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Vor dem WM-Auftakt: Neymar soll Brasilien retten? Er hat nur Blödsinn im Kopf

Er ist klein, seine Schultern sind schmal, seine Beine dürr: Von Neymar erwartet ganz Brasilien den WM-Titel. Dem Druck begegnet der Stürmer vor allem mit: jeder Menge Flausen im Kopf.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Auf dem Trainingsgelände der Brasilianer in Teresópolis, gelegen zwischen markanten Bergen, gibt es derzeit zwei Arten der Berichterstattung. Es gibt Berichte über die brasilianische Nationalmannschaft, sie machen die eine Hälfte aus. Und dann gibt es Berichte, die sich ausschließlich mit Neymar da Silva Santos Júnior beschäftigen: Neymar trainiert Freistöße. Neymar trägt heute eine Mütze. Neymar macht Selfie mit achtjährigem Kind. Neymar knickt um. Neymar steht wieder auf. Neymar ist ok.

Und das ist nur der Fußballspieler Neymar.

Es gibt dann noch den Neymar als Hauptfigur einer nationalen Reality-Soap, und die nimmt in der Berichterstattung einen ähnlich großen Raum ein: Neymar und seine Freundin Bruna Marquezine trennen sich. Neymar und Bruna sind wieder zusammen. Neymar und Bruna planen die Versöhnung. Die Versöhnung soll beim Eröffnungsspiel im Stadion stattfinden. Bruna kann nicht kommen, weil sie als Schauspielerin drehen muss. Es ist ein Drama, das quasi in Echtzeit stattfindet, im Rhythmus der Instagram-Posts, nicht anders als bei Justin Bieber oder Kim Kardashian. Ihre Beziehung wird öffentlich so seziert wie bei einem Königspaar.

Unterhose zeigen ist verboten

Dann gibt es noch Neymar, die Werbefigur. Neymar mit Handy, Neymar in Unterhose, Neymar mit Auto, Neymar mit Thomas Müller, Neymar mit Energiegetränk. In Brasilien ist Neymar derzeit überall zu sehen, allein bis März wurden im Fernsehen 1334 Werbespots mit ihm gezeigt. Man sah ihn halbnackt als Metrosexual, man sah ihn als Tänzer, man sah ihn als Schelm.

Vorige Woche schuf die Fifa eine neue Richtlinie, Nr. 1419, die das Zeigen von Unterhosenlogos während des Spiels verbietet. Sie wurde extra für Neymar gemacht, nachdem er dabei erwischt wurde, wie er im Spiel des FC Barcelona gegen Atlético Madrid seine Unterhose fünf Mal erfolgreich entblößte. Er hatte seine Shorts so weit heruntergezogen, bis die Marke für die Kameras deutlich sichtbar wurde.

Neymar, der nationale Hoffnungsträger

Es gibt noch einige andere Neymar-Kategorien, vor allem Neymar als nationaler Hoffnungsträger, und er füllt diese Rolle derzeit professionell und ohne große Allüren aus. Gestern trat er zum ersten Mal vor die Medien, nach 17 Tagen ohne Stellungnahme, und sagte, wie sehr er sich auf die WM freue und dass ein Traum wahr werde und dass er ein Fan Lionel Messis und Cristiano Ronaldos sei und dass es hier nicht um ihn gehe, sondern um die Mannschaft.

Ein Journalist bat ihn, seinem Trainer Luiz Felipe Scolari, der neben ihm auf dem Podium saß, eine Frage zu stellen. Neymar grinste. Er sagte: "Werde ich in der Startelf stehen, Professor? Kann ich ruhig schlafen?" "Du kannst ruhig schlafen", antwortet Felipão, wie er von allen genannt wird.

Wichtigste Frage: Kann er Brasilien führen?

Eigentlich sind Interviews nicht sein Ding. Neymar äußert sich auf Twitter. Er äußert sich auf Instagram. Er äußert sich durch Selfies. Noch bevor die WM begonnen hat, ist sie die WM der Selfies - und Neymar ist ihr Hauptlieferant. Doch nun steht das Eröffnungsspiel an und die große Frage lautet: Kann Neymar sein Team anführen? Wurde er vielleicht etwas zu früh zum Super-star dieser WM gemacht? Hält er dem Druck stand - mit seinen 22 Jahren?

