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Wimbledon Chronisches Fußleiden: Rafael Nadals großer Kampf gegen den Schmerz

Rafael Nadal
Rafael Nadal 
© Glyn Kirk / AFP
Ob Rafael Nadal in Wimbledon antritt, war lange ungewiss. Der spanische Tennisstar leidet an einer chronischen Fußkrankheit, für Turniere muss er fit gespritzt werden. Dennoch will er seine unglaubliche Erfolgsserie ausbauen. Wie lange geht das gut?

Lange war es nicht sicher, ob Rafael Nadal in Wimbledon überhaupt spielen wird. Schließlich bekamen die Ärzte den lädierten linken Fuß wieder hin und Nadal verkündete auf einer Pressekonferenz vor dem ersten Spiel auf Londoner Rasen: "Ich kann nahezu jeden Tag normal gehen, das ist für mich die Hauptsache. Wenn ich aufwache, habe ich nicht mehr diese Schmerzen wie in den vergangenen anderthalb Jahren." Die Behandlung habe das Leid für den Moment gelindert, die Verletzung aber bleibe bestehen.

Das Wundermittel bestand in Form einer Radiowellentherapie, der sich der erfolgreichste Spieler aller Zeiten nach Medienberichten in Barcelona unterzog. Offenbar ist der betroffene Nerv so betäubt, dass er keine Signale mehr ans Hirn sendet. Nadal kann aktuell spielen. Wie lange Nadals Körper in diesem Zustand weiter funktioniert, ist eine andere Frage. 

Das Müller-Weiss-Syndrom plagt Rafael Nadal schon lange

Seit 2005 leidet Nadal angeblich an dem sehr seltenen Müller-Weiss-Syndrom, eine sogenannte Osteonekrose des Kahnbeins im Fuß. Dabei stirbt das Gewebe im Knochen ab, der Bestandteil der Fußwurzel ist. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern kann zu einer ernsthaften Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit führen. Die Ursache für die Krankheit ist unbekannt.

Nur spezielle Schuheinlagen und unzählige Behandlungen ließen Nadal seine Karriere fortsetzen - unter mehr oder weniger chronischen Schmerzen, heißt es. Wie stark das lädierte Kahnbein den Spanier in den vergangenen 17 Jahren tatsächlich beeinträchtigte, lässt sich kaum sagen. Nur eines ist sicher: Sein Leiden verschlimmerte sich in den vergangenen anderthalb Jahren drastisch. In der zweiten Jahreshälfte 2021 setzte Nadal komplett aus.

Bei den Australian Open zu Beginn des Jahres gelang ihm ein eindrucksvolles Comeback. Er gewann seinen 21. Grand-Slam-Titel und wurde damit vor seinen großen Rivalen Novak Djokovic und Roger Federer zum alleinigen Rekordhalter. Im Frühjahr in Paris konnte er nur spielen, weil er fit gespritzt wurde, sein Lieblingsturnier gewann er dennoch: "Ich will nicht darüber sprechen, wie viele Spritzen ich bekommen habe, aber ja, vor jedem Spiel brauchte es einige, um den Nerv zu betäuben", sagte Nadal danach. Und vor Wimbledon kam die Radiowellentherapie zum Einsatz.

Nach seinem Vier-Satz-Sieg gegen den Litauer Ricardas Berankis (6:4, 6:4, 4:6, 6:3) steht Nadal in der dritten Runde beim bedeutendsten Turnier der Welt. Mit seinem Sieg bei den French Open vor drei Wochen war er zum erfolgreichsten Tennisspieler aller Zeiten aufgestiegen. In Wimbledon will der Mallorquiner nun den 23. Grand-Slam-Titel holen. Sein letztes, großes Ziel wäre danach noch der Triumph in New York. Dann hätte er alle großen vier Turniere in einer Saison gewonnen und den echten Grand Slam geschafft. Das gelang bei den Männern zuletzt Rod Laver im Jahr 1969. 

Sein Erfolg hängt von der Kunst der Ärzte ab

Ob Nadal der historische Triumph gelingt, hängt also maßgeblich von der Kunst der Ärzte ab. Es gibt aber auch Zweifel, ob Nadal tatsächlich am Müller-Weiss-Syndrom leidet. Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert Ärzte, die sich darüber wundern, dass Nadal mit einer solchen Diagnose seinen Fuß derart belasten kann. Das Finale in Melbourne gegen die Nummer eins im Tennis, den Russen Daniil Medwedew, dauerte fast fünfeinhalb Stunden. Das Viertelfinale bei den French Open gegen Novak Djokovic ging über vier Stunden.

Überhaupt Paris: Mit Felix Auger-Aliassime, Novak Djokovic, Alexander Zverev und Casper Ruud schaltete Nadal gleich vier Top-Ten-Spieler aus, auch wenn der Sieg gegen Zverev der Verletzung des Deutschen zu verdanken war. Mehr Belastung geht kaum. Hartmut Gaulrapp, Orthopäde aus München mit Schwerpunkt Sportverletzungen und Fußchirurgie, sagt in der "Süddeutschen": "Ich kann mir schwer vorstellen, dass er einen strukturellen Schaden im Knochen hat, wenn er sich immer wieder dieser enormen Belastung als Spitzensportler aussetzt" Und weiter: "Zudem tritt das Müller-Weiss-Syndrom eigentlich immer beidseitig auf."

Bei einer derart seltenen Krankheit mögen die Fachmeinungen auseinander gehen und Ferndiagnosen sind mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Nadal hat in seiner langen Karriere zahlreiche andere Verletzungen überstanden. Er ist sozusagen ein erfahrener Schmerzensmann, der von einem unbändigen Ehrgeiz getrieben wird. In dieser Saison kann er das Außergewöhnliche schaffen. Er wird weitermachen, bis sein Köper es nicht mehr zulässt.

Quellen: NDR, "Süddeutsche Zeitung", "tennissport.com"


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