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Olympia: "Irrer Priester" verurteilt

Cornelius Horan wollte der Anbruch des "Jüngsten Gerichts" verkünden und brachte dabei den Brasilianer Vanderlei Lima um den Sieg im Marathonlauf. Seine Strafe: Drei Jahre auf Bewährung.

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Das ihm von einem wirren Iren geraubte Gold sollte Vanderlei Lima den schönsten Augenblick seines Lebens nicht verderben. Als "Sieger der Herzen" sprang er aufs Podest und feierte die Bronzemedaille eingehüllt in die brasilianische Fahne wie einen Olympiasieg. Der tosende Beifall der 70 000 Zuschauer beim farbenfrohen Abschluss der Spiele von Athen war Balsam auf die Wunden, die der verrückte Angreifer dem zum Zeitpunkt der Attacke führenden Marathonläufer zugefügt hatte. Dass ihm IOC-Chef Jacques Rogge neben Bronze auch die Fairness-Medaille Pierre de Coubertin umgehängt hatte, begriff er erst am Tag danach.

Horan rannte schon in Silverstone auf die Rennstrecke

Für Cornelius Horan hatte die irre Tat am Montag ein juristisches Nachspiel. Der ehemalige katholische Priester wurde zu drei Jahren Gefängnis auf Bewährung und 3000 Euro Geldstrafe verurteilt, teilte der Fernsehsender NET mit. Unter Tränen habe er dem Richter erklärt: "Ich wollte den Läufer nicht am Sieg hindern. Ich wollte verkünden, dass das Jüngste Gericht bevorsteht." Der geistig verwirrte 57-Jährige ist Wiederholungstäter. Schon vor einem Jahr, im Juli 2003, war er beim Formel-1-Rennen in Silverstone während des WM-Laufes über die Strecke gerannt und verhaftet worden.

Mit rotem Faltenröckchen, grünen Kniestrümpfen und dunkelgrüner Baskenmütze sprang der "irre Priester", so die Tageszeitung "Athlitiki", bei Kilometer 37 plötzlich auf die historische Marathon-Strecke und drängte den geschockten Lima von der Straße. "Der 29. August ist der Tag des Jüngsten Gerichts - ich musste intervenieren", sagte Horan bei der Polizei aus. Auf dem Rücken trug er ein Plakat, das er mit "der Priester der Grand Prix" unterschrieben hatte.

Keine Aussicht auf nachträgliches Gold

"Das war alles so überraschend; ich konnte überhaupt nicht reagieren", meinte Lima nach der Siegerehrung leise und total unaufgeregt. Er schien weit entfernt davon, jemandem einen Vorwurf zu machen. "Wer soll mit so etwas rechnen. Das war ein außergewöhnlicher Zwischenfall." Es bleibt nur eine vage Hoffnung auf ein zweites Gold neben dem italienischen Sieger Stefano Baldini. Das versuchten die Brasilianer beim Leichtathletik-Weltverband einzuklagen. Doch die IAAF nahm den Protest erst gar nicht an. Nun soll der Internationale Sportgerichtshof CAS entscheiden. Die Chancen? Nahezu aussichtslos. "Lima hat die Fairness-Medaille bekommen. Damit ist die Sache für das IOC abgeschlossen", sagte IOC-Mitglied Thomas Bach am Montag der dpa.

"Ich habe es geschafft, eine Medaille für mich und mein Land zu holen", sagte Lima und seine Freude klang ehrlich. "Vielleicht hätte ich ohne den Zwischenfall gewonnen." Baldini siegte ohne faden Beigeschmack. "Ich habe nichts mitbekommen, mich nur über die vielen Polizisten gewundert. Ich hätte sowieso gewonnen." Seinen Rückstand hatte er auf der zweiten Hälfte der 42,195 km kontinuierlich verringert; den völlig aus dem Rhythmus geratenen Lima aber erst einen Kilometer nach der Attacke überholen können.

Höhere Gewalt bedeutet Pech für den Athleten

Das Pech des Brasilianers geht in die Annalen der Olympischen Spiele ein. "Höhere Gewalt" ist das Stichwort. Auswirkungen auf die Vergabe der Medaillen wird der Zwischenfall ebenso wenig haben, wie die Kollision von Axel Lesser mit einer Ski-Touristin bei den Winterspielen 1976 in Innsbruck. Damals war der zweite Mann der DDR-Langlauf-Staffel mit der Unbekannten zusammen gekracht, hatte sich verletzt und musste aufgeben. Die erwartete Medaille war futsch. In Erinnerung ist der Sturz Lance Armstrongs vor einem Jahr bei der Tour de France, als er an der Tasche eines Zuschauers hängen blieb, das Rennen mit dem wartenden Jan Ullrich aber fortsetzen konnte.

Von Andreas Bellinger/DPA

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