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Wiechmanns WM-Kolumne Brasilien wird die letzte schöne WM für zwölf Jahre


Brasilien ist ein echtes Fußballland. Ob am Strand oder auf der Straße: überall wird gekickt. Man sollte die WM daher genießen. Die nächsten WM-Gastgeber werden nicht so fußballbegeistert sein.
Von Jan-Christoph Wiechmann

Das Schöne an einer WM in Brasilien ist, dass das Gastgeberland ein wahrhaftiges Fußballland ist. Die nächsten Weltmeisterschaften finden in Russland und Katar statt. Da kann man getrost sagen: Brasilien wird die letzte schöne WM für zwölf Jahre. Man sollte sie genießen.

Es mag viel Kritik an der Fifa und den Kosten der WM geben, aber Brasilianer lieben ihren Fußball. Sie spielen in den Gassen. Sie spielen an den Stränden. Sie spielen im Gefängnis und auf Bohrinseln. Es gibt Meisterschaften für Indianer im Amazonas und für Frauenteams im Knast, es gibt Teams aus Priestern und Kleinwüchsigen. Zehn Wochen noch – und football is truly coming home.

Mitkicken am Strand

Besonders schön am Fußballland Brasilien ist, dass man in jeder Bar sofort Kontakt findet: "Aus Deutschland? Alles klar. Franz Beckenbauer, Bernd Schuster, Uli Stielike." Die Brasilianer rattern im Gespräch dann einige erstaunliche Namen herunter, die man selber längst vergessen hatte: Toni Schumacher, Thomas Häßler, Dieter Eilts.

Noch schöner am Fußballland Brasilien ist, dass man überall sofort mitkicken darf, am Strand oder auch in der Favela. Die Mitspieler geben einem gleich Namen wie Müller, Völler oder Schweinsteiger - auch wenn man eher eine schlechte Version des Rumpelfußballers Hans-Peter Briegel ist.

Özil ist doch doch gar kein Deutscher

"Wie heißt du?", fragten sie an Rios Strand Flamengo. "Jan? Wir nennen dich einfach Jürgen Klinsmann." Man wird dann für eine Stunde "Jürgen" gerufen oder "Klinsmann". Man sollte sie nicht gerade darauf hinweisen, dass man Klinsmann für einen Waschlappen hält und man lieber Sami Khedira wäre oder Mesut Özil.

Özil versteht hier nämlich keiner. Der ist doch Türke, hört man überall. Auch Boateng, Klose und Khedira halten viele Experten im Fußballland Brasilien für keine Deutschen, so wie schon Cacau bei der WM 2010 trotz deutscher Staatsangehörigkeit angeblich kein Deutscher war, sondern nur Brasilianer. Sie halten sich gern daran fest, dass die deutsche Elf ohne die Ausländer keine Chance hätte. Es wird ein beliebtes Thema sein, wenn Deutschland im Halbfinale auf Brasilien trifft.

Das ist umso erstaunlicher, weil sich das Einwanderungsland Brasilien gern damit brüstet, aus all den Portugiesen, Deutschen, Italienern, Afrikanern eine Nation geformt zu haben.

Orte, wo Nation keine Rolle spielt

Das Allerschönste am Fußballland Brasilien ist, dass man auch Anderes erlebt. Orte, wo Nationalität keine Rolle spielt. Beim Kicken in der Favela Ladeira dos Tabajaras zum Beispiel, auf einem löchrigen Betonplatz, wo wir barfuß spielten. "Robben" riefen die Jungen dem Deutschen zu, obwohl Arjen Robben Holländer ist und der Deutsche so stümperhaft spielte wie Deutschland zuletzt gegen Chile. Eine Stunde lang mal Robben sein. Das ist auch nicht das Schlechteste.

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