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Hier spricht China, Teil 7: Das wahre "Dream Team" Chinas

Der Begriff "Dream Team" ist inzwischen auch in China allgegenwärtig in den Medien: Gewichtheber, Badminton-Spieler - kaum eine Mannschaft, die ohne dieses Prädikat gehandelt wird. Dabei hätte insbesondere ein Team diesen Titel ganz besonders verdient, findet unsere Kolumnistin Yuanchen Zhang.

Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona entstand der Begriff "Dream-Team." Dream-Team bezeichnet original die US-amerikanische Basketball-Nationalmannschaft. Im "Land der Kopien" wird das Wort nun einfach übernommen. Inzwischen werden in China die Nationalmannschaften, die viele Goldmedaillen abräumen, ebenfalls Dream-Team genannt. Zuvor hatten sich nur die chinesischen Kunst- und Turmspringer diesen Namen verdient, denn seit 1996 haben sie die meisten Goldmedaillen errungen: bei den Sommerspielen in Atlanta drei von vier, in Sydney fünf von acht und in Athen sechs von acht.

Bei den Olympischen Spielen in Peking haben die Chinesen gezeigt, dass China auch in anderen Disziplinen viele Goldmedaillen gewinnen kann. Die Gewichtheber etwa holten acht der vierzehn Goldmedaillen, die Turner neun von vierzehn. Auch die Mannschaften im Tischtennis und Badminton haben die Erfüllung ihres großen Plans fest vor Augen, und die Goldmedaillen-Aufgabe schon halbwegs erfüllt. Deswegen ist der Titel "Dream-Team" längst allgegenwärtig in den chinesischen Medien: Dream-Team der Gewichtheber, Dream-Team der Wasserspringer, Dream-Team der Tischtennis-Spieler...

Eine Mannschaft haben die chinesischen Medien vergessen

Aus meiner Sicht haben die chinesischen Medien eine Mannschaft vergessen, die den Titel Dream-Team am meisten verdient hätte: die Volleyball-Frauen-Nationalmannschaft. Bereits bei den Olympischen Sommerspielen 1984 in Los Angeles hat diese Mannschaft eine Goldmedaille gewonnen. Das Gold war besonders wertvoll, denn 1984 nahm die Volksrepublik China zum ersten Mal an den Olympischen Sommerspielen teil. Durch diese Medaille schrieben die Volleyballerinnen Geschichte, weil sie zuvor hintereinander viermal den Weltcup geholt und auch den Weltmeistertitel einheimst hatten. In Los Angeles waren sie nun auch noch die Besten bei Olympia.

Der Sieg war für die damalige Politik Chinas so wichtig, weil sich das Land nach der Öffnung zum ersten Mal auf einer großen internationalen Sportbühne präsentierte. Nach dem zehnjährigen Chaos in der Kulturrevolution brauchte das Land dringend ein Vorbild.

Sogar einen "Star" brachte die Mannschaft heraus, natürlich in einem anderen Sinne als heute. Lang Ping, mit ihrem Spitzennamen "Eisenhammer" genannt, war bekannt für ihre harten und schnellen Angriffe. Sie und ihre Teamkolleginnen waren Idole der Eltern-Generation. Aber auch die jungen Chinesen, die ihr Spiel selbst nicht gesehen haben, kennen sie.

Heute ist die 47-Jährige in Peking wieder dabei, diesmal aber als Trainerin für das Team der US-Volleyballerinnen. In der Vorrunde hat China gegen die USA verloren - und Lang Ping musste plötzlich mit den Vorwürfen leben, dass sie den Gegnern ihres Mutterlandes geholfen hat. In einem Land wie China, das für Patriotismus und Nationalstolz bekannt ist, ist eine solche Klage nachvollziehbar. Sie selbst sieht aber ihre Karriere in den USA als Internationalisierung des Sports.

Immer mehr Chinesen teilen inzwischen ihre Meinung. Schließlich kann man das patriotisch auch so interpretieren: Eine Chinesin ist Trainerin der US-Amerikaner, worauf eigentlich alle Chinesen stolz sein müssten. Heute um 14 Uhr trifft die chinesische Mannschaft im Halbfinale auf Brasilien. Wenn sie gewinnt, geht es im Finale wieder gegen die USA - und Lang Ping, den "Eisenhammer". Die meisten Chinesen sind voller Hoffnung, dass die chinesischen Volleyball-Damen ihren Erfolg der Achtzigerjahre nun in Peking wiederholen könnten. Der Sieg wird sehr wert geschätzt.

Volleyball hat in China einen ganz besonderen Stellenwert

Denn verglichen mit Gewichtheben, Tischtennis, Wasserspringen oder Turnen hat Volleyball in China einen besonderen Stellenwert. Traditionsgemäß sind die Chinesen nur gut bei den Sportarten, in denen Technik und Geschicklichkeit eine wichtige Rolle spielen, wie etwa Kunst- und Turmspringen. Bei den Ballsportarten und den Teamwettbewerben, die weltweit besonders große Aufmerksamkeit genießen, sind wir Chinesen dagegen nicht besonders erfolgreich. Männerfußball ist sogar eine Katastrophe. Eine Ausnahme bleibt Tischtennis. Da spielt man zwar auch mit Bällen. Leider ist der Ball jedoch zu klein, so klein, dass sich echte Patrioten heimlich schämen, warum ein großes Land nur mit einem so kleinen Ball erfolgreich sein kann.

Nun setzen wir all unsere patriotischen Hoffnungen auf Frauenvolleyball. Man hat eine Chance auf eine Goldmedaille, man spielt im Team, und der Ball ist groß genug für wirklich große patriotische Gefühle.

Yuanchen Zhang

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