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TV-Kritik

WM im ZDF: Frisch. Eloquent. Cool - Experte Christoph Kramer ist die WM-Entdeckung

Das erste WM-Wochenende war komplett in ZDF-Hand. Während Béla Réthy einen Witz machte und damit auf die Nase fiel, passte das Weltbild von Oliver Kahn wieder auf einen Torwarthandschuh. Die einzige WM-Entdeckung bislang: Christoph Kramer.

Von Mark Stöhr

Christoph Kramer als TV-Experte

Christoph Kramer ist derzeit einer der wenigen deutschen Weltmeister in Normalform und überzeugt in seiner neuen Rolle als ZDF-Experte

ZDF

Nach einer halben Stunde beim Spiel Brasilien gegen Schweiz gestern Abend wurde Béla Réthy unruhig. Der ZDF-Reporter liebt Spiele, in denen nichts passiert, damit er Zeit genug hat, um die Stammbäume der Spieler bis in die letzten Verästelungen runterzufabulieren. Für das dramatische Tremolo seiner Stimme, den unverwechselbaren röchelnden Alarmismus aber braucht er Aktion. Am besten in einer historischen Fallhöhe. Nichts davon bot dieses Match. Brasilien führte erwartungsgemäß mit 1:0 – und Réthy maulte: "Irgendwann muss es mal nach vorne gehen."

Für seinen WM-Einsatz tags zuvor hatte der 61-Jährige mal wieder mächtig Twitter-Schelte eingesackt. Wie eigentlich bei jedem Einsatz egal in welchem Spiel. In der Partie Frankreich gegen Australien fiel ihm zum australischen Coach Bert van Marwijk der Spruch ein: "Van Marwijk hat einen Teil seiner Karriere in der Bundesliga verbracht – auch beim HSV. Aber welcher Trainer war eigentlich nicht beim HSV?" Das Netz – insbesondere im hanseatischen Raum – tobte sich zu Tode. Eine ähnlich heftige Reaktion erntete Réthy gestern nur, als der brasilianische Torhüter in der zweiten Halbzeit einen Luftballon zertrat – und der Reporter sagte: "Kurzer Prozess, wie beim Kindergeburtstag. Zack und weg." Jetzt ist er auch noch ein Fall fürs Jugendamt.

Shitstorm gegen Réthy und Neumann

Solche Shitstorm-Erfolge feiert sonst nur Claudia Neumann, die einzige Frau im ZDF-Kommentatorenstab. Sie ist das Lieblings-Hassobjekt aller Traditionalisten, Sexisten und anderen Idioten in den sozialen Netzwerken. Mal geht es um ihre Stimmfarbe, die vermeintlich zu spröde und zu burschikos ist. Mal um ihren zu ausufernden biografischen Ansatz bei der Vorstellung der Akteure. Mal redet sie zu wenig, mal zu viel. Am Ende geht es aber nur darum, dass eine Frau ein Fußballspiel kommentiert. Wahnsinn. Das einzige originelle Neumann-Bashing inmitten des ganzen bodenlosen Gegeiferes lieferte ein User auf Twitter: "Neumanns Kommentar war so langweilig – ich habe gar nicht gemerkt, dass das kein Mann kommentiert hat."

Nur einen Bruchteil dieser Aufregung hätte man sich bei Réthys und Neumanns Kollegen Martin Schneider gewünscht. Der leitete die Begegnung Kroatien gegen Nigeria allen Ernstes mit den Worten ein: "Hier trifft europäische Fußballkunst auf afrikanisches Improvisationstalent." Geht's vielleicht noch klischeehafter und neokolonialer?

Bereits im Vorbericht hagelte es dummdreiste Stereotypen. Er lieferte Insights aus dem nigerianischen Mannschaftslager, die kein europäisches Team – das deutsche zuallerletzt – zugelassen hätte. Nigerias deutscher Trainer Gernot Rohr wurde als weißer Vater eines schwarzen Chaoshaufens inszeniert, der seine Spieler vor laufender Kamera zusammenfaltet ("Was ist los mit dir? Ich erkenn' dich gar nicht wieder!"). Dauernd war von der "europäischen Disziplin" und dem "afrikanischen Freestyle, den sie immer wieder bringen können" die Rede. Einem nigerianischen Fotografen wurde erst einmal auf die zerlatschten Espadrilles gezoomt. Oliver Kahns Kommentar zu den tanzenden und singenden Spielern im Bus sprach Bände: "Das ist bei denen so."

Gewinner Kramer

Gut abgehangen wie die Löw-Elf verzichtet das ZDF in Russland auf jegliche Experimente. Es gibt die üblichen Spieltagsanalysen mit Jochen Breyer und Oliver Welke im Studio und die gewohnten Speichelleckereien von Katrin Müller-Hohenstein im deutschen Quartier. Dazu harmlose Filmchen über die russische Seele und ein bisschen "heute-show"-Satire, garantiert unlustig. Wir gucken ja nicht zum Spaß WM.

Aber irgendwas ist doch anders in diesem Jahr. Eine verblüffende Frische, Eloquenz und Coolness weht zeitweise aus der Berichterstattung. Christoph Kramer, der Finalheld von 2014 und die weltweit wahrscheinlich einzige Ikone eines Gedächtnisverlusts, macht an der Seite von Jochen Breyer und Oliver Welke einen exzellenten Job als neuer ZDF-Experte. Er ist kein Mann für die tiefschürfenden taktischen Analysen, aber er ist witzig und selbstreflektiert.

Beim Thema Markenbildung von Promikickern mithilfe der sozialen Medien erzählte er mit einem Augenzwinkern von seinen eigenen Bemühungen auf diesem Feld: "Ich pushe die Marke Kramer gerade, aber ich bin da noch nicht weit fortgeschritten. Ich geh' das jetzt mal an." Schön auch sein Spruch zu seiner plötzlichen Alterung – der Ex-Nationalspieler ist wohlgemerkt 27: "Ich merke mein Alter, das kam über Nacht."

Kahns Arroganz und durchgecoachte Lässigkeit

Kramer ist eine Mischung aus Mehmet Scholl und Simon Rolfes und hat eine Eigenschaft, die den meisten TV-Experten abgeht: Er sagt auch mal, wenn er keine Ahnung hat. Zum Beispiel von Elfmetern. Zum verschossenen Strafstoß von Messi gegen Island am Samstag wollte er nicht viel sagen, denn: "Ich habe nie mehr einen Elfmeter geschossen, seitdem ich mit 14 Jahren bei einem Hallenturnier mal einen versemmelt habe."

Der Gladbacher "Instinktfußballer" (Jochen Breyer) ist der Gegenentwurf zu Oliver Kahn mit seiner Arroganz und durchgecoachten Lässigkeit. Das Weltbild und das Vokabular des Ex-Titans passen auf ein Paar Torwarthandschuhe. Es ist immer "die extrem hohe Intensität" und "der brutale Druck".

Südamerikanische Teams reagieren laut Kahn immer überhastet, wenn sie die Chance zum Tor haben. Südamerikanische Torhüter haben immer Probleme bei hohen Flanken. Wehe, wenn einer mal einen Fehler macht wie der peruanische Keeper gegen Dänemark – dann trifft ihn die ganze Gehässigkeit des Finalverlierers von 2002: "Ich habe mir sagen lassen, das ist eine WM. Da sollte man auf höchstem Niveau agieren." 

Liebes ZDF, bitte in Zukunft mehr Kramer und weniger Kahn!

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