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Debakel beim ATP Cup Zwischen Wut und Verzweiflung: Alexander Zverev und die mysteriöse Krise

Alexander Zverev
"Ein Fall für den Psychologen": Deutschlands Teamkapitän Boris Becker redet beim ATP Cup auf Alexander Zverev ein
© Patrick Hamilton/AFP
Er zertrümmert Schläger, pöbelt gegen den eigenen Vater und lässt sich von einer abenteuerlichen Aufschlagschwäche in den Wahnsinn treiben: Deutschlands Tennis-Superstar Alexander Zverev legt beim ATP Cup in Australien ein Verhalten an den Tag, das alle Beteiligten ratlos zurücklässt.

Nick Kyrgios kam kaum hinterher: Bei jedem Doppelfehler von Alexander Zverev gegen Alex de Minaur setzte der Australier auf der Bank seines Teams zu Liegestützen an – und der Deutsche leistete sich in seinem Auftakteinzel gegen Australien beim ATP Cup in Brisbane insgesamt 14. "Was soll ich sagen", kommentierte Zverev den Spott des Gegners im Anschluss, "das ist Nick."

So souverän zeigt sich der 22-Jährige dieser Tage sonst nicht. Im Gegenteil: Das Verhalten, das der beste deutsche Tennisspieler zum Start in die Saison 2020 an den Tag legt, lässt alle Beteiligten ratlos zurück. Auch seine zweite Partie gegen Stefanos Tsitsipas ging sang- und klanglos verloren, diesmal mit zehn Doppelfehlern, und nur weil das deutsche Doppel Krawietz/Mies anschließend in einem dramatischen Entscheidungsmatch nach sechs abgewehrten Matchbällen noch den Sieg gegen Griechenland holte, blieb der Truppe von Teamkapitän Boris Becker noch ein bisschen Hoffnung auf die Runde der letzten acht in Sydney. Die zerstob dann allerdings schnell nach der 1:2-Niederlage gegen Kanada. Zverev hatte dabei sein Einzel sang- und klanglos mit 2:6, 2:6 gegen Shapovalov verloren und dabei erneut eine erschreckend schwache Leistung gezeigt.

Die rätselhaften Auftritte des Alexander Zverev

Die Auftritte der deutschen Nummer eins in Australien bleiben ein Rätsel. Wie schon über weite Strecken der vergangenen Saison ist Zverev immer noch auf der Suche nach seinem Aufschlagrhythmus. Beim zweiten Service trifft er den Ball ständig zu tief. Daraus hat sich mittlerweile eine abenteuerliche Schwäche entwickelt, die Becker "einen Fall für den Psychologen" nennt.

Der Spieler ist darüber ziemlich offensichtlich der Verzweiflung nah. Gegen de Minaur zertrümmerte Zverev seinen Schläger mit sieben heftigen Hieben, gegen Tsitsipas haderte er mit einer ersten Aufschlagquote von unter 50 Prozent: "Ich verstehe es nicht, ich kann nicht aufschlagen", jammerte Zverev auf der Bank neben Becker: "Alles andere klappt, aber der Aufschlag ist weg."

Richtig unangenehm für den neutralen Beobachter wurde es, als sich der Weltranglistensiebte seinen Vater vorknöpfte: "Halt die Klappe, was zum Teufel redest du da?", brüllte er den hinter ihm in der Box sitzenden Alexander Zverev senior an. "Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß."

Es sind Aussetzer dieser Art, die Zverev sich immer mal wieder leistet und die ihm bei einigen Fans den Ruf des kühlen, arroganten und oft ungehaltenen Jungprofis eingebracht haben. Dabei ist er ein heller Kopf, der nicht selten kluge Sachen sagt. Aber er wird längst nicht geliebt wie einst zum Beispiel Boris Becker, der mit Anfang 20 allerdings auch schon drei Wimbledon-Trophäen in der Vitrine hatte.

Hier könnte ein Ansatz zur Erklärung von Zverevs mysteriöser Krise liegen: Seit er zum Abschluss der Saison 2018 bei der ATP-WM in London seinen ersten großen Titel gewinnen konnte, erwartet Tennis-Deutschland den nächsten Schritt von einem der talentiertesten Spieler auf der Tour – den Triumph oder zumindest eine Finalteilnahme bei einem Grand-Slam-Turnier.

Die Erwartungshaltung lähmt ihn

Doch bei den großen vier Turnieren kam er bislang nicht über das Viertelfinale hinaus. Das Jahr 2019, in das er mit großen Hoffnungen gestartet war, geriet insgesamt eher enttäuschend. Patrick Moratuglo, Startrainer der Tenniswelt und Coach von Serena Williams und Tsitsipas, übte im Dezember im Gespräch mit dem "Spiegel" öffentlich Kritik an Zverev. Dieser sei dank seiner Qualitäten im Ranking zwar schnell geklettert: "Aber in dieser Zeit hat er keine anderen Dinge entwickelt, die notwendig sind, um einen Grand Slam zu gewinnen." Deshalb müsse er schnell kapieren, dass er sich verbessern muss, vor allem müsse er aufhören, nur zu verteidigen.

Zverev selbst dürfte diese Entwicklung, die zuletzt eher einer Stagnation glich, am meisten wurmen. Die Erwartungshaltung – der Öffentlichkeit, aber vor allem seine eigene – lähmt ihn, beim Aufschlag und überhaupt, und sie droht ihn auf Dauer in eine Abwärtsspirale zu katapultieren. 

Es ist vielleicht die schwierigste Situation seiner immer noch jungen Karriere: diese psychische Blockade endlich zu lösen und den Schritt vom Masters-Turniersieger zum ernsthaften Grand-Slam-Titelanwärter zu schaffen. Sollte ihm das gelingen, ist alles möglich. Denn eine Krise zu bewältigen wie jene, in der sich Alexander Zverev im Januar 2020 befindet: Das ist der Stoff, aus dem Champions gemacht sind.


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