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Doping-Afäre: Ullrich kämpft gegen Karriere-GAU

Der mutmaßliche Dopingsünder Jan Ullrich ist abgetaucht. Seine Anwälte bereiten die Verteidigung vor. Die Gegenseite kündigt harte Konsequenzen an.

Die Tour fährt im Schatten der Dopingaffäre weiter. Jan Ullrich hat sich indessen in seine Wahlheimat, ins Schweizer Scherzingen am Bodensee zurückgezogen. Im Hintergrund feilen Anwälte an seiner Verteidigungsstrategie. "Er steht etwas neben sich und hat jetzt erst mal Zeit für sich erbeten", sagte T-Mobile-Kommunikationsleiter Christian Frommert. Auf seiner Website kündigt Jan Ullrich seinen Fans an: "Ich gebe nicht auf!"

Und dann steht da noch: "Der Ausschluss von der Tour de France ist das Schlimmste, was mir in meiner Karriere bisher passiert ist. Ich habe von offizieller Seite nichts bekommen und auch nicht erfahren, welche Vergehen man mir vorwirft. Alle mein Dopingkontrollen bisher und der Test bei der Tour waren negativ. Ich habe mit der Sache nichts zu tun! "

Ist Ullrich ein Opfer?

Wurde Ullrich möglicherweise doch zu Unrecht von der Tour de France ausgeschlossen? Fakt ist: Der Name Ullrich tauchte auf den Listen der spanischen Polizei auf, die im Rahmen der Affäre um die Mediziner Eufemiano Fuentes und José Merino Batres ermitteln. Darin wird Ullrich neben Blutdoping auch die Einnahme von Wachstumshormonen (HGH) und Testosteron unterstellt.

Lothar Heinrich, seit zehn Jahren Teamarzt bei T-Mobile erklärt das Dilemma, in dem sich die Dopingkontrolleure in diesem Falle befinden: "Sowohl Blutdoping wie auch HGH sind außerhalb von IOC-Labors bislang in keiner Weise nachweisbar. Diese Labors arbeiten aber exklusiv im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der Welt-Antidoping-Agentur WADA. Wir hätten ihnen nie eigene Proben zur Untersuchung schicken können, selbst wenn wir einen Verdacht gehabt hätten", sagte Heinrich gegenüber dem ZDF.

Bananenrepublik Deutschland

Ihm selbst seien bei Untersuchungen seines Schützlings jedoch nie Unregelmäßigkeiten aufgefallen. Für die Zukunft kündigt er Konsequenzen an: "Wir Mediziner sind in der Bringschuld. Wir werden uns jetzt mit anderen Spezialisten zusammensetzen und ihnen unsere Untersuchungen vorlegen, um nach Wegen zu suchen, die uns möglicherweise nachträglich neue Erkenntnisse bringen. Auch, um künftig besser gewappnet zu sein." Eine Blut-Volumen-Messung, die auf Blutdoping hinweisen könnte, kann laut Heinrich demnächst eingeführt werden.

Auch die deutsche Justiz sollte in Zukunft eine bessere Möglichkeit haben, Dopingsünder zu bestrafen, fordert der Heidelberger Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke. "Im Vergleich zu Frankreich, England oder Italien sind wir auf diesem Gebiet eine Bananenrepublik. Bei uns zeigt man wenig Interesse daran, überhaupt richtig zu ermitteln. Die Politik will sich aus dem Sport heraushalten, man will ihn schonen und braucht schwarz-rot-goldene Medaillen", sagte der Professor für Zell- und Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum der "Rhein-Neckar-Zeitung".

Abraten von der DNA-Analyse

Die Frage ist: Wie kann Jan Ullrich seine Unschuld beweisen? Oder anders herum: Wie kann Jan Ullrich eine Schuld nachgewiesen werden? Im Kühlschrank des Dopingarztes Fuentes wurden Blutbeutel mit der Aufschrift "Jan" gefunden. Die Forderung, mit Hilfe einer DNA-Analyse zu untersuchen, ob es das Blut von Ullrich ist, besteht. Sportrechtler Michael Lehner warnt Ullrich vor diesem Schritt: Lehner, der als Vertreter von Dieter Baumann und Danilo Hondo als Spezialist für juristische Marathonläufe bekannt wurde, würde Ullrich "als Anwalt von einer DNA- Analyse abraten".

