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Unentschieden gegen Spanien Mit Wucht gegen die Tausendfüßler: Flick managt seine erste eigene Krise – für den Moment

Hansi Flick wusste, bei wem er sich zu bedanken hatte
Hansi Flick wusste, bei wem er sich zu bedanken hatte
© Robert Michael / DPA
Deutschland stand mit dem Rücken zur Wand – und hat zumindest einen kleinen Schritt davon weg gemacht. Coach Flick muss erstmals eine Krise managen, für die er selbst etwas kann. Fürs Erste ist ihm das gelungen.

Im Al Bayt-Stadion, 60 Kilometer nördlich von Doha gelegen, ist ein Ort des Anfangs. Vor einer Woche wurde hier die Fußball-Weltmeisterschaft eröffnet. Für die deutsche Nationalmannschaft drohte er zur Endstation zu werden. Nach der 1:2 Niederlage gegen Japan im ersten Gruppenspiel musste die Mannschaft von Bundestrainer Hansi Flick mindestens ein Unentschieden gegen Spanien erreichen, um noch aus eigener Kraft den Verbleib im Turnier sichern zu können. Das gelang, unter Mühen – und dank einer starken zweiten Halbzeit.

Antonio Rüdiger sagte nach dem 1:1: "Wir haben überlebt. Allein das zählt heute." Thilo Kehrer lobte die Wechsel des Trainers: "Das hat frischen Wind gebracht. Schön, dass Fülle sein erstes Tor gemacht hat."

Fülle, das ist Niclas Füllkrug, Stürmer von Werder Bremen. 29 Jahre alt, ein von Flick Spätberufener. Sein wuchtiger Treffer in der 83. Minute sicherte dem DFB-Team solide Chancen auf das Achtelfinale. Am Donnerstag (20 Uhr, ARD) trifft die Mannschaft von Bundestrainer Flick auf Costa Rica. Nur ein Sieg ermöglicht den Einzug ins Achtelfinale der WM.  

Noch in der ersten Halbzeit waren die Deutschen den Tausendfüßlern aus Spanien spielerisch klar unterlegen. Immer kamen sie einen Schritt zu spät, der Ball kreiselte durch die roten Reihen, das berühmte Tiki-Taka, dirigiert von Sergio Busquets, dem Spiellenker auf der Position sechs. Wenn den Deutschen ein Sieg gelingen würde, dann durch einen Konter oder durch einen lucky punch. In der 39. Minute köpfte Antonio Rüdiger den Ball ins Tor; ein Treffer aus dem Nichts, doch Rüdiger stand im Abseits.

Hansi Flicks erste eigene Krise

Die Partie gegen Spanien bedeutete nicht nur für die Mannschaft von Kapitän Manuel Neuer ein Endspiel – auch für Hansi Flick war es ein besonderes. Erstmals in seiner Trainerkarriere musste er eine Krise moderieren, eine, die er selbst herbeigeführt hatte. Während seiner Zeit beim FC Bayern war dieses Talent nie von ihm abgefordert worden. Flick hatte von Niko Kovac zwar eine strauchelnde Mannschaft übernommen; aber er selbst trug keine Schuld an der Schwäche des Teams. Flick konnte nur gewinnen. Nun, am Sonntagabend im katarischen Küstenort Al Chaur, war die Situation eine andere: Nach dem missratenen Japan-Spiel stand Flicks radikal offensives System in Zweifel, an dem er stoisch festgehalten hatte, obwohl es schon in den Nations League-Spielen gegen Ungarn (0:1) und gegen England (3:3) nicht richtig funktionierte.

Das Spiel der Deutschen war zuletzt leicht ausrechenbar gewesen: Die Schwachstellen sind die Außenbahnen, verwundbar ist sie auch im Abwehrzentrum, wo in Antonio Rüdiger nur ein Innenverteidiger von internationalem Format steht.

Gegen Spanien justierte Flick seine Abwehr neu – ein Eingeständnis, dass das Experiment mit Niklas Süle als Rechtsverteidiger gescheitert ist. Süle rückte zurück ins Abwehrzentrum; außen spielte Thilo Kehrer, einst Lieblingsschüler von Flick, zuletzt gegen Japan aber nur Ersatz.

Widerlegt wurde Flick auch in seinem lange Zeit befolgten Prinzip, ohne echten Mittelstürmer zu spielen und stattdessen auf die Torgefährlichkeit offensiver Mittelfeldspieler zu setzen. Füllkrug brachte nach seiner Einwechslung in der 70. Minute Wucht ins deutsche Angriffsspiel. Zuvor war hier Jamal Musiala der einzig dauerhaft gefährliche Angreifer.

Mit dem 1:1 sind die Deutschen zurück im Turnier. Nicht nur, weil sie ihren ersten Punkt gesammelt haben. In der zweiten Halbzeit war das DFB-Team auf Augenhöhe mit Spanien, einer Weltklasse-Mannschaft. Bundestrainer Flick wirkte wie befreit nach dem Schlusspfiff: "Gigantisch, was die Mannschaft heute geleistet hat. Ich bin wirklich stolz, das muss ich so sagen."

Seine erste Krise, Flick hat sie zumindest an diesem Sonntag gemeistert.

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