Das hat weniger mit ihm selbst zu tun, als vielmehr mit seinem Land. Brasilien, am Rand des Nervenzusam-menbruchs, hat als Gastgeber keine andere Wahl als Weltmeister zu wer-den. Die letzte Heim-WM 1950 wurde auf tragische Weise verloren, und die Unzufriedenheit im Land ist gewaltig. Als Gesicht der Mannschaft wählte man sich mit Neymar ein 22jähriges Wunderkind, das bisher nur den wertlosen Confederations-Cup gewonnen hat. Wirklich erreicht hat er noch nichts.

Nur Blödsinn im Kopf

Die Spurensuche beginnt in der Kleinstadt Praia Grande, im Bundesstaat São Paulo, in einem jener Armenviertel, wo der Regen die Sandstraßen zu Flussbetten macht. An den Eingängen enger Gassen wachen die Vorposten der Drogengangs, am Ausgang wächst eine Mülldeponie zu einem gewaltigen Berg. Hier wuchs Neymar Júnior auf, als Sohn eines Automechanikers, in einem kleinen Haus, in dem heute noch Verwandte wohnen.

"Nicht sagen, wo er wohnte", bittet Neymars Cousine Patty zur Begrüßung. Sie fürchtet sich vor Entführungen und Erpressung. Man will von ihr etwas über den unmenschlichen Druck wissen, doch sie erzählt lieber eine Parabel: Früher hat Neymar hier die Möbel kaputt geschossen, bis die Mutter ihn rausschickte. Dann hat er die Türen der Nachbarn kaputt geschossen. Wenn er heute zu Besuch kommt, zieht er sich als erstes Bermudashorts an und kickt barfuß. Er sei noch immer dieser kleine Junge. Er habe nur Fußball, Videogames und Blödsinn im Kopf.

Neymar und die Zahnhygiene

Es ist eine schöne Geschichte. Man hört sie auch von anderen Verwandten. Sie soll beweisen, wie unbekümmert er ist. Wie er den Druck meistert. Nur 200 Meter entfernt entsteht ein riesiger Komplex. Er besteht aus einem Fußballstadion, Schwimmbad, Turnhalle, und einem fünfstöckigen Gebäude mit etwa 50 Räumen. Er trägt den Titel "Instituto Projeto Neymar Jr" (INJR). Es klingt wie ein Think Tank. Wie Institut Albert Einstein.

Neymars Onkel Benicio ist der Leiter des Instituts. Die ganze Familie ist ins Unternehmen Neymar eingebunden. Benicio ist der Wichtigste, eine Art Spiritus Rektor. "Das Institut ist größer als alles, was Neymar je gemacht hat", schwärmt er. Es handelt sich um eine Art Gemeindezentrum. Es gibt Klassenräume, Krebsvorsorge, Englischkurse, ein Präsentationssaal der Sponsoren. Ab und zu wird Neymar live zu den Menschen sprechen.

Über was?
"Alles Mögliche", sagt Benicio. "Über Zahnhygiene. Über Gott."
Neymar spricht über Zahnhygiene?
"Wir müssen sein Image für alles nutzen", sagt Benicio.
Besser kann man es nicht sagen.

Onkel Benicio beschreibt Neymars Kindheit als arm, aber behütet. Er verlor viele Freunde an Drogen, fand aber Halt in der Familie und in Jesus Christus. "Das will Neymar an die Welt weitergeben. Er will allen helfen, gute Menschen zu werden."

Hat sonst irgendein Fußballer ein eigenes Institut?
"Nein, wir sind die ersten", sagt er begeistert.
Man kann es auch so sehen: Neymar ist der erste Weltstar, der mit 22 ein eigenes Institut hat. Noch vor Aristoteles und Mark Zuckerberg.

