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Meinung

Fahrlässige Funktionäre: Zwischen Ignoranz und Überforderung: Das abenteuerliche Krisenmanagement der Sportwelt

Fast widerwillig passt sich in Zeiten der Coronakrise die internationale Sportwelt an die Realität an. Dabei wird auf erschreckende Weise deutlich, wie weltfremd viele Verantwortliche mit der Situation umgehen.

Thomas Bach

Hat hier irgendwer Corona gesagt? IOC-Präsident Thomas Bach lehnt Spekulationen über eine Absage oder Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio kategorisch ab.

Jetzt also die Fußball-EM. Seit Tagen schon werden Sportfans in aller Welt Zeuge, wie weltfremd sich Verbandsfunktionäre und andere Verantwortliche im Umgang mit der Coronakrise gerieren. Die Diskussion um eine Absage des Länderturniers, das eigentlich am 12. Juni in Rom eröffnet und anschließend über vier Wochen in zwölf Ländern stattfinden soll, stellt da nur ein weiteres Kapitel dar.

Der frühere DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig hat im ZDF-Sportstudio gesagt, dass man weder Prophet noch Wissenschaftler sein müsse, um festzustellen: "Es kann keine EM gespielt werden." Nun ist Rettig aber lange genug im Geschäft, dass er wissen sollte, dass im Fußball weder zuvorderst der gesunde Menschenverstand entscheidet noch Ethik und Moral eine übergeordnete Rolle spielen – mal abgesehen von den stets herrlich-peinlichen Momenten, wenn Nationalmannschaftskapitäne kurz vor dem Anpfiff noch schnell einen Dreizeiler gegen Rassismus vom Zettel ablesen.

EM: Verlegung in den Dezember wird diskutiert

Und so geht es auch in der Posse rund um die EM mal wieder ausschließlich um finanzielle Interessen. Anders wäre auch gar nicht zu erklären, warum offenbar eine Verlegung des Turniers in den Dezember als bevorzugter Vorschlag diskutiert werden soll. Das macht weder aus medizinischer Sicht Sinn (Chefvirologe Christian Drosten von der Berliner Charité befürchtet im Herbst eine dramatisch zunehmende Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus), noch aus meteorologischer (Dezember!).

Es macht eben nur dann Sinn, wenn man bedenkt, dass die Fifa für den Sommer 2021 – den eigentlich logischeren Ersatztermin – ihre reformierte (und denkbar überflüssige) Klub-WM in China terminiert hat. Nicht dass man von den Fußball-Weltverbänden andere Interessensgrundlagen erwarten würde – und in diesem Fall kann man ihnen fast dankbar sein, dass sie noch nicht einmal einen großen Hehl aus ihren Bedenken machen.

NBA-Star Rudy Gobert wurde positiv auf das Coronavirus getestet.

Außerdem befinden sie sich mit ihrem absurden Krisenmanagement zwischen Ignoranz und Überforderung in guter, sprich: schlechter Gesellschaft mit der restlichen Sportwelt. Wie sich die Bundesliga lange mit allen Mitteln gegen eine Einstellung des Spielbetriebs sträubte, wie sie sich so zögerlich und fast widerwillig der Realität anpasste, das erinnerte nicht nur die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" an einen "Spieler, der in jedem Zweikampf zu spät kommt."

Noch schlimmer waren anschließend die Kommentare einiger Verantwortlicher. Als zunächst der rücksichtslose Beschluss im Raum stand, vor der Zwangspause noch schnell einen Geister-Spieltag durchzuführen, führte Karl-Heinz Rummenigge die Entscheidung in einer seltenen Mischung aus Ehrlichkeit und Schamlosigkeit auf den lukrativen TV-Vertrag zurück. Wenig besser als der Vorstandschef der Bayern äußerte sich BVB-Boss Hans-Joachim Watzke: "Das Präsidium der DFL hat eine Entscheidung getroffen, die es zu respektieren gilt – unabhängig davon, dass es sicher auch andere Ansätze gegeben hätte."

Nicht viel ernster wird die Gefährdung durch Covid-19 auch in anderen Sportarten genommen. IOC-Präsident Thomas Bach lehnt Spekulationen über eine Absage oder Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio seit Tagen kategorisch ab. Wie Bach sieht auch DOSB-Vorstandschefin Veronika Rücker derzeit noch keine Notwendigkeit für eine intensive Diskussion über eine mögliche Absage, obwohl der Sport rund um den Globus immer mehr zum Erliegen kommt. "Ich fände es fahrlässig, aktuell über den Sommer zu spekulieren", lautete Rückers entspannte Einschätzung dazu im "Deutschlandfunk".

IOC-Präsident Bach gibt "erschütterndes Bild" ab

Im Interview mit den "Tagesthemen" erwägte Bach zuletzt mitten in der grassierenden Pandemie, eventuell mehr Sportler zu den Olympischen Spielen einzuladen, weil es "ernsthafte Schwierigkeiten mit den Qualifikationswettbewerben" gebe. Für die "FAS" gibt der deutsche Sportfunktionär in der Krise "ein erschütterndes Bild" ab.

Damit ist er zumindest nicht allein. In wenigen Branchen wird die Überwältigung der Welt durch das Coronavirus so schonungslos offengelegt wie im Sport, der sich offenbar allzu lange für immun gehalten hat und nun den Preis der kompletten Stilllegung zahlt: Die Formel 1 startet frühestens Ende Mai, der Triathlon-Weltverband stellte am Wochenende alle Aktivitäten bis Ende April ein. Auch der Eishockey-WM droht eine Absage. 

Und wir reden hier voraussichtlich immer noch nur vom Anfang einer Absagenflut. Das ist schlimm genug. Es bleibt nur zu hoffen, dass langsam alle Verantwortlichen ein Bewusstsein für den Ernst der Lage entwickeln. Denn die Dreistigkeit und der Dilettantismus, mit dem die Sportwelt dem existenziellen Problem bislang begegnet, ist noch erbärmlicher anzuschauen als ein Fußballspiel ohne Fans.

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