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Tokio 2021 Die Krisen-Spiele: Steigende Coronafälle überschatten Beginn von Olympia

Olympische Ringe
Eine große Mehrheit der Japanerinnen und Japaner glaubt nicht an "sichere" Spiele
© Michael Kappeler / DPA
Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Tokio wird die Kritik immer lauter. Trotz strenger Schutzmaßnahmen wächst die Sorge vor einer massiven Corona-Ausbreitung. Schon jetzt gibt es knapp 70 Fälle.

"Schneller, höher, stärker – gemeinsam": So lautet das am Dienstag noch schnell um das "Gemeinsam" ergänzte neue Olympische Motto. Laut IOC-Präsident Thomas Bach soll die Änderung den "Fokus auf Solidarität" und ein "klares Zeichen" für ein Miteinander setzen. Wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es selten so großen Widerstand wie vor den Spielen in Tokio gab.

Japan ist im Alarmzustand. Es ist eingetreten, was viele im Vorfeld längst befürchtet hatten. Seitdem in den letzten drei Wochen Teams aus mehr als 200 Ländern in Tokio eingetroffen sind, gibt es bereits knapp 70 bestätigte Corona-Fälle, darunter Athleten, Mitarbeiter und Journalisten. Und dennoch werden die Sommerspiele – die wegen der Pandemie bereits um ein Jahr verschoben wurden – am Freitag beginnen.

68 Corona-Fälle – mehrere Athleten betroffen

Drei Tage vor Eröffnung der Spiele haben die Organisatoren zehn weitere Corona-Fälle registriert. Darunter ein Athlet im olympischen Dorf, wie das Organisationskomitee am Dienstagmorgen mitteilte. Damit steigt die Zahl der seit 1. Juli ermittelten positiven Tests auf 68.

Nach Beachvolleyball-Spieler Ondrej Perusic wurde nun auch Simon Nausch, Trainer der tschechischen Beachvolleyballerinnen, positiv getestet. Beide haben sich in Quarantäne begeben. Bei der im Olympia-Trainingslager der US-Mannschaft positiv getesteten Turnerin handelt es sich um Kara Eaker. Das bestätigte ihr Trainer Al Fong der Nachrichtenagentur AP. Die 18 Jahre alte Eaker befand sich noch nicht in Tokio, sondern zunächst nur zur Vorbereitung in der japanischen Stadt Inzai.

Am Sonntag hatte es drei weitere Athleten erwischt – darunter zwei Fußballer aus dem südafrikanischen Team, die bereits im olympischen Dorf eingezogen waren. Zu den 67 ermittelten Corona-Fällen kommen noch vier aus den Präfekturen hinzu. Die regionalen Behörden sind jedoch nicht dazu verpflichtet, Bericht über Fälle in Bezug auf die Sommerspiele zu erstatten. Eine Regel, die – wie so vieles andere – für Stirnrunzeln sorgt.

Kritik an Organisatoren wächst – politischer Drahtseilakt

Japan erlebte im Frühjahr eine heftige zweite Corona-Welle, die im Mai mit fast 6000 neuen Fällen pro Tag ihren Höhepunkt erreichte. Zwar begannen die Infektionszahlen im Juni langsam zu sinken, doch der positive Trend wurde in den letzten Wochen gestoppt. Nun wachsen die Befürchtungen, dass die Ankunft von rund 20.000 Athleten, Mitarbeiter und Medienvertreter die Spiele zu einem globalen Superspreader-Event machen könnten.

IOC-Chef Bach ist sich der Kritik der japanischen Bevölkerung und internationaler Beobachter durchaus bewusst. "Wir hatten jeden Tag Zweifel", bekennt der 67-Jährige am Dienstag zum Auftakt der 138. Session des Internationalen Olympischen Komitees und berichtet von "schlaflosen Nächten". Dennoch hält Bach die Spiele in Tokio für ein wichtiges Signal in der Corona-Pandemie. Olympia werde "den Menschen Vertrauen in die Zukunft geben".

Darauf hofft auch der japanische Ministerpräsident Yoshihide Suga. In seinem Grußwort an das IOC sprach er von einem "Ausgang nach einem langen Tunnel". Suga versicherte, man werde die Gesundheit und Sicherheit der japanischen Bevölkerung ebenso schützen wie die der Olympia-Gäste aus dem Ausland. Für ihn sind die Spiele längst zum politischen Drahtseilakt geworden. Laut einer aktuellen Umfrage der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo fiel die Zustimmung für sein Kabinett auf den tiefsten Stand seit seinem Amtsantritt im vergangenen Jahr. Eine Rekordzahl von 49,8 Prozent lehnt die konservative Regierung wegen der lockeren Corona-Politik und dem Festhalten an Olympia ab.

Suga, dessen Amtszeit als Partei- und damit Regierungschef am 30. September endet, muss spätestens am 21. Oktober Unterhauswahlen ansetzen. Sollte sich die Stimmung in der Bevölkerung nicht noch deutlich bessern, sieht es schlecht für ihn aus. Aktuell glaubt eine große Mehrheit der Japanerinnen und Japaner nicht an "sichere" Spiele, wie eine am Montag veröffentlichte Umfrage der japanischen Tageszeitung "Asahi Shimbun" ergab.

Top-Sponsoren distanzieren sich

Ein weiterer Rückschlag für die Olympia-Organisatoren ist die Distanzierung mehrerer Hauptsponsoren sowie führender Wirtschaftsvertreter. Nachdem der Autoriese Toyota bereits am Montag seine olympischen Werbespots zurückgezogen hatte, gehen auch andere führende Vertreter der japanischen Wirtschaft auf Distanz zu den Spielen.

Der Elektronikriese Panasonic, ebenfalls ein Top-Sponsor, gab am Dienstag bekannt, Konzernchef Yuki Kusumi werde der Eröffnungszeremonie am Freitag fernbleiben. Auch der Vorsitzende des mächtigen Wirtschaftsdachverbandes Keidanren, Masakazu Tokura, will sich die Zeremonie von zu Hause aus anschauen. Die Chefs des Unternehmerverbandes und der Industrie- und Handelskammer, Kengo Sakurada and Akio Mimura, haben ebenfalls kein Interesse, an der Eröffnungsfeier im Olympia-Stadion teilzunehmen.

Insgesamt stehen die Sommerspiele also unter keinem guten Stern. Zwar hat Tokio den Notstand ausgerufen und besondere Vorkehrungen getroffen – Zuschauer sind in den Arenen nicht zugelassen und auch für die Olympioniken gelten strikte Corona-Regeln. Und dennoch sprechen die steigenden Covid-Zahlen unter den internationalen Gästen für sich.

Es bleibt abzuwarten, ob die vom IOC betonte "Gemeinsamkeit" der Spiele am Ende tatsächlich für mehr Solidarität – oder doch nur für mehr Corona-Fälle sorgt.

Quellen:CNN, "The New York Times", mit DPA

tkr

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