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Abschied von Oliver Bierhoff Der DFB erkennt endlich, dass er den Weltmeister-Modus verlassen muss

Der ehemalige DFB-Direktor Oliver Bierhoff
Vier Tage nach dem Vorrundenaus der Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Katar hat Oliver Bierhoff seinen Abschied als DFB-Direktor bekannt gegeben
© Ina FASSBENDER / AFP
Nach dem Abschied des DFB-Direktors Oliver Bierhoff benötigt der Verband nicht den nächsten Solisten an der Führungsspitze, sondern sollte Macht und Kompetenzen auf mehrere Schultern verteilen.

Zu den Bildern, die bleiben werden von dieser Weltmeisterschaft, gehört jene Szene, die sich Donnerstagnacht in den Gängen des Stadions von Al Chaur, Katar, abspielte. Die deutsche Nationalmannschaft war gerade ausgeschieden aus dem Turnier, trotz eines 4:2 gegen Costa Rica, und die Spieler lagen am Boden, hielten einander oder kämpften ganz allein mit ihren Tränen, die Hände vorm Gesicht. Ein Schlachtengemälde, gepinselt nicht in Öl, sondern zerlegt in zitternde Pixel und übertragen auf die Videoleinwand der Arena.

Nur wenige Minuten später geht Oliver Bierhoff, der Direktor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), durch den Keller des Stadions. Er sagt in die Mikrofone, dass dies zwar ein bitterer Tag für den deutschen Fußball sei, er aber persönlich keine Konsequenzen ziehen werde: "Nein, daran denke ich nicht." Im Interview mit der ARD wird er später sogar sagen, er habe ein "sehr, sehr gutes Gefühl", was seine Person und Stellung im Verband betreffe.

Bierhoff nach dem Costa Rica-Spiel, in dieser Szene verdichtete sich noch einmal all das, was ihn so angreifbar hatte werden lassen in den vergangenen Jahren: Dass seine Worte längst nicht mehr passen zu den Bildern, die die Nationalmannschaft liefert.  Dass er das Leistungsprinzip ausgehebelt hat im Verband, dass er einen äußerst milden Blick auf sich selbst hat, dass er einfach immer weiter macht, egal, was draußen passiert.

Die Trennung nach 18 Jahren kommt sehr spät, das werden sie wissen beim Verband in Frankfurt. 2018, nach dem Scheitern in der WM-Vorrunde, wäre ein Schnitt angezeigt gewesen, aber den traute man sich nicht. War nicht die Nationalmannschaft unter der Führung von Bierhoff und Trainer Joachim Löw Weltmeister geworden 2014? Es konnte doch nicht plötzlich alles falsch sein, was richtig gewesen war in den magischen Nächten in Brasilien. 7:1 gegen die Seleção im Halbfinale, 1:0 gegen Argentinien im Finale, Flanke Schürrle, Tor Götze. 

Dass Fußball immer nur eine Momentaufnahme ist und Erfolg flüchtig, wollten weder Bierhoff noch der DFB erkennen. Im Gegenteil. Der Titelgewinn 2014 sollte ihnen als Blaupause für künftige Turniere dienen. Zum Beispiel bei der Wahl des Quartiers: Weil die Mannschaft in Brasilien zurückgezogen auf einer kleinen Insel lebte, im sagenumwobenen Campo Bahia, entschied Bierhoff, das Team auch in Russland vom WM-Trubel zu separieren und lotste es in ein Birkenwäldchen in Watuntinki, eine Stunde von Moskau entfernt. Und in Katar war den Deutschen die Hitze der Hauptstadt natürlich nicht zuzumuten. Bierhoff buchte ein Wellness-Resort rund 100 Kilometer nördlich von Doha. Kein anderes der 32 WM-Teams logiert so weit draußen. 

Die Quartierswahl, sie kommt im Verband einem heiligen Akt gleich. Als ob sich in der Unterkunft das sportliche Schicksal des DFB-Teams entscheiden würde und nicht in der banalen Frage, wie das Problem auf der Rechtsverteidigerposition und in der Sturmspitze zu lösen ist. Bierhoff pumpte immer wieder Nebensächlichkeiten zu Hauptsachen auf, und der ihm hörige Verband machte mit.

Bierhoff hat seine Verdienste am Titelgewinn 2014, sein Problem war allerdings, dass der Weltmeister in ihm nicht weichen wollte. Er versuchte aus der Mannschaft ein Edelprodukt zu machen, er legte sie wie einen Diamanten in eine Vitrine, obwohl sie, bei Licht besehen, nur noch ein Klunker aus Plastik war.

Oliver Bierhoff war eine One-Man-Show

Auch das trug zur Entfremdung bei, die nun allenthalben beklagt wird. Viele Fußballfans haben sich abgewendet vom Nationalteam, die Spieler spüren das. "Wir bekommen nicht so den Support, wie wir uns das wünschen", sagte etwa Kai Havertz in Katar. Bierhoff und auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf schauten derweil zu, wie das Team in der Heimat immer stärker in Misskredit geriet. Die Debatte um die One-Love-Binde ließ Bierhoff weitgehend laufen. Den Anwürfen, die Deutschen kämpften bei der WM nicht entschlossen genug für Diversität und Menschenrechte, stellte er sich nicht entgegen. Dabei hätte in die Offensive gehen können, er hätte zum Beispiel Robert Habeck attackieren können, der bei Lanz sagte, "ich würde die Binde jetzt tragen", der aber selbst das Thema Menschenrechte mit keinem Wort erwähnte, als er mit den Kataris einen Gas-Deal aushandelte.

Bierhoff hätte seine Stimme erheben müssen in dieser teilweise absurden Debatte, er hätte seine Mannschaft schützen müssen, die nun in Katar doppelt gescheitert ist: Weder genügte sie den hohen moralischen Anforderungen in Deutschland als Kämpferin für das Gute, noch stimmten die Ergebnisse auf dem Rasen.

Bierhoff, ein geschickter Verhandler und Strippenzieher eigentlich, fehlte am Ende das Gespür für die großen Themen rund um die Nationalmannschaft. Er hat mit einiger Verzögerung selbst erkannt, dass es personellen Neuanfang braucht, gerade auch mit Blick auf die Heim-EM, die schon in eineinhalb Jahren angepfiffen wird.

Dass sich den Stunden seines Abschieds viel Kritik an Bierhoff entlädt, legt ein Strukturproblem des Verbandes offen: Bierhoff war eine One-Man-Show, machtpolitisch sicherlich von Vorteil für ihn selbst, zugleich auch ein Armutszeugnis für den DFB, den mit sieben Millionen Mitgliedern größten nationalen Sportverband der Welt.

Wenn jetzt bloß ein Nachfolger für Bierhoff gesucht werden sollte, würde schon eine solche Stellenausschreibung in die Irre führen. Ein neuer Bierhoff, ein neuer starker Mann oder eine neue starke Frau, würde dem Verband nicht weiterhelfen. Der DFB benötigt ein modernes Organigramm in der Führungsspitze, er muss Macht und Kompetenzen verteilen auf mehrere Personen, es braucht Widerspruch und Reibung, auch intern. Die Zeit des Heldenfußballs, sie ist unwiderruflich vorbei für den DFB seit dieser Weltmeisterschaft.

fs

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