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WM-Erinnerungen - Deutschland 2006: Deutschland, ein australisches Wintermärchen

Die meisten Deutschen feierten das Sommermärchen im eigenen Land. Es gab aber auch Eremiten wie mich, die das Spektakel in anderen Teilen der Welt verfolgten - wenn der Fernseher denn funktionierte.

Von Felix Haas

Eine Kleinigkeit muss vorweg natürlich einmal erwähnt werden, weil das viele hierzulande wahrscheinlich gar nicht wissen: Im Sommer 2006, in dieser Märchenzeit im schwarz-rot-goldenen Buchenwald, da gab es tatsächlich auch Leben auf anderen Teilen dieser Erde. Es gab dort Menschen, Häuser, Arbeit, Feste und wenn man Glück hatte auch Fernseher.

Vor einen dieser Fernseher im winterlich-warmen, australischen Perth quetschten sich zum WM-Auftakt ein Franzose, ein Niederländer, vier Engländer, ein Schwede, zwei Deutsche, noch drei Engländer mehr und vielleicht auch noch ein Franzose, das weiß ich nicht mehr so genau. Sie alle lagen auf Hostel-Matratzen, die wiederum eng aneinander gereiht auf dem Boden lagen. Es war zwei Uhr morgens und statt Bier gab es erstmal jede Menge schwarzen Tee und Kaffee.

Abend und Nacht-WM's sind großartig

In Australien war die WM so etwas, wie die Brasilien-WM nun in Deutschland: eine Abend und Nacht-WM. Wenn man, wie ich damals, eigentlich gar nichts so Richtiges zu tun hat, kann es übrigens kaum etwas Besseres geben.

Dabei war ich eigentlich nach Australien gereist, um etwas von der Welt zu sehen, viel zu surfen und ein bisschen zu arbeiten. Die WM spielte bei meinem Trip erst einmal nur eine Nebenrolle. Aber wie das dann so ist: Dieses Turnier nahm seinen Platz von alleine ein.

Es war ja schon nach wenigen Minuten klar, dass die WM-Feierei auch am anderen Ende der Welt grandios werden würde. Da lief dieser kleine Deutsche mit dem gegipsten Arm im Münchner WM-Stadion von links an die 16er Kante und knallte den Ball in den Winkel. "Germany is going to win it at home, clearly", waren sich die Engländer gleich sicher. Der Niederländer im Raum glaubte nicht daran, klar. Aber egal. Alle feierten, es gab dann natürlich doch noch Bier und nach dem Spiel ging die Feier noch bis in den frühen Morgen weiter.

Sinnlose Kneipen-Vorschriften

Wenn man einen 2000-Kilometer-Trip von Perth nach Broome plant, dann ist es gar nicht so einfach, alle Deutschland-Spiele zu sehen. Die größte Stadt auf der Strecke hat so ungefähr 2000 Einwohner. Dazwischen liegt das große Nichts. Ein paar Emus, einige Kängurus und im Wasser ein paar Haie. Aber kaum Menschen. Und wenn es doch Menschen gab, mussten sie sinnlosen Vorschriften folgen.

Das Achtelfinale gegen Schweden wurde zum schlimmsten Spiel der WM. Wir hausten in einem winzigen Ort namens Coral Bay, waren froh, dass es einen Pub gab, der das Spiel überhaupt zeigte. Nur musste der Laden nach australischem Recht leider um Mitternacht schließen. Und da war gerade einmal die erste Halbzeit rum. Wir pöbelten, vielleicht flog auch ein Bier-Becher in Richtung Besitzer, das weiß ich leider auch nicht mehr so genau. Aber das änderte nichts. Die Leinwand ging aus und wir flogen raus.

Weitere öffentliche Fernseher gab es in Coral Bay nicht. An einer Stelle im Dorf gab es zum Glück Handyempfang! Also für viele sündhaft teure australische Dollar Mama und Papa anrufen. Wie geht’s euch so? Was macht ihr so? Ach ja, und wie ist eigentlich das Spiel ausgegangen?

Lehmann-Aussetzer

Die restlichen Erinnerungen rasen schneller durch den Kopf: Beim Argentinien-Spiel hocke ich mit einem Kumpel vor einem 14 Zoll großen Fernseher mitten in einem Outback-Hostel. Der Empfang ist widrig. Als sich Lehmann bei einem Elfer in die Ecke schmeißt, flackert das Bild. Vielleicht liegt das auch an unserem Jubel.

Das Italien-Spiel schauen wir klischeehaft mit Italienern, wir verlieren (natürlich) eine Wette und müssen irgendetwas Peinliches machen. An die Details erinnere ich mich (natürlich) nicht mehr genau. Das Platz-Drei-Gekicke ist uns dann egal. Zidanes Kopfstoß-Finale sehen wir zwischen Töpfen und Tellern bei der (Küchen-)Arbeit in einem Ferienressort.

Die Welt zu Gast bei Freunden

Und dann war sie einfach vorbei, die WM in Deutschland. Das dürfte wohl der größte Unterschied in der Wahrnehmung gewesen sein: Während Deutschland wehmütig feierte, hatte die WM für uns in Australien kaum einen Nachhall. Wir hatten anderes zu tun, als an Deutschland zu denken. Was das Turnier für alle Daheimgebliebenen bedeutete, habe ich erst später durch Sönke Wortmanns Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" verstanden. Eines galt aber auch im australischen Winter: Die Welt war zu Gast bei Freunden.

Von Felix Haas

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