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Boxen Boxing Day - Die Legende Bernard Hopkins


Niedergestochen, inhaftiert, im Ring besiegt und betrogen, doch immer wieder aufgestanden. Der Rekordhalter im Mittelgewicht und ältester Weltmeister aller Zeiten tritt am Samstag gegen Chad Dawson an. Wir zeichnen die ungewöhnliche Karriere des Bernard Hopkins nach.

Am Wochenende boxt Bernard Hopkins gegen Chad Dawson um den Weltmeistertitel im Halbschwergewicht. Die Vita des Bernard Hopkins liest sich wie eine Geschichte, die alles verköpert, was der Boxsport hergibt. Er fügte Felix Tito Trinidad seine erste Niederlage zu, er schlug Oscar de la Hoya, Kelly Pavlik und zuletzt den 18 Jahre jüngeren Titelträger Jean Pascal.

B-Hop sorgte dafür, das Boxer wie Joe Lipsey in den Ruhestand gingen. Er beendete Karrieren und zerschlug Träume, aber er musste auch selbst im Leben, wie im Boxring, einige Niederlagen einstecken. Er wuchs in den Straßen von Philadelphia auf und kam durch eine Messerattacke beinahe ums Leben. Er saß fünf Jahre im Gefängnis.

Im Ring waren die Niederlagen gegen Roy Jones Jr., Jermaine Taylor oder Joe Calzaghe schmerzhafte Erfahrungen. Aber Hopkins stand immer wieder auf und jetzt ist er mit 46 Jahren der älteste Weltmeister der Boxgeschichte. B-Hop hat es verdient, noch einmal ganz oben zu stehen. Wir erzählen die Geschichten rund um das Phänomen Bernard Hopkins.

The Streets of Philadelphia

Wie Sylvester Stallone in dem Film "Rocky“ ist Bernard Hopkins in Philadelphia aufgewachsen. Doch Hopkins Geschichte spielt im richtigen Leben. Er war Teil einer großen Familie, eines von acht Kindern, für ihn war allerdings die Straße seine "Familie“ - der Ort, wo er alles lernte, was er zum Überleben brauchte. "Ich hatte die Wahl ein Lamm oder ein Wolf zu sein und ich entschied mich dafür, ein Wolf zu sein. Menschen hatten Angst vor mir“, so Hopkins in einem Interview für das Spiel Fight Night Champion.

Allerdings gingen dieser Wahl, der Wolf zu sein, auch einige tiefgreifende Erfahrungen voraus. Er wurde auf den Straßen von Philadelphia fast getötet. "Ich erinnere mich an den Tag. Ich habe Streetfootball gespielt und der Freund meiner Schwester hat mir mit einem Steakmesser aufgelauert. Ich war zu bekifft, als das ich mich hätte wehren können. Ich habe es kaum realisiert, als er mir das Messer reinrammte. Ich habe ein warmes Gefühl gehabt, alles war voller Blut. Dabei hatte ich Glück, er traf mich knapp neben dem Herzen. Ich musste zwei Monate im Krankenhaus bleiben. Danach hatte ich keine moralischen Werte mehr“, erzählt Hopkins mit verdunkelter Miene.

Zweite Geburt oder Leben im Dreck

Hopkins stiehlt und prügelt sich, wird zum Wolf auf den Straßen Philadelphias. "Nach dem das Schlechte über das Gute gewonnen hatte, war es schwer, nicht korrupt zu sein, in vielerlei Hinsicht“, spricht B-Hop über diese Zeit. "Die Leute, die dieses Leben kennengelernt haben und diesen Weg gegangen sind, die haben später entweder eine zweite Geburt erlebt oder sind noch immer dort unten im Dreck.“ Für Hopkins war die zweite Geburt sein Gefängnisaufenthalt. Als 17-Jähriger wurde er nach einem Überfall zu 18 Jahren Haft im Graterford Prison verurteilt. Das Leben im Gefängnis beschreibt er als eigene Welt, mit eigenen Regeln, noch härter, als auf der Straße.

