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Sebastian Brendel Olympia in Coronazeiten: "Die Einschläge kamen näher, aber ich hatte immer dieses Ziel im Blick"

Sebastian Brendel gewann bereits mehrere Olympia-Medaillen für Deutschland
Sebastian Brendel gewann bereits mehrere Olympia-Medaillen für Deutschland
© Foto Olimpik/ / Picture Alliance
Sebastian Brendel gewann Gold in London, in Rio – und will nun in Tokio wieder auf das Siegertreppchen. Im Gespräch mit dem stern spricht er über die Vorbereitung während der Corona-Pandemie und technische Helfer beim Training.

Herr Brendel, Sie sind einer der erfolgreichsten deutschen Sportler: Sie besitzen ein Dutzend goldene EM-Medaillen, wurden zehnmal Weltmeister, holten dreimal Gold bei den Olympischen Spielen in London und Rio de Janeiro. Was ging ihnen durch den Kopf, als im vergangenen Frühjahr die Spiele in Tokio verschoben wurden?

Ich war ehrlich gesagt erleichtert, dass die Spiele verschoben und nicht komplett abgesagt wurden.

Aber war es nicht frustrierend, jahrelang für einen Augenblick zu trainieren und kurz vorm Ziel eine Vollbremsung einlegen zu müssen?

Die Entscheidung war in meinen Augen richtig. Am wichtigsten ist es, dass Sportler, die Teams und die Zuschauer gesund bleiben. Das konnte man bei einem Mega-Event dieser Größenordnung nicht gewährleisten. Es gab damals ja weder Impfstoffe noch Schnelltests. Dieses Jahr sieht es deutlich besser aus.

Die Trainingspläne werden lange im Voraus erstellt, sodass man so fit wie möglich ist, wenn man in Olympia an den Start geht. Eine Verzögerung um ein Jahr ist nicht vorgesehen. Fällt man da nicht in ein Motivationsloch?

Ich glaube, das war sehr individuell von Sportler zu Sportler. Ich bin ja schon bisschen älter. Als Olympia wegen Corona verschoben wurde, war mir direkt klar, dass ich erstmal eine kleine Auszeit nehme und stattdessen mehr Zeit mit der Familie verbringe. Für die war es ja auch eine ungewohnte Situation. Natürlich habe ich meinen Körper fit gehalten, aber ich habe nicht das gleiche Pensum trainiert, dass ich für die Olympischen Spiele benötigt hätte. Rückblickend hat es mir gut getan, noch einmal die Akkus aufzutanken und ab Herbst die Trainingsvorbereitungen wieder hochzufahren.

Im Herbst begann die zweite, noch heftigere Coronawelle. Wie hat das Ihre Olympia-Vorbereitung durcheinandergewirbelt?

In den Vereinsräumen hatten wir strenge Hygieneregeln, so mussten wir uns etwa bei der Belegung der Krafträume abstimmen. Auf dem Wasser konnten wir aber immer trainieren. Generell durften im Land Brandenburg die Olympiakader jederzeit am Olympiastützpunkt trainieren.

Normalerweise gehören Trainingscamps im Ausland zur Olympia-Vorbereitung.

Eigentlich reisen wir immer zum Trainingslager nach Florida, stattdessen ging es im November in die Türkei. Es war sehr ungewohnt, nach Monaten der Pandemie wieder im Flieger zu sitzen und gemeinsam mit anderen zu reisen. Damals war ja noch niemand geimpft. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Wir haben in den Trainingsmonaten das Bestmögliche getan, um Infektionen zu vermeiden, aber natürlich hat es auch Sportler bei uns erwischt. Einige hatten sogar schwere Verläufe. Im Frühjahr hatten sich immer mehr Menschen aus dem eigenen Umfeld angesteckt. Die Einschläge kamen näher, aber ich hatte immer dieses Ziel im Blick. Rückblickend eine bizarre Situation.

Die Ansteckungen passierten vermutlich nicht in den Trainingsräumen, sondern eher im Privaten. Sie haben selbst zwei Kinder. Haben Sie sich für das Training isoliert? 

Das war ein schwieriges Thema für mich und meine Familie. Die Kinder gehen in die Schule und hätten das Virus jederzeit unbemerkt mitbringen können. Auch im Verein war ich permanent von Menschen umgeben, von denen ich nicht wusste, wie viele Kontakte sie jeweils haben. Ich habe immer versucht, Abstand zu wahren - aber zuhause war das nicht möglich.  

Die Weltklasse-Kanutin Steffi Kriegerstein erklärte im Frühjahr ihren Verzicht auf die Olympischen Spiele in Tokio, weil sie mit den Langzeitfolgen einer Corona-Infektion zu kämpfen hatte. Sie klagte über Kopfschmerzen, Schwindel und sagte, sie sei “platt wie verrückt”.

Das tut mir sehr leid für Steffi und ließ auch mich grübeln. Wenn ich mich als Teilnehmer vor einer Qualifikation infiziert hätte, wäre das Thema Olympia für mich abgehakt gewesen. All der Aufwand wäre umsonst gewesen. Allein deshalb habe ich meine Kontakte so weit beschränkt wie es möglich war.

