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Ehemaliger DLV-Präsident: "Mann gegen Mann, Frau gegen Frau"

Vor Beginn der Leichtathletik-WM in Berlin fordert Helmut Digel eine Rückbesinnung auf alte Tugenden. Im Interview spricht der langjährige Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbands über neue Rekorde und das Glaubwürdigkeitsproblem im Sport.

Herr Professor Digel, wie ist es um die Glaubwürdigkeit der Leichtathletik bestellt?
Wir haben ein Dopingproblem im Hochleistungssport in allen olympischen Sportarten. Und auch für die Leichtathletik bedeutet das einen erheblichen Imageschaden - allein, weil sich der Zuschauer bei den Leistungen, die erbracht werden, nicht mehr sicher ist, ob sie auf saubere Weise erbracht wurden oder ob eine Manipulation dahintersteckt. Deshalb ist es gut, dass die IAAF auf eigene Kosten internationale Kontrollen durchführt. Wie kein anderer Verband finanziert die IAAF eine große Antidopingabteilung mit mehr als zwölf hauptamtlichen Mitarbeitern und führt im Jahr mehr als 2 500 selbstfinanzierte Eigenkontrollen durch. Aber selbst das reicht nicht aus. Wir wissen ja alle, dass das Kontrollsystem von Betrügern unterlaufen wird, dass also Athleten ständig kontrolliert wurden, dabei nie positiv waren - und am Ende vor einem Gericht trotzdem des Dopings überführt werden konnten. Das zeugt von einem Problem, zu dem wir derzeit keine Lösung wissen. Deshalb kann der Antidopingkampf, so wie er geführt wird, nicht erfolgreich sein. Wir brauchen völlig neue Ideen und Konzepte, die vor allem Wege aufzeigen, wie man junge Menschen davor schützen kann, dass sie am Ende ihre Gegner betrügen.

Sie meinen Prävention?
Exakt! Und zwar eine, die wirksam ist. Hier gibt es noch viel zu wenig Initiativen. In den Präventionssektor wird so gut wie gar kein Geld hineingegeben, gerade wenn man ihn mit dem Kontrollsektor vergleicht. Hier ist der Weltsport gefordert, allen voran das IOC. Und es sind die Wissenschaftsministerien der nationalen Regierungen gefordert, um Mittel bereitzustellen für eine Präventionsforschung.

Können Sie nachvollziehen, dass Fabelleistungen wie die von Sprint-Olympiasieger Usain Bolt vom Zuschauer mit Argwohn betrachtet werden?
Einerseits bin ich immer noch ein Bewunderer von herausragenden sportlichen Leistungen. Trotzdem kann ich mich, wenn ich sie selbst im Stadion erlebe, diesem Zweifel nicht entziehen. Da es nun mal so ist, dass mehrere 100-Meter-Olympiasieger irgendwann in ihrer Karriere positiv gewesen sind, dann ist man in Sorge, dass diese Geschichte fortgeschrieben wird. Auf der anderen Seite habe ich Usain Bolt schon im Alter von 16 Jahren als außergewöhnliches Talent erlebt. Ich habe nie zuvor einen so jungen Menschen gesehen, der so leichtfüßig und rhythmisch und gleichzeitig doch mit vollem Krafteinsatz die 100 Meter laufen kann. Was das anbelangt, ist er schon ein Sonderfall. Dennoch muss er mit dem Verdacht leben.

Wie sehr erhärtet sich dieser Verdacht, wenn plötzlich fünf jamaikanische Sprinter positiv getestet werden, darunter auch noch ein Trainingspartner Bolts?


Der Verdacht steht damit weiter im Raum - und dennoch muss Bolt so lange als sauber gelten, bis das Gegenteil bewiesen wird. Wichtiger ist jedoch zu erkennen, dass das Kontrollsystem der IAAF immer wieder überraschende Erfolge aufweist. So wurden die Betrüger in Russland des Dopings überführt, und nun wurden jamaikanische Sprinter überrascht. Kontrollen machen also Sinn, sie sind jedoch im Kampf gegen Doping nur eine notwendige Bedingung.

Weltrekorde haben in der Leichtathletik eine weitaus größere Bedeutung als in den meisten anderen Sportarten, obwohl nicht wenige von ihnen nachweislich unter Doping aufgestellt wurden. Dennoch gelten sie bis heute. Ist das nicht scheinheilig?


Wir sollten die alten Rekorde als historische Rekorde archivieren und mit einer neuen Bestenliste, etwa aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der IAAF, beginnen. Das wäre auch im Sinne der jungen Athleten, für die es doch keinen Sinn macht, sich an Leistungsmarken zu orientieren, die unerreichbar sind. Überhaupt sollten wir die Rekordorientierung in ihrer Bedeutung zurücknehmen, denn die Zukunft der Leichtathletik wird nicht in neuen Rekorden liegen, sondern im spannenden Duell Mann gegen Mann sowie Frau gegen Frau.

Interview: Frank Ketterer

FTD
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