Die Beweislast würde umgekehrt, "was in einem Rechtsstaat nicht geht". Außerdem würde sich der Radprofi möglicherweise "aufs Glatteis begegeben. Er weiß ja gar nicht, in welchem Zustand die ihm zugeschriebenen Blutproben sind", ob überhaupt eine wissenschaftlich unanfechtbare Analyse möglich sei. Große Teile der Öffentlichkeit und auch sein Sponsor würden eine offensive Verteidigung mit dem Angebot der freiwilligen Abgabe einer DNA-Analyse dagegen sicher begrüßen. Frommert: "Das war eine Option, die wir ihm nahe gelegt haben." Ullrich ist darauf bislang nicht eingegangen.

Keine Chance für Pevenage

Der Fall Ullrich scheint also kompliziert und langwierig zu werden. Im Fall Rudy Pevenage ist eine Entscheidung schon gefallen: Für Rudy Pevenage, seit 1995 Ullrich-Betreuer und väterlicher Begleiter von Ullrich, ist der Zug bei T-Mobile abgefahren. "Eine Rückkehr schließe ich aus", sagte Team-Manager Olaf Ludwig. Über den 51-jährigen Belgier kursierten von der Guardia Civil dokumentierte SMS-Texte mit der Schlüssel-Figur der Affäre, dem Gynäkologen Eufemiano Fuentes. Datum der codierten Handy-Kommunikation zwischen dem Ullrich-Betreuer und Fuentes: Einen Tag vor dem Zeitfahren des Giro d’Italia, das der T-Mobile-Kapitän überraschend gewann.

Die größte Enttäuschung für Teammanager Olaf Ludwid sei gewesen, das er von Ullrich und Pevenage angelogen wurde. Vor allem Pevenage habe ihm gegenüber immer wieder versichert, dass er nicht mit dem Arzt Fuentes zu tun gehabt habe, sagte Ludwig gegenüber dem Internetanbieter Radsport-News.com Pevenage antwortete immer wieder, es sei "absurd", dass er etwas mit Fuentes zu tun habe. Pevenage kannte Fuentes zufällig, weil ihre beiden Zweitwohnungen in Spanien nebeneinander liegen würden.

Pevenage leugnet Schuld

"Ich kann dazu erst etwas sagen, wenn ich die Polizei-Unterlagen vorliegen und dann gegebenenfalls einen Anwalt eingeschaltet habe. Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen", sagte der nach Gent/Belgien zurückgekehrte Pevenage der dpa. "Rudy ist sehr stark verwickelt. Er und Jan haben immer wieder beteuert, nichts mit der Sache zu tun zu haben. Das ist zumindest im Fall Pevenage eindeutig widerlegt", sagte ein enttäuschter Olaf Ludwig.

Neben Ullrich und Basso waren 56 weitere Fahrer auf der Liste der spanischen Polizei. Es könnte sein, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist. Nach Ansicht des Chefs der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA, Richard Pound, steht die Zukunft des Radsports auf dem Spiel, wenn nicht endlich strikt gegen Doping vorgegangen wird.

Image der Tour de France ist beschädigt

Im britischen Radio BBC erklärte der Kanadier: "Das Image des Sports und dessen Flaggschiff-Veranstaltung Tour de France ist schwer beschädigt." Er glaube, dass "die Haltung des Radsports sehr nahe an ein klinisches Leugnen der Existenz des Doping-Problems heran kommt". Der spanische Doping-Skandal und die Verwicklung der Radstars Jan Ullrich und Ivan Basso führe dies jetzt der Welt vor Augen.

Die Tour indessen, rollt weiter. Ob alle übrig gebliebenen 176 Fahrer in Paris ankommen, ist ungewiss. Tourdirektor Christian Prudhomme kündigte hartes Vorgehen gegen die mutmaßlichen Dopingsünder an. Möglich, dass weitere Enthüllungen noch mehr Rennfahrern ihren Platz im Peloton kosten werden.

Anette Jacobs/DPA/AP / AP / DPA

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