"Die DNA ist vielversprechend"

Viele Stars haben heute eine Stiftung. Das Problem bei Neymar ist: Er ist der Typ, bei dem hinter jeder Aktion eine globale Marketingkampagne steht. Es geht so weit, dass Medien spekulieren, ob die spontane Umarmung eines afrikanischen Balljungen nicht eher für Instagram eingefädelt wurde. Man ist sich bei ihm nicht ganz sicher, was Leben ist und was Inszenierung. Vielleicht ist das nicht mehr zu trennen.

Neymar wurde mit neun entdeckt, es war beim Kicken am Strand von Praia Grande. Dem damaligen Trainer des Clubs Portuguesa Santista, Betinho, der schon den Superstar Robinho entdeckt hatte, fielen Neymars Schnelligkeit und Wendigkeit auf. "Ich habe mir als erstes die Mutter angeschaut, eine große Frau, und dann den athletischen Vater. Da wusste ich: Die DNA ist vielversprechend. Aber er war ein Leichtgewicht, ohne Widerstand."

Betinho - Neymars erster Coach

Betinho ist ein kleiner runder Mann mit demselben schelmischen Grinsen wie Neymar. Er holt einige handsig-nierte Nationaltrikots und reiht sie auf seiner Terrasse auf. Auf einem steht: "Meinem ersten Trainer Betinho. 100 % Jesus Cristo."

Betinho baute den kleinen Neymar damals in sein Team ein, er brachte ihn vier Jahre lang fast täglich zum Training, auch zu Arztbesuchen, er las ihm aus der Bibel vor. Betinho beschreibt die Beziehung wie die eines Vaters zu seinem Sohn. Dafür hilt Neymar heute mit Zuschüssen bei der Ausbildung seiner Kinder.

Profifußballer oder Popstar?

Als Neymar 13 wurde, zogen Betinho und Neymars Vater einen Medientrainer hinzu, auch einen Manager und Vermarkter. Es war in dem Alter, in dem sich in Brasilien Spielervermittler Anteile an Talenten kaufen und auf ihre Zukunft wetten wie Spekulanten auf Rohstoffpreise. Betinho sagt: "Wir haben Neymar früh darauf vorbereitet, ein Idol zu werden. Er hat es schnell verinnerlicht. Er wurde geboren, um anderen Freude zu bereiten. Er ist der Zirkusclown in der Manege. Ihr in Deutschland seid Philosophen. Wir sind Zirkusclowns. Wir müssen unser Volk glücklich machen."

Betinho beschreibt da nichts anderes als die Domestizierung eines Profifußballers. Oder eher eines Entertainers? Eines Popstars? Und in welcher Reihenfolge? Das ist die Frage.

Brasiliens Fußballpapst Juca Kfouri, Kolumnist der Zeitung Folha de Sao Paulo, sagt im Interview: "Wer ist dieser Neymar? Ich weiß es nicht. In Zeiten des globalisierten Fußballs haben sich Spieler in Popstars verwandelt. Alle haben dasselbe Parfüm, dieselbe Sprache. Messi ist anders. Messis Mission ist es Fußball zu spielen."

Probleme in Barcelona

Bei den Trainingstagen in Barcelona, am Rand der Stadt, sah man Messi und Neymar nur selten zusammen. Neymar kam unter anderem nach Barcelona, um gemeinsam mit Messi zu spielen, aber Messi spielte nicht wirklich mit ihm. Man sieht ihn eher mit seinen langjährigen Weggefährten Fábregas, Piqué, Busquets. Sie alle wuchsen nicht weit entfernt in La Masia auf, dem berühmtesten Fußballinternat der Welt. Heute ein hässlicher Neubau, geschützt mit Kameras und hohen Zäunen, der auch als Gefängnis durchgehen könnte.

Wer hier groß wird, ist Teil eines Systems, in dem nur das Kollektiv zählt, die Einheit. Neymar, der Beachboy, hätte das wohl nicht überlebt. Auf gewisse Weise sollte Barcelona für Neymar als Erziehungsanstalt fungieren. Er sollte sich hier un-terordnen. So wollte es sein Natio-nalcoach Scolari. Richtig gelungen ist das nicht.

"Barcelona ist nicht einfach für ihn, er hat Heimweh", sagt Onkel Benicio. Neymar selber sagt auf der Veranstaltung eines Sponsors: "Auf dem Platz habe ich keine Probleme. Nur außerhalb. Sehnsucht nach Zuhause, Familie, Freunde. Ich bin ein Favela-Typ. Ich kann mich an die schicken Dinge in Europa nicht gewöhnen."

Neymar lässt Freunde einfliegen

Also hat Neymar all seine Freunde nachkommen lassen. Er hat auch eine brasilianische Köchin eingestellt, die ihm Reis und schwarze Bohnen kocht. Er hat sich ein Stück Brasilien mit nach Europa genommen. Es hat ihm im Team nicht geholfen als herauskam, dass er der teuerste Transfer der Welt war und bei seinem Antritt 50 Millionen Euro Handgeld kassierte. Daraufhin hat Messi erst mal seinen Vertrag neu verhandelt. Er verdient jetzt etwa doppelt so viel wie Neymar, rund 20 Millionen Euro im Jahr.

Spricht man mit Funktionären im Verein über das ungleiche Sturmduo, läuft es darauf hinaus: Neymar, der Leader Brasiliens, befindet sich in Barcelonas Hierarchie irgendwo zwischen Rang zehn und 15. Messi befindet sich im Wettbewerb nur mit sich selbst.

Messi hat den Kampf bestanden, Neymar nicht

Zur Konkurrenz könnte ihr ehemaliger Trainer etwas sagen, Tata Martino, er sitzt angespannt im Clubhaus, es sind die Tage vor seiner Entlassung. Auf die Fragen reagiert er zunächst mit allerlei Höflichkeiten. Beide Spieler hätten diese kindliche Leidenschaft Fußball zu spielen. Wenn man ihnen nach einem harten Match sage, morgen müsst ihr wieder ran, seien sie glücklich.

Auf Nachfrage sagt er: "Messi wuchs in Europa auf. Das prägt. Das ist der Unterschied." Es soll heißen: Messi hat den Kampf bestanden. Neymar steht er noch bevor. Messi ist der Ernst der Lage bewusst. Neymar eher nicht. Die Frage ist, welche Haltung für die WM die bessere ist.

Wer derzeit durch Brasilien reist, erlebt ein gespaltenes Land. Im Fernsehen läuft überall Werbung zur WM, genauer: zu dem fest eingeplanten Titelgewinn. Ein Autounternehmen verspricht den Kunden verbilligte Autos, wenn Brasilien triumphiert. Kinder flehen in doppelseitigen Anzeigen: "Macht auch uns zu Weltmeistern."

So erzeugt man Druck.

Auf der anderen Seite steigt der Druck der Straße, Zehntausende Demonstranten drohten im Vorfeld der WM: Não vai ter Copa - Es wird keine WM geben. Allein die Stadt Rio setzt 20.000 Polizisten im Kampf gegen Gewalt und Ausschreitungen ein. In Sao Paulo folgte ein Streik auf den nächsten.

Sein großer Auftritt um 22 Uhr

In dieser überhitzten Atmosphäre soll das Leichtgewicht Neymar die Nation tragen, das perfekte Klischee des stets lächelnden, quirligen Brasilianers, der gerne singt und gerne tanzt und überall Freude verbreitet. Das Konzept erinnert dunkel an Brasiliens Jahre während der Militärdiktatur, als Karneval, Samba und Fußball das Volk ablenken und der Welt zeigen sollten, wie fröhlich diese Brasilianer doch sind.

Jahrelang hatte Brasilien keinen richtigen Superstar mehr. So ist Neymar nicht nur eine Erfindung der Industrie, des Verbandes, der Medien. Er ist die Erfindung eines ganzen Landes, weil es keine Heim-WM ohne Superstar geben darf.

Heute, 22 Uhr, beginnt nun sein bisher größter Auftritt. Und die ganze Welt wird zuschauen.

Von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

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