"Wie du gehst kann dich in eine Auseinandersetzung bringen, wenn du jemand falsch anguckst kannst du in eine Auseinandersetzung geraten. Ich habe gesehen, wie Leute abgestochen wurden, wie Menschen geprügelt wurden, mit einem Vorhängeschloss in einer Socke verprügelt wurden. Die Socke war danach blutrot von den Kopfwunden. So ist es im Gefängnis“, was Hopkins erlebt hat, kennen die meisten "bösen Jungs“, die ihm im Ring begegnen, nur aus dem Fernsehen. Viele mögen Bernard Hopkins nicht, da er sich gerne mit Leuten anlegt, verbal über das Ziel hinaus schlägt oder arrogant wirkt. Wenn er über die Zeit im Gefängnis spricht, dann ist er niemand, den man als Freund haben will, aber sympathisch ist er einem trotzdem, weil er echt ist.

Der Respekt ist meine Medizin

"Du musst im Gefängnis den Leuten ins Gesicht sehen und sagen: 'Wenn es sein muss, dann bin ich bereit dich zu töten' Und du musst das Spiel richtig spielen, du kannst nicht nur reden, du musst das Spiel leben. Bloß zu reden kann dich im Gefängnis umbringen. Was dir Respekt einbringt ist, wenn du handelst.“ Das Leben in Graterford führte ihn aber auch zurück zum Boxen. Wenn er über das Boxen in dieser Zeit spricht, dann leuchten seine Augen.

"Es gab dort richtige Turniere, D-Block gegen E-Block, A-Block gegen B-Block usw. Und wenn du Glück hattest und du dir einen gewissen Status erboxt hast, dann durftest du zu Turnieren außerhalb fahren. Dann wurde man mit Handschellen gefesselt in einem Bus dort hingefahren und durfte in richtigen Turnieren in anderen Anstalten teilnehmen. Dort wurde ein Ring im Hof aufgebaut und sie hatten richtige Ansager und die Nationalhymne wurde gespielt. Ich habe mir dort den Respekt erarbeitet. Das war wie Medizin für mich.“ Als er wegen guter Führung schon nach fünf Jahren entlassen wurde, wollte er es allen beweisen, doch er verlor seinen ersten Profi-Kampf gegen Clinton Mitchell im Jahre 1988.

Von dieser Niederlage musste er sich erholen, er musste eine Entscheidung für sein Leben treffen und entschied sich weiter zu boxen. "Die Alternative wäre gewesen, dass ich wieder im Gefängnis lande, da war mir klar, was ich wollte und ich gewann meine nächsten 22 Kämpfe“, so Hopkins stolz. Doch ausgerechnet die erste Chance auf einen Titelkampf wurde zum Desaster. Hopkins wurde einmal mehr zu einem Kämpfer, der Rückschläge hinnehmen musste, aber nie aufgab. Wir haben einige Geschichten rund um seine größten Kämpfe zusammengetragen.

Der Start einer großen Karriere... für Roy Jones Jr.
1993 - Bernard Hopkins (22-1-0) vs. Roy Jones Jr. (21-0-0)

An einem regnerischen Tag im Mai 1993 ist der Kampf Roy Jones Jr. gegen Bernard Hopkins – man mag es heute kaum glauben – nicht der Hauptkampf des Abends. Im Rahmenprogramm von Riddick Bowe, der seinen Schwergewichtstitel im RFK Stadion in Washington verteidigen sollte, boxten Jones Jr. und Hopkins um den vakanten IBF-Titel im Mittelgewicht. Hopkins verlor nach 12 harten Runden, alle drei Richter hatten Roy Jones Jr. vorne gesehen, für den es ebenfalls der erste Titelkampf war. Mit dem Sieg gegen Hopkins begann für Roy Jones Jr. eine steile Karriere, die allerdings derzeit bei Weitem unwürdiger zu enden scheint, als die von Bernard Hopkins. Jones verlor sieben seiner letzten zwölf Kämpfe.

Rückschlag und Revenge
1994 und 1995 – Bernard Hopkins (26-2-0) vs. Segundo Mercado (18-2-0)

18 Monate und vier siegreiche Aufbaukämpfe später bekam Hopkins die zweite Chance auf den Titel. The Executioner trat gegen den Ecuadorianer Segundo Mercado an. Hopkins reiste erst einige Tage vor dem Kampf an und hatte mit der Höhe in Quito (10,000 Meter über dem Meerespiegel) zu kämpfen. Er musste erstmals in seiner Karriere zu Boden. In der fünften Runde erwischte ihn ein Aufwärtshaken, in der siebten eine Linke. Dennoch hatte er den Kampf ansonsten beherrscht und verdiente sich ein Unentschieden, einige Beobachter sind der Meinung, er hätte gewinnen müssen. Die IBF ordnete einen Rückkampf an und Hopkins gewann in Maryland durch TKO in Runde sieben seinen ersten Weltmeistertitel im Profiboxen.

