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WM-Schiedsrichter: Die Angst vor der Kartenflut

Verpfiffen: Die Fußballwelt ist empört über die Schiedsrichterleistungen bei der WM in Südafrika. Gelbe und Rote Karten frustrieren Fans, Spieler und Trainer. Nun wartet ein "Karten-Sheriff" auf die DFB-Elf.

Von Daniel Barthold

Zwei Allerweltsfouls von Miroslav Klose im zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien - und schon war die DFB-Elf dezimiert. Die Schiedsrichterleistungen entwickeln sich zum brisantesten Thema bei der WM. Denn nicht nur die Deutschen stöhnen über den vorschnellen Griff der Referees in die Brusttasche: Die Schweiz musste am Montag gegen Chile frühzeitig mit zehn Mann auskommen. Die Rote Karte löste bei den Eidgenossen einen Sturm der Entrüstung aus. Die Australier sahen den Platzverweis gegen Tim Cahill im Spiel gegen die Deutschen als zu hart an, und im Spiel der USA gegen Slowenien gab Schiedsrichter Koman Koulibaly einen klaren Treffer nicht. Und auch bei Frankreichs blamablen WM-Aus gegen Südafrika wurde Yohann Gourcuff für ein Allerweltsfoul vom Platz gestellt. Es ist eindeutig: Bei dieser WM stehen nicht die Spieler im Fokus, sondern die Unparteiischen.

Das müsste der Fifa zu denken geben. Für den Weltfußballverband gibt es bei der Schiedsrichterbeurteilung allerdings kein Diskussionsbedarf: "Ich bin sehr, sehr zufrieden! Wir haben bisher exzellente Schiedsrichterleistungen gesehen.", sagte José Maria Garcia-Aranda, Schiedsrichterobmann der Fifa am Montag in einem Interview. Trainer, Spieler und Fans sehen dies ganz anders.

Kritik an Schiedsrichtern reißt nicht ab

Im Vergleich zu Fußball-Europameisterschaften hat die Fifa ein großes Problem: Es müssen Referees von allen Weltverbänden vertreten sein. Europäische Schiedsrichter gelten im Fußball als die Besten der Welt, da sie in den stärksten Ligen pfeifen, und durch die Champions League an internationale Wettkampfbedingungen gewöhnt sind. Dies ist bei Schiedsrichtern aus einigen Teilen der Welt nicht der Fall. So musste der saudische Schiedsrichter Khalil Al Ghamdi, der am Montag das Spiel Schweiz gegen Chile pfiff, harsche Kritik einstecken, nachdem er dem Schweizer Valon Behrami die Rote Karte zeigte. Ottmar Hitzfeld, Trainer der Eidgenossen, sagte nach dem Spiel, dass einige Schiedsrichter eher am Strand als auf dem Spielfeld pfeiffen sollten. Eine Schweizer Boulevardzeitung beschimpfte den Schiedsrichter gar als "Kamel".

Die vielen Gelben Karten sorgen zudem dafür, dass wichtigen Spielern in der K.o.-Phase eine Sperre droht. Cacau, Özil, Schweinsteiger, Khedira und Lahm sind bereits mit Gelb vorbelastet. Bei einer zweiten Gelben Karte wären sie damit im Achtelfinale gesperrt. Joachim Löw hatte zunächst angenommen, dass die Gelben Karten nach der Vorrunde wegfallen, dies ist aber erst nach dem Viertelfinale der Fall.

Berüchtigter Schiedsrichter pfeift Deutschland-Spiel

Für das Spiel der deutschen Elf gegen Ghana wurde nun wieder ein als fragwürdig geltender Schiedsrichter angesetzt. Nachdem der Spanier Alberto Undiano, der das Spiel Deutschland gegen Serbien pfiff, bereits stark kritisiert wurde und selbst von der spanischen Presse kein gute Zeugnis ausgestellt bekam, darf nun der Brasilianer Carlos Simon das Ghana-Spiel leiten - ein äußerst umstrittener Mann.

Simon wurde 2009 in seinem Heimatland sogar einmal für sechs Wochen gesperrt - wegen Manipulationsverdachts. Er ist seit 1998 Fifa-Schiedsrichter, hat also Erfahrung als Spielleiter, ist aber auch als Selbstdarsteller bekannt. Die Fifa ist von Carlos Simon überzeugt, in Brasilien ist der Referee berüchtigt. Der Traditionsklub Flamengo Rio de Janeiro erstellte 2008 eine rund 60 Minuten lange DVD mit Fehlentscheidungen des 44-Jährigen und schickte eine offizielle Beschwerde an die Fifa – ohne Erfolg. Simons Spitznahme ist "Sheriff", weil er Karten ruckartig wie einen Revolver aus der Tasche zieht.

Diskussionen aus dem Weg gehen

Carlos Simon ist trotzdem schon zum dritten Mal bei einer WM. Für die Deutschen ist er zudem kein Unbekannter: Simon pfiff das WM-Achtelfinale 2006 zwischen Deutschland und Schweden (2:0) und stellte damals den Schweden und früheren Leverkusener Profi Teddy Lucic mit Gelb-Rot vom Platz. Dabei setzte der Brasilianer deutlich sichtebar ein Grinsen auf.

Die deutsche Elf ist also gewarnt: Diskussionen mit Carlos Simon sollte jeder Spieler tunlichst vermeiden. Im Spiel England gegen USA in Rustenburg, ebenfalls gepfiffen von Simon, gab es sechs gelbe Karten.

Markus Merk sieht Wettbewerbsverzerrung

Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Markus Merk schließt sich der Kritik an den WM-Schiedsrichtern an. Er spricht von "Wettbewerbsverzerrung durch gravierende Unterschiede in der Regelauslegung." Die deutsche Mannschaft wird demnach davon abhängig sein, wie Carlos Simon die Regeln interpretiert. Christoph Daum hat einmal gesagt, dass Schiedsrichter Spiele nicht mehr leiten, sondern entscheiden. Dies könnte für die DFB-Elf zum Albtraum werden - und erstmals das Ausscheiden in der Vorrunde bedeuten.

Offiziell sieht die Fifa das Problem nicht. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, leistet sich die Fifa auch bei den Ansetzungen der Referees so manchen Fauxpas. Bestes Beispiel: Das Spiel zwischen England und Slowenien wird Mittwoch vom deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark gepfiffen. Nicht die beste Wahl, wenn man bedenkt, dass es für die "Three Lions" um den Einzug in die nächste Runde geht, wo Deutschland als Gegner warten könnte. "Englands Zukunft in deutschen Händen" titelte die "Daily Mail" vor dem Spiel gegen die überraschend starken Slowenen. Die Diskussion um die Schiedsrichter wird vorerst kaum verstummen.

P.S.: Wie schlecht sind die Schiedsrichter bei dieser WM? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010 der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.

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