Die meisten Sportler wurden ab April gegen Covid-19 geimpft. Einige Sportler haderten jedoch aus Angst vor Impfnebenwirkungen, die den Trainingsfortschritt gefährden könnten. Wie war Ihre Einstellung dazu? 

Ich wollte die Impfung so schnell wie möglich haben. Das Datum war kurz vor einer wichtigen Qualifikation. Ich hatte zum Glück sehr geringe Nebenwirkungen, aber das hätte auch nach hinten losgehen können. Mir war es das Risiko aber wert, allein wegen meiner Kinder.

Die Corona-Auflagen waren in vielen Ländern unterschiedlich. Im Mai fanden die ersten internationalen Wettkämpfe statt. Wie fit ist die Konkurrenz? 

Wir haben die internationale Konkurrenz lange nicht gesehen. Wir konnten uns kaum im Wettbewerb vergleichen. Die Chinesen sind etwa 2019 das letzte Mal die Weltmeisterschaft gefahren und werden erst in Tokio wieder an den Start gehen. Das ist eine Wundertüte für uns. 

Sie haben bereits dreimal eine Olympische Gold-Medaille erhalten und sind einer der Anwärter für Tokio. Wie schaffen Sie es, auf diesem Top-Niveau zu bleiben?

Durch hartes Training. Im Boot fahren mein Partner und ich um die 25 Kilometer pro Tag. Wir haben täglich vier Trainingseinheiten, dazu Krafttraining. Wir ackern von früh bis spät für den Erfolg. Immer wichtiger wird jedoch auch Technik: Auf unseren Booten haben wir etwa GPS-Tracker, welche unsere Schlagzahl, Geschwindigkeit und so weiter messen. Diese Daten werden direkt auf das iPad unserer wissenschaftlichen Assistenten gefunkt, sodass wir jede einzelne Phase im Detail analysieren können. Dadurch finden wir heraus, an welchen Stellen wir Geschwindigkeit verlieren.

Das iPad ist aus Ihrem Trainingsalltag nicht mehr wegzudenken.

Im Zweier- und Vierer-Kanu ist es entscheidend, dass unsere Bewegungen möglichst synchron ablaufen. Jede Verzögerung, und sei sie auch noch so minimal, kostet uns Kraft und Tempo. Deshalb fährt der Trainer auf einem Motorboot hinter uns her und filmt uns mit dem iPad. Allerdings nicht in normaler Aufnahmegeschwindigkeit, sondern im Slow-Motion-Modus.

Slow-Motion-Aufnahmen des iPad Pro sollen bei der Analyse der Bewegungen helfen
Slow-Motion-Aufnahmen des iPad Pro sollen bei der Analyse der Bewegungen helfen
© Andreas Scheuerpflug

Wozu benötigt der Trainer Zeitlupenaufnahmen?

Die Versatzzeiten zwischen den beiden Kanuten betragen mitunter nur 0,01 Sekunden. Mit bloßem Auge erkennt man das nicht, diese Unterschiede sieht man nur mit solcher Technik. Das Tablet hat den Vorteil, dass wir die Aufnahmen direkt in der Pause auswerten und bereits in der nächsten Trainings-Session nachjustieren können. Früher wurde aufwendig mit Kameras gefilmt, die alten VHS-Kassetten liegen heute noch im Trainingszentrum herum. Das geht heute natürlich viel einfacher.

Ihr Mentor ist Jürgen Eschert, er war der erste deutsche Olympiasieger im Kanu. Er holte seine Goldmedaille 1964 - in Tokio.

Er wäre auch gerne diesmal mit nach Tokio gefahren. Weil jedoch keine Zuschauer erlaubt sind, wird das leider nicht klappen. Ich war aber bereits zu einem Test-Wettkampf 2019 mit ihm dort. Wir haben gemeinsam seine Strecke von 1964 besichtigt. Das war eine andere als heute, wunderschön in den Bergen gelegen. Bei diesem Besuch hat er einen Gegner von damals getroffen, der mit ihm an den Start ging - das war ein sehr emotionaler Moment.

Sie haben bereits mehrfach Gold gewonnen. Wie motivieren Sie sich, immer wieder ans Limit zu gehen, erst recht durch so eine Pandemie?

Das waren einfach wunderschöne Momente. Für seine Leistung und sein Training belohnt zu werden macht auch ein Stück weit süchtig. Man will zeigen, dass man der Beste ist. Das Gefühl ist wunderschön, und das treibt mich an, weiterzumachen.

Wenn es nochmal mit einem Platz auf dem Siegertreppchen klappt, wäre diese Medaille unter Coronabedingungen für Sie mehr wert als die bisherigen?

Klar wäre das etwas Besonderes, man hat ja schließlich ein Jahr länger für diese Olympischen Spiele trainiert. Aber jede Medaille hat ihre eigene Geschichte. Vor allem aber müssen wir erst einmal dort hinkommen.


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