Der Gegner, der nie wieder boxte
1996 Bernard Hopkins (28-2-1) vs. Joe Lipsey (25-0-0)

Nach dem Titelgewinn begann die Zeit des Bernard Hopkins. Er konnte seinen Titel 20 Mal verteidigen, zehn Jahre war er IBF-Champion – ein Mittelgewichts-Rekord, der bis heute Bestand hat. Dabei boxte er bei Weitem nicht nur Fallobst. Schon im zweiten Kampf nach Mercado wartete der ungeschlagene Joe Lipsey auf ihn. Das Schicksal hätte vielleicht auch den talentierten Lipsey zum Champion machen können, doch es kam anders. In der vierten Runde besiegte B-Hop Lipsey durch KO. Lipsey litt an Asthma und hatte gegen Hopkins mit Atemproblemen zu kämpfen.

"Ich dachte nach dem Kampf, dieser Typ (Hopkins) ist ein Looser, wie er sich benimmt, ich bin der bessere Typ und der bessere Kämpfer. Ich war so wütend, dass ich damals dem Tod nahe war“, rekapitulierte Lipsey Jahre später in einem Interview mit sweetboxing.com. Lipsey war wütend auf jeden, auf Hopkins, auf Gott. "Als mich mein Vater Jahre später auf diese Zeit ansprach, sagte er, ich hätte den Tod in meinen Augen gehabt. Ich war beeindruckt, er hatte recht. Eltern wissen alles über ihre Kinder, sie können es an deinem Blick erkennen.“ Er stieg nie wieder in den Ring und sein Gegner machte die große Karriere.

100.000 Dollar auf sich selbst gewettet
2001 – Bernard Hopkins (39-2-1) vs. Felix Trinidad (40-0-0)

Hopkins brachte dem bis dahin ebenfalls ungeschlagenen Glen Johnson seine erste Niederlage bei. Er schlug Robert "Armed and Dangerous“ Allen. Er besiegte Syd "The Jewel“ Vanderpool und Antwun "Kid Dynamite“ Echols. Einer seiner größten Siege war aber wohl der Kampf um die WBC-, WBA- und IBF-Krone gegen Felix "Tito" Trinidad. Der Kampf war Teil eines Turniers, bei dem Hopkins zunächst Keith Holmes schlug, Trinidad siegte derweil gegen William Joppy. Im September 2001 kam es schließlich zum Showdown im Madison Square Garden in New York. Hopkins war zum ersten Mal seit langer Zeit nicht der Favorit, doch er war fest von sich überzeugt, setzte 100.000 Dollar auf seinen Sieg.

Der Kampf begann langsam, aber wurde von Runde zu Runde spannender. Trinidad konnte in der sechsten Runde mit seinen linken Haken Eindruck schinden, aber Hopkins wirkte unzerstörbar. Er deckte den früheren Weltergewichtsweltmeister mit rechten Haken ein und in der zwölften Runde warf die Ecke des Puerto Ricaners das Handtuch. Hopkins hatte drei Weltmeistertitel vereinigt und sollte seine Titel sechs Mal verteidigen, unter anderem in einem KO-Sieg gegen Oscar De La Hoya, der ihm auch den letzten der relevanten Weltmeistertitel einbrachte. Mit dem WBO-Gürtel hatte er es als einziger Mittelgewichtler aller Zeiten geschafft, alle Gürtel der großen Verbände nacheinander zu vereinen.

The Fall and Rise of Bernard Hopkins
2005 – Bernard Hopkins (46-2-1) vs. Jermaine Taylor (23-0-0) I und II
2008 – Bernard Hopkins (48-4-1) vs. Joe Calzaghe (44-0-0)
2008 – Bernard Hopkins (48-5-1) vs. Kelly Pavlik (34-0-0)
2010 – Bernard Hopkins (50-5-1) vs. Roy Jones Jr. (54-6-0)

Es folgten zwei Niederlagen gegen Jermain Taylor. Beide Kämpfe gingen über 12 spannende Runden. Der erste Kampf verlief denkbar knapp, viele Beobachter waren der Meinung, Hopkins hätte gewinnen müssen, doch die Ringrichter werteten 2-1 gegen ihn. Den Rückkampf verlor er verdient und seine Karriere schien sich dem Ende zuzuneigen. Immerhin war er zu diesem Zeitpunkt bereits 40 Jahre alt. Er stieg ins Halbschwergewicht auf und schlug Antonio Tarver, verlor aber zwei Jahre später gegen Joe Calzaghe.

Doch auch dieser Kampf hätte zugunsten von B-Hop ausgehen können. Die Presse war auf seiner Seite. The Associated Press, New York Daily News, Yahoo! Sports, ESPN.com und Fighthype waren alle der Meinung, dass Bernard Hopkins Calzaghe geschlagen habe. Hopkins machte weiter und 2008 konnte er Kelly Pavlik dessen erste Niederlage beibringen.

2010 kam es zum lang ersehnten Rematch gegen Roy Jones Jr. 17 Jahre nach ihrem ersten Duell in Washington konnte Hopkins süße Rache an Roy Jones Jr. nehmen. Der mittlerweile 45 Jahre alte Hopkins besiegte den vier Jahre jüngeren Kontrahenten im Mandalay Bay Hotel in Las Vegas über zwölf Runden nach Punkten. Es war ein hässlicher, schmutziger und des Boxens unwürdiger Kampf. Aber für B-Hop war es wichtig, diese Scharte ausgewetzt zu haben.

Foreman den Rekord geklaut
2011 – Bernard Hopkins (51-5-1) vs. Jean Pascal (26-1-0) I und II

Nach dem grässlichen Hopkins vs. Jones Jr.-Kampf wurde B-Hop schon als Box-Opa verschmäht. Was er dann gegen Jean Pascal abgelieferte, nötigte jedoch Respekt ab. Im Pepsi Coliseum in Quebec City (Kanada) ging der 45-Jährige zwar in der ersten und dritten Runde zu Boden, schaffte es dann aber den 18 Jahre jüngeren Pascal auszuboxen. Pascal kämpfe zu passiv und zeigte sich langsamer als erwartet. Am Ende entschieden die Ringrichter 113:113, 114:114 und 114:112 (für B-Hop).

Der Kampf wurde als Unentschieden gewertet und Pascal blieb damit Weltmeister. Da Hopkins nahezu alle Runden, bis auf die ersten drei, für sich entschied, war das Urteil wohl durch den Heimvorteil beeinflusst. Der Rückkampf rückte die Dinge allerdings zurecht. Hopkins wurde am 21. Mai 2011 in Montreal (Kanada) endgültig zum Phänomen. Durch seinen Punktsieg gegen Jean Pascal wurde er zum ältesten Weltmeister aller Zeiten. "Bernard Hopkins hat jetzt schon viele Boxerleben gelebt, aber durch den Sieg gegen Pascal ist er nun wiedergeboren“, zollte ESPN-Kolumnist Dan Rafael dem Halbschwergewichtler Respekt.

B-Hop beeindruckt trotz seines Alters durch Balance, eine unglaubliche Kondition und eine gute Defensive. The Executioner ist ein Vorzeigeathlet. Das soll nun auch Chad Dawson (30-1-0) zu spüren bekommen. Doch wann ist für den im Januar 47 Jahre alten Hopkins Schluss? "Ich habe keine gute Antwort auf die Frage, wann ich aufhören will. Ich weiß nur, dass ich 2012 noch boxen will. Ich habe noch keine Namen im Kopf, aber eines ist sicher, die Klitschkos werde ich nicht boxen“, scherzte Hopkins im Interview mit craveonline.com. "Ich mache weiter, weil ich es kann, weil ich den Köper und den Geist dazu habe“, ergänzte er zuletzt bei Skysports.

Auf die Frage, wie er in Erinnerung bleiben möchte, sagte er nur "Guts!“ Einem Kämpfer, der so oft wieder aufgestanden, so viele Schlachten geschlagen und Rekorde gebrochen hat, wird man dieses Attribut allemal zugestehen. "Schneid gezeigt“, das hat Bernard Hopkins nicht nur einmal in seinem Leben. So verrückt er auch ist, er gehört zu den ganz großen Kämpfern der Boxgeschichte, wie der Fight am Samstag auch ausgehen mag.

Michel Massing

sportal.de sportal

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