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Kaymer sichert Europa Ryder Cup: Ein Putt, ein Sieg, ein Held!

Deutschlands Golfstar Martin Kaymer hat "Team Europe" in einem epischen Duell gegen die Amerikaner mit einem Schlag zum Sieg beim Ryder Cup verholfen. Dabei war er als Problemfall angereist.

Von Klaus Bellstedt

Die Geschichte von Martin Kaymer bei diesem unvergesslichen Ryder Cup 2012 in Medinah vor den Toren Chicagos fängt nicht mit seinem letzten Putt an. Sie fängt mit dem vorletzten Schlag an. Es war so etwas wie der erste Matchball, den der deutsche Weltklasse-Golfer im Kontinentalvergleich für die Europäer gegen Team USA im Grunde nur an die Fahne legen musste – um den zweiten Putt dann sicher für den letzten noch fehlenden Punkt für die Europäer zu versenken. Kaymers Kontrahent, der Amerikaner Steve Stricker, hatte das Loch trotz einer miserablen Annäherung noch lange nicht abgeschenkt. Und dann das: Kaymers erster Putt hatte viel zu viel Geschwindigkeit, der Ball lief und lief. Er stoppte aus der Sicht des 27-Jährigen knapp zwei Meter hinter dem Loch. Die Gesänge der europäischen Fans verstummten abrupt. Europas Teamkapitän José Maria Olazabal schlug die Hände vors Gesicht. Der Weltranglistenerste Rory McIlroy aus Nordirland schickte einen kurzen aber heftigen Fluch in den wolkenlosen Himmel über dem Medinah Country Club.

Stricker und das frenetische US-Publikum witterten dagegen plötzlich wieder Morgenluft. Der US-Golfer versenkte schließlich seinen Putt nervenstark. Würde Kaymer jetzt nicht treffen, hätten sie das Loch teilen müssen. Dann wäre die Entscheidung in diesem Duell um den Ryder Cup erst im letzten Match zwischen Francesco Molinari und Superstar Tiger Woods gefallen – was aus europäischer Sicht eine ganz unangenehme Geschichte für den Italiener hätte werden können. Nein, Kaymer musste jetzt für den Sieg treffen. Das war der Zeitpunkt. Das war die Chance. Es sind die Momente, in denen Helden geboren werden. Oder eben Verlierer. Martin Kaymer ist jetzt ein Held in der Geschichte des europäischen Golfsports.

Kein guter Beginn

Kein Zitterhändchen, kein Wackler, der Deutsche lochte den vermutlich wichtigsten Putt seiner Karriere ein. Der Punkt war da. Um kurz vor halb sechs Uhr Chicagoer Zeit stand es 14:13 für Europa. Danach brachen alle Dämme. Kaymer reckte die Fäuste in den Himmel. Er ging in die Knie. Dann sprintete er los und sprang in die Arme von Sergio Garcia. Der Spanier ist so etwas wie der emotionale Leader der Europäer. Keiner pusht sich und die anderen so sehr wie Garcia. Schließlich liefen sie alle auf Kaymer zu. Der famos aufspielende Ian Poulter, der allein vier von 14 Punkten für Europa holte, Luke Donald, Paul Lawrie, Graeme McDowell und natürlich auch Justin Rose, der mit einem Monsterputt in seinem Duell gegen Phil Mickelson die amerikanische Golfwelt am Sonntag beinahe zum Einstürzen gebracht hatte. "Team Europa" feierte sich, aber es feierte vor allem auch Martin Kaymer, der, als er sich aus der Jubeltraube befreit hatte, mit Deutschland-Flagge um den Hals vor der Absperrung zum Grün von den Fans feiern ließ. Bilder für die Ewigkeit.

Dabei hatte der Ryder Cup 2012 für Kaymer alles andere als optimal begonnen. Am ersten Tag des traditionsreichen Kontinentalwettbewerbs wurde der Düsseldorfer nur für einen von zwei möglichen Vierern nominiert. Dabei verlor er an der Seite des Engländers Justin Rose klar gegen das US-Duo Dustin Johnson/Matt Kuchar. Wie so oft in dieser Saison fand der frühere Weltranglistenerste nicht zu seinem Spiel. Am Samstag verzichtete Olazabal gar komplett auf Kaymer, der nach dem Sieg 2010 in Wales zum zweiten Mal beim Ryder Cup antrat. "Ich habe nicht mein bestes Golf gespielt", erklärte Kaymer enttäuscht nach seinem ersten Einsatz am Freitag. Tatsächlich wirkte das US-Team an den beiden ersten Tagen um eine Klasse besser. Die Überlegenheit der Gastgeber war erdrückend, zu verkrampft der Auftritt der Europäer. Die lauten "USA-USA"-Rufe im Medinah Country Club schienen McIlroy und Co. zu beeindrucken.

Olazabal macht Kaymer heiß

Mit einem beinahe aussichtslosen 6:10-Rückstand waren die Titelverteidiger in die zwölf Einzel am Sonntag gegangen und mussten acht Punkte holen, um die Trophäe mit nach Europa zu nehmen, den Amerikanern hingegen hätten 4,5 Zähler zum Sieg genügt. Dann dieser Start: Luke Donald, Paul Lawrie, Rory McIlroy und Ian Poulter gewannen jeweils ihre Duelle und glichen zum 10:10 aus. Nach sechs weiteren Partien stand es 13:13 - und alles schaute auf Martin Kaymer. Der Deutsche ließ sein Team nicht im Stich. "Wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht mehr, wie der Ball gefallen ist. Ich war so nervös, aber ich hatte nur diese eine Wahl: Er muss fallen", sagte Kaymer unmittelbar nach dem Cup-Coup. Gleichzeitig gestand der Matchwinner, dass er in genau diesem Moment auch an sein großes Idol Bernhard Langer gedacht habe. Im unvergesslichen "War by the Shore" in South Carolina hatte dieser 1991 in einer ähnlichen Situation das Loch aus kürzester Distanz verfehlt und den Ryder-Cup-Sieg für Europa noch verspielt.

Den letzten Kick für den erfolgreichen Schlussspurt hatte bei Kaymer eine kurze Bemerkung des Teamkapitäns ausgelöst. "Olazabal kam kurz vor dem 16. Loch zu mir und sagte, dass wir meinen Punkt benötigen würden, um den Ryder Cup zu gewinnen. Dieses Gefühl habe ich bis zum Schluss in mir getragen. Und ich habe es geliebt.

"Beste Tag meines Lebens"

Martin Kaymer reiste als eine Art Problemfall zu diesem Ryder Cup an, er bestätigte zunächst seine schlechte Form, um am Ende von seinen Teamkollegen mit dem Goldpokal in der Hand auf den Schultern getragen zu werden. Es ist eine Geschichte, wie sie nur der Sport schreiben kann. "Das ist der beste Tag meines Lebens. Ich wollte nach dem schwachen Auftakt mir und den anderen beweisen, was ich wirklich kann", sagte Deutschlands Golfstar am späten Abend im Medinah Country Club. In der einen Hand den Pokal, in der anderen eine Flasche Bier. Danach ging die Party der Europäer, ging seine Party, erst richtig los.

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