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WM-Stadien in Brasilien: Flohmärkte, Treppenrennen und Hochzeiten statt Fußball

Die Weltmeisterschaft in Brasilien war ein Fest. Doch ein Jahr nach dem Turnier liegen viele Stadien brach, in manchen wird kaum noch Fußball gespielt.

Von Jan Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Am Wochenende fand in der WM-Arena von Cuiabá wieder mal ein Event statt. Es nannte sich Treppenrennen. Die Teilnehmer liefen die Osttribüne rauf und wieder runter, und am Ende war einer der Sieger. Die Zuschauerzahl betrug etwa 80, aber nach Aussagen des Veranstalters könnten sie diesmal die 100 geknackt haben. "Es geht schlechter", sagt Augusto César de Figueiredo. Noch schlechter, fragt man ihn. "Manaus", sagt er. "Da haben sie nicht mal Treppenrennen."

Augusto Figueiredo steht im Anstoßkreis der Arena Pantanal. Um ihn herum vier steile Tribünen, 42.000 leuchtend blaue Sitze – ein schönes Fußballstadion. Figueiredo ist Vizeminister für Städtebau, er vertritt den Stadionbesitzer, den Bundesstaat Mato Grosso. Er wurde zum Interview geschickt, weil der Gouverneur keine Lust mehr auf Negativschlagzeilen hat. "Es gibt ja auch viel Positives", sagt Figueiredo. "Wir verwandeln das Stadion in eine Mehrzweckarena. Wir hatten hier schon Gottesdienste und Ausbildungskurse für die Feuerwehr. Auf der Nordtribüne bauen wir die Oberränge zurück. Dort zieht das Landwirtschaftsministerium mit seinen Büros ein."

Ein Erfolg? Keine Junkie im Innenraum

Und Fußball? "Ja, Fußball", sagt er zerknirscht. "Fußball ist kompliziert. In dieser Region gibt es keine Fußballtradition." Cuiabá liegt mitten in Brasilien, mitten in der Pampa, 2000 Kilometer entfernt von Rio de Janeiro und São Paulo. Während der WM fanden hier vier ausverkaufte Spiele statt. Die Stimmung war großartig, wie in Leck im Dach, auch die Klimaanlage war defekt. Aber nach Notreparaturen sei sie wieder funktionsfähig. Figueiredo hat noch einen weiteren Erfolg zu vermelden: Es ist inzwischen gelungen, die Obdachlosen und Junkies draußen zu halten. Sie hatten sich am Stadion breitgemacht.

Das sind Ihre Erfolge – wirklich? Er antwortet: Na ja. Irgendwann fügt er seufzend hinzu: "Sie sehen es ja. Wir müssen aufpassen, dass wir kein Weißer Elefant werden. Wir stehen alle vor derselben Frage: Wir haben schöne Stadien – und jetzt?" Die Arena Pantanal hat mehr als 200 Millionen Euro gekostet. Jetzt verschlingt allein ihre Erhaltung jeden Monat 180.000 Euro. Einnahmen? Gleich null, gibt er zu, "wir suchen nach einem Partner". Gibt es Interessenten? – "Bisher keinen."

Kindergeburtstag bringen kein Geld

In Cuiabá wird immerhin noch Fußball gespielt, auch wenn oft nur 1000 Fans die Lokalteams sehen wollen. In Manaus kommen sie auf einen Schnitt von 400. Also finden die Spiele nicht in der Arena da Amazônia statt, sondern auf einem Trainingsgelände. Im Stadion selbst haben sie es mit Flohmärkten und Corporate Events versucht, aber ein großer Erfolg war das nicht. Jetzt steht es zum Verkauf. Auch in Natal will der Besitzer das WM-Stadion wieder verkaufen. Weil es hier ebenfalls kein gutes Fußballteam gibt, hat der Erbauer OAS auf Kindergeburtstage und Hochzeiten gesetzt, aber die bringen nicht das große Geld. Zudem ist OAS in den Korruptionsskandal des brasilianischen Ölriesen Petrobras verwickelt und hat kaum mehr Cashflow.

In der Arena Fonte Nova in Salvador im Staat Bahia, wo die deutsche Nationalmannschaft ihr Quartier hatte, will das einheimische Team EC Bahia nicht mehr spielen, weil die Miete zu teuer ist. Gleiches gilt für das Mineirão in Belo Horizonte, Ort des legendären deutschen 7:1-Erfolgs gegen Brasilien. "Wir brauchten schon 40.000 Besucher, damit wir Gewinn machen", sagt Daniel Nepomuceno, Präsident des Heimteams Atlético Mineiro. Also spielt der Traditionsklub lieber im kleinen Stadion Independência.

Lokalderbys im Maracanã

Dann gibt es noch die Arena Itaquerão in São Paulo. Die ist einigermaßen gut besetzt und fast ein Jahr nach der Einweihung endlich auch fertig. Ein Teil der Haupttribüne wurde inzwischen ebenso installiert wie das Dach. Nur die Namensrechte will kein Sponsor erwerben. Auch die Arena da Baixada in Curitiba ist nun vollendet. Das ausfahrbare Dach, das bei der WM die Attraktion sein sollte, wurde gerade eingeweiht. Und dann wäre da noch das Maracanã in Rio, für ewig in Erinnerung deutscher Fans, das berühmteste Stadion der Welt und Ort des Finaltriumphs der DFB-Elf. Das Maracanã wird immerhin für die Lokalderbys von Flamengo, Vasco da Gama, Botafogo und Fluminense benutzt, auch wenn keins der Spiele je ausverkauft ist.

Aber jetzt hat Brasiliens beliebtester Klub Flamengo einen Kampf gegen die Betreiber begonnen: Man mache angesichts der hohen Miete kein Geld. Lange vor der WM hatten einige vernünftige Brasilianer eine gute Idee. Warum verzichten wir nicht auf Stadien in Städten, wo es keine Fußballtradition gibt? Nur acht Arenen – ausgereicht hätte das völlig. Mit dem eingesparten Geld, mehr als eine Milliarde Euro, hätte man Tausende Schulen bauen und 20 Jahre finanzieren können. Es wäre ein Vermächtnis gewesen. In einem guten Jahr beginnen in Rio de Janeiro die Olympischen Spiele. Erst zehn Prozent der Anlagen sind fertig. Die Veranstalter sind guten Mutes. Die Spiele werden ein großes Fest. Die Frage ist, was für das Volk bleibt. Der Sportminister hat auf seiner Werbetour unlängst das Scheitern beim ersten Weltereignis zugegeben: "Anders als bei der WM werden wir ein Vermächtnis hinterlassen."

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