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Argentinische Nationalelf Messis letzte Chance


In Argentinien hofft man auf den Gewinn des WM-Titels. Und einer soll es richten: Lionel Messi. Ein erneutes Scheitern würden ihm viele als Verrat auslegen. Und was sagt der Superstar? Nicht viel.
Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Wenn es in diesen Tagen um Lionel Messi geht, dann kommen zunächst einmal Fragen auf. Die erste lautet: Warum muss er sich ständig übergeben? Warum passiert ihm das kurz vor der Einwechslung - wie beim letzten Freundschaftsspiel gegen Slowenien - oder sogar während eines Spiels - wie gegen Rumänien? Messi sagt: "Ich weiß nicht, was es ist, aber ich hatte tausend Untersuchungen. Ich fühle Übelkeit bis zu dem Punkt, an dem ich fast erbrechen muss und dann geht es weg."

Die zweite Frage: Gibt er wirklich alles für Argentinien? Die Frage stellen seine Landsleute nun seit Jahren, weil Messi zwar mit dem FC Barcelona alles erreicht hat, aber im Nationalteam oft enttäuschte. Messi sagt dazu: "Argentinien ist mein Land, meine Familie, meine Art mich auszudrücken. Ich würde all meine Rekorde aufgeben, nur um mein Volk glücklich zu machen."

Die größte Frage aber lautet kurz vor dem Auftaktspiel gegen Bosnien-Herzegowina im Maracaná: Kann der beste Spieler der Welt seine Karriere krönen und mit Argentinien endlich Weltmeister werden? Messi braucht den Titelgewinn, um in die Riege solcher Superstars wie Pelé und Maradona aufzusteigen. Wichtiger aber ist der Triumph für sein Land Argentinien, das seit 70 Jahren in einer Art Dauerkrise lebt und den letzten Rest Ruhm aus dem Fußball und Papst Franziskus bezieht.

Messi sagt selten etwas von Belang

Der Druck muss enorm sein.

Ist er das?

Auf die Frage sagt Messi nichts. Sie wird ihm mehrfach gestellt, aber Messi schleicht an den Kameras vorbei. Er blickt einen im Gespräch nicht ein Mal an, er stiert stur auf den Boden. Messi sagt selten etwas von Belang und er nuschelt auch noch so, dass man selbst das Nichts kaum versteht. Messi stolziert nicht (wie Cristiano Ronaldo), Messi grinst nicht (wie Neymar). Lionel Andrés Messi würde sich niemals LAM nennen, so wie sich Ronaldo CR7 nennt oder Neymar Júnior NJR. Messis Blick sagt: Lasst mich hier raus. Wenn Neymar und Ronaldo als Marke daherkommen, kommt Messi als Eremit.

Messi ist nur vier Jahre älter als der andere große Star der WM, Neymar, aber es wirkt eher wie ein ganzes Jahrhundert. In den Interviews mit Trainern, Freunden, Verwandten zu den beiden Vereinskollegen fallen Vergleiche wie: Der Floh und der Zirkusclown. Der Fußballer und die Werbetafel. Der Schweiger und der Poser. Die vielleicht beste Analyse stammt vom katalanischen Journalisten Marcos López: "Als Spieler sind beide wie Kinder. Als Menschen stammen sie von unterschiedlichen Planeten." Lionel Messi wuchs in Argentiniens drittgrößter Stadt Rosario auf, in einer armen Gegend. Die Straßen hier sind betoniert, aber zerborsten. Taxifahrer setzen einen an der Hauptstraße ab und verschwinden schnell. Das Viertel auf der berüchtigten Südseite liegt im umkämpften Territorium zweier Drogenbanden.

In Rosario weist kein Schild auf Messi hin

Kein Schild weist hier auf Messi hin, weder am Haus, noch auf dem nah gelegenen Bolzplatz. Selbst im Clubhaus seines Vereins Newell's Old Boys wurde das Foto abgehängt. Man denke über ein Museum nach, heißt es in der Stadtverwaltung, aber noch ist nichts im Bau. Nur auf einer Mauer in seinem Viertel ist ein Gemälde zu sehen: Messi mit Ball im Nationaltrikot und daneben der Schriftzug: "Gewalt ist nicht nur Schlagen." Sonst nichts.

Diego Vallejos steht vor der Mauer. Er plant gerade ein Fest, um die Nachbarschaft zusammenzuhalten im Kampf gegen die Drogengangs. Vallejos, 27, ist einer seiner besten Freunde. Er wohnt noch immer im Viertel, in derselben Straße, Estado de Israel. Diego sagt: "Leo will das ganze Theater nicht. Er hasst die Öffentlichkeit. Er ist ein scheuer Typ. Warum soll er auch reden? Hat Mozart geredet?"

Es ist ein guter Punkt. Er kontert diesen absurden Anspruch vieler Reporter, dass Ballkünstler etwas zu sagen haben müssen.

Diego beschreibt ihre Kindheit als große Freiheit. Sie klauten zusammen Mandarinen aus den Gärten, sie schlüpften durch den Zaun der Militärbasis und spielten dort Fußball. Sie kickten selbst in den überfluteten Straßen, "auch in der Kloake". Es klingt wie eine Kindheit aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Wachstumsstörungen und Hänseleien

Das Drama begann danach, sagt Diego. Messi brach die Kindheit frühzeitig ab, als er mit 13 zum FC Barcelona wechselte. "Das bleibt nicht ohne Folgen."

Die Journalisten in Barcelona beschreiben Messi als scheu und autistisch, es fallen Worte wie "Rätsel" oder "Phantom". Diego Vallejos sagt, das sei falsch, es gebe sehr wohl einen anderen Messi, eine Art Rohfassung. Aber man erlebe ihn nur hier in Rosario, auf seiner Farm, unter Freunden, beim Grillen. Da wird hemmungslos herumgealbert. Da tanzt er auch mal Cumbia. Mit diesen paar Hektar bei Rosario hat sich Messi seine verlorene Jugend zurückgekauft.

Sein Karrierebeginn war beschwerlich. Er litt unter Wachstumsstörungen und Hänseleien. "Er war immer der Kleine, der Zwerg", erinnert sich Bruno Milanesio, sein Freund und Mitspieler bei Newells. "Mir geht eine Szene nicht aus dem Kopf. Er sitzt im Bus und spritzt sich Hormone. Er hatte immer seine Spritzen in einer Kühlbox dabei."

Milanesio erinnert aber auch eine andere Szene: Wie ihn nichts so anstachelte wie diese Demütigungen und Zweifel. "Daran kannst du zerbrechen - oder in dir brennt ein Feuer, wie bei Leo. Darum glaube ich an eine große WM. Alle sagen, Messi kollabiere auf der großen Bühne. Denen wird er's zeigen."

Vertrag auf der Serviette

Newells wollte damals die komplizierte Behandlung mit Wachstumshormonen nicht bezahlen, 1000 Dollar im Monat sollte sie kosten. Auch River Plate nicht, Argentiniens größter Verein. Er war ihnen, trotz des Talents, zu klein. Da nahm Jorge Messi seinen 13-jährigen Sohn nach Europa und bot ihn anderen Clubs an.

Carles Rexach empfängt einen im VIP-Bereich des Stadions Camp Nou in Barcelona. Er ist einer der großen alten Männer des FC Barcelona - Spieler, Trainer, Sportdirektor. Aber in erster Linie gilt er als Entdecker Messis, als Protagonist einer Hundert-Millionen-Dollar-Schatzsuche, nicht unähnlich der Entdeckung einer Ölquelle. Wenn er davon erzählt, klingt es wie der Pitch für einen Fernsehfilm: "Leo war sehr gut. Aber sehr klein. Unsere Trainer konnten sich damals nicht entscheiden. Die Zeit lief uns davon. Messis Vater wurde ungeduldig. Da organisierte ich ein letztes Spiel. Ich brauchte nur fünf Minuten, um zu wissen, was für ein Juwel er war. Doch sein Vater sagte, es dauert alles zu lang, er geht jetzt zu Real Madrid. Da entwarf ich dort im Café einen Vertrag, auf einer Serviette. Seitdem ist er bei uns."

Es sind Geschichten wie diese, die aus dem einfachen Leben von Fußballern große Dramen machen. Und doch erklären sie manches: Messis Weg war ein Kampf, Neymars eher Design. Messi wollte einem Stigma entkommen. Neymar eher einem Volk gefallen.

Nur im Wettbewerb mit sich selbst

Messi mag als bodenständig und schüchtern gelten, aber ohne Allüren ist er nicht, wenn es um seine Position als bester Spieler der Welt geht. Es wurmte ihn, wie viel Handgeld Neymar in Barcelona bekam, etwa 50 Millionen Euro. Daraufhin hat Messi erst mal seinen Vertrag neu verhandelt. Er verdient jetzt etwa doppelt so viel wie Neymar, rund 20 Millionen Euro im Jahr.

"Klar geht es auch ums Geld", sagt Rexach. "Messi muss das meiste bekommen, den Status will er schon haben." Spricht man mit Rexach und anderen im Verein über Messi, läuft es darauf hinaus: Während Spieler wie Neymar in der Hierarchie irgendwo zwischen Rang 10 und 15 stehen, befindet sich Messi nur im Wettbewerb mit sich selbst.

Zu der Situation und dem Druck bei dieser WM könnte sein ehemaliger Trainer gut etwas sagen, Tata Martino. Der Argentinier sitzt angespannt im Clubhaus in Barcelona, es sind die Tage vor seiner Entlassung. Auf die Fragen reagiert er zunächst mit allerlei Höflichkeiten. Messi habe diese kindliche Leidenschaft Fußball zu spielen. Wenn man ihnen nach einem harten Match sage, morgen musst du wieder ran, sei er glücklich.

Auf Nachfrage sagt er: "Messi wuchs in Europa auf. Das prägt. Das ist der Unterschied." Es soll heißen: Messi hat den Kampf bereits bestanden. Er ist sich dem Ernst der Lage bewusst. Er kennt den Druck.

Gnadenlose Vermarktung

Die Frage ist, ob ihm das jetzt wirklich in Brasilien hilft.

Argentinien befindet sich in einer Identitätskrise. Eine Fahrt übers Land offenbart eine neue Armut, die Menschen sind in tiefer Sorge um steigende Kriminalität und hohe Inflation. Als Symbol für die Dauerkrise setzte der "Economist" einen bedröppelten Messi aufs Cover und schrieb dazu: "Die Tragödie Argentiniens. Ein Jahrhundert des Niedergangs."

Messi ist überall im Land zu sehen, auf haushohen Werbeplakaten in Buenos Aires und in diversen Fernsehspots. Er wird gnadenlos vermarktet, aber er würde nie als Metrosexual auftreten wie Ronaldo oder Neymar. Während Neymars Freundin gern ihren Hintern zeigt und Ronaldos Freundin sich gern im Sand räkelt, lässt sich Messis Frau Antonella nicht blicken. Vielleicht ist es so: An Neymars und Ronaldos Leben würde Messi zerbrechen. Bei Messis Leben würden Neymar und Ronaldo einschlafen.

In Argentinien herrscht die Stimmung vor: Diesmal sind wir dran, nach 28 Jahren. Der Sieg beim Erzrivalen wäre eine Befreiung, der größtmögliche Triumph. Es ist Messis letzte Chance, sich mit seinem Land zu versöhnen. Ein erneutes Scheitern würde ihm viele als Verrat auslegen. Argentiniens Fußballexperte Cherquis Bialo sagt: "Diesmal ist alles auf Messi zugeschnitten. Er hat das Team mit ausgesucht. Er hat nichts anderes im Blick."

Aber kann er führen? Ist er ein Leader? Bialo sagt: "Er ist kein Anführer im klassischen Sinn. Das ist Mascherano. Aber er wird der Erlöser sein. Unser Erlöser. Und sein eigener."


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