Gedankenspiele Es wird langsam ernst

Das Wetter für die nächsten Tage zeichnet sich ab. Rosig sieht es nicht aus. Wenig Wind. Die Fahnen hängen in Newport an ihren Masten wie nasse Socken an der Leine.

Das Wetter für die nächsten Tage zeichnet sich ab. Rosig sieht es nicht aus. Wenig Wind. Die Fahnen hängen in Newport an ihren Masten wie nasse Socken an der Leine. Dennoch wird jetzt die Frage akut: Wohin wollen wir eigentlich segeln?

Der kürzeste Weg nach Hause führt nach Norden, aber der ist uns versperrt. Aus Sorge, dass irgendwelche Hasardeure - wie bei Regatten in den dreißiger Jahren - sich einen Weg zwischen den Eisbergen suchen, die um diese Jahreszeit von Labrador aus den Atlantik hinunter nach Süden treiben, hat die Regattaleitung südlich dieser Treibeisgrenze einen "Punkt Alpha"im Ozean festgelegt, den alle Boote passieren müssