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WM-Aus für Michael Ballack: Eine Mannschaft ohne Chef

Nach dem WM-Aus von Michael Ballack steht fest: Die Fußball-Nationalmannschaft wird in Südafrika ein neues Gesicht besitzen. Der Boss fehlt, jetzt muss das Kollektiv dominieren.

Von Mathias Schneider, Sciacca

Die Diagnose erreichte Joachim Löw um 10.30 Uhr per Telefon, der Bundestrainer wollte sich gerade zum Training aufmachen. Am anderen Ende der Leitung meldete sich Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der dieser Tage noch in München weilt, um als Bayerndoktor den neuen deutschen Meister auf das Champions-League-Finale am Samstag in Madrid gegen Inter Mailand vorzubereiten. Müller-Wohlfahrt massiert aber nicht nur die Bayern-Muskeln, auch Weltklasseathleten wie der Jahrhundertsprinter Usain Bolt vertrauen sich immer wieder seiner Urteilskraft an. Seit Jahrzehnten observiert er überdies bei großen Turnieren die Malaisen der Nationalspieler. Auch in Südafrika wird dies wieder so sein.

Gestern Abend nun kündigte sich kurzfristig ein Patient von höchster Priorität in Müller-Wohlfahrts schmucker Praxis im Zentrum Münchens an. Als Michael Ballack am Montagmorgen schließlich durch die Tür trat, da war klar, dass den nächsten Minuten eine herausragende Bedeutung für Löws WM-Planungen zukommen würde. Als Löw sich kurz darauf endlich das Bulletin abholte, stand die niederschmetternde Nachricht bereits fest: Michael Ballack wird nicht diese Nationalmannschaft wie 2006 als Kapitän zur WM-Endrunde nach Südafrika führen.

Die Diagnose nach der Kernspintomographie ließ keinen Zweifel: Innenbandriss und Teilriss des Syndesmosebandes im rechten Sprunggelenk. Der Deutsche Kevin-Prince Boateng hatte bei seinem üblen Tritt im englischen Pokalfinale ganze Arbeit geleistet. Ballack, 33, wird wochenlang Gips tragen müssen. Er will in den nächsten Wochen dennoch ins Trainingslager nach Sizilien reisen, um der Elf auf dem Weg ans Kap viel Glück zu wünschen.

WM-Aus für Michael Ballack. Wer soll seine Rolle jetzt übernehmen?

Ballack wurde gefürchtet

Ballacks Ausfall markiert einen schweren Eingriff in eine Mannschaft, die seit fast einem Jahrzehnt von ihm angeführt wurde, sei es bei der WM 2002 zusammen mit Oliver Kahn, der EM 2004, der WM 2006 oder zuletzt bei der WM 2008. Wie ein Monolith hatte Ballack inmitten des Kaders gethront, umsäumt von ambitionierten Kräften wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker, allesamt deutlich jünger. Einer anderen Generation gehörte er bereits an, wie auch der Bremer Torsten Frings, der bereits den Löwschen Aufräumarbeiten zum Opfer fiel. Nicht die vollkommene Harmonie, sondern der Erfolg stand für Ballack immer im Vordergrund. Er spielt seit vier Jahren in London beim FC Chelsea, als einziger Deutscher hat er sich bei einem der großen internationalen Klubs durchgesetzt. Er passt nicht mehr recht zur voll durchharmonisierten Generation Mertesackerlahmschweinsteigergomez - und tat ihr wohl gerade deshalb gut.

Sie haben Ballack immer ein bisschen gefürchtet für seine direkte Art im Umgang, sein Auftreten. Doch als es galt in wichtigen Spiele wie zuletzt in Moskau im Oktober, war es dieser Ballack, hinter dessen breitem Kreuz sie sich dankbar verkriechen konnten. Er gehörte nicht mehr zu den Akteuren der Generation Klinsmann. Er versteht sich gut mit Löw, und doch ist er dem Bundestrainer schon Kraft seines Status immer auf Augenhöhe begegnet. Er war der letzte Profi, der sich nicht vorbehaltlos allem Neuen unterordnete.

"Er ist ein Weltklassespieler und hat in entscheidenden Spielen immer eine tragende Rolle gespielt", erklärte Löw am Montag auf einer schnell einberufenen Pressekonferenz vor dem Teamhotel. Ein milder Wind fächelte um das Terrakotta-Gebäude inmitten des Golfplatzes. Ein schwarzes T-Shirt hatte Löw diesmal zur Jeans gewählt, als wolle er die Hiobsbotschaft auch optisch untermauern. Man konnte in seinem Gesicht nicht lesen, wie sehr ihn die Nachricht wirklich bewegte, er kann ja unglaublich kontrolliert sein.

Schnell richtete er den Blick wieder nach vorne. Auf keinen Fall soll der Ausfall seiner Elf als Alibi in den kommenden Wochen für dürftiges Spiel dienen, das wurde schnell deutlich. "Wir haben ein großes Potenzial mit unseren jungen Spielern", erklärte Löw. Mancher werde in die Lücke stoßen, die Ballack da auf dem Platz, aber auch in der Hierarchie hinterlässt.

Khedira rückt ins Rampenlicht

Tatsächlich wird diese Mannschaft nun ein gänzlich anderes Gesicht erhalten. Ihre gesamte Statik ist Montagfrüh ins Wanken geraten. Wo Ballack das Team schon Kraft seines Alters und seiner Verdienste prägte und auch mal direkt die Jungen um ihn herum maßregelte, wird ab sofort das Kollektiv dominieren müssen. Noch bei der EM vor zwei Jahren hat sich mancher der Jungen schwer getan mit dem Boss auf dem Feld. Zu hart sei Ballack angeblich in der direkten Ansprache. Der Ton passte nicht mehr zu jener einfühlsamen Ansprache, wie Löw sie gern wählt. Ohne Ballack herrscht ab sofort wohl nichts als Gleichklang. Ob das Kräfte freisetzt, oder die Reibung am Ende fehlt, um ein Feuer zu entfachen, wird die große Frage sein.

Der Stuttgarter Sami Khedira, 23, soll nun neben Bastian Schweinsteiger in die Zentrale der Elf rücken, so hat es Löw angedeutet. Noch im Vorjahr zählte Khedira zu den Europameistern der U21. Löw wird eine Elf aufs Feld schicken, die man nun guten Gewissens als Löwmannschaft bezeichnen darf. Man darf gespannt sein, wie Ballacks Ausfall auf diese Mannschaft wirkt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Elf nun, da der Boss weg ist, sich in Windeseile emanzipiert, statt unter dem langen Schatten des Chefs kleinlaut und gehemmt nebenher zu traben. Mindestens genauso wahrscheinlich ist freilich, dass die Mannschaft unter Druck ohne echte Führungsfigur mächtig ins Trudeln gerät.

"Wir dürfen nicht in Resignation verfallen. Wir können immer noch ein sehr gutes Turnier spielen", sprach Löw noch in den Strauß aus Mikrophonen. Der Bayer Bastian Schweinsteiger soll auf die Schnelle den neuen Ballack im Zentrum geben. Auch Lahm, Mertesacker oder Klose seien in der Lage, diese Elf zu führen.

Selten hat Deutschland eine solch junge Auswahl in ein großes Turnier geschickt. Zu den Favoriten gehört die Elf definitiv nicht mehr. Man wurde den Eindruck nicht los, dass sie alle nicht gerade unglücklich darüber sind.

P.S.: Wie schwer trifft der Ausfall von Michael Ballack die deutsche Mannschaft? Haben wir jetzt noch Chancen auf den Weltmeister-Titel? Wer kann Ballacks Rolle übernehmen? Diskutieren Sie mit auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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