgeben", sagte Effenberg.

Auch der frühere Bremer und Münchner Bundesliga-Profi Andreas Herzog reagierte mit Unverständnis auf den Machtanspruch von Lahm. "Man kann doch nicht so dumm sein und jetzt so entscheidende Streitereien und Debatten führen, vor zwei so entscheidenden Spielen, in denen es um den Weltmeistertitel geht. Man muss Ruhe behalten und abwarten, was nach der Weltmeisterschaft passiert", sagte Herzog bei Sky.

Zu Ballack, der die Nationalelf beim Viertelfinale in Kapstadt gegen Argentinien (4:0) vor Ort unterstützt und sich bis Montag im deutschen WM-Quartier in Erasmia vor den Toren Pretorias aufgehalten hatte, waren bereits zuvor einige Nationalspieler intern auf Distanz gegangen.

Lahm hatte in mehreren Interviews erklärt, dass er über die Fußball-Weltmeisterschaft hinaus Kapitän der DFB-Auswahl bleiben wolle. Er war von Löw nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Ballack zum Spielführer für das WM-Turnier ernannt worden. Bierhoff stellte als Mitglied der sportlichen Leitung den momentanen Status nochmals klar: "Philipp Lahm ist der WM-Kapitän und Michael Ballack ist der Kapitän."

SID/DPA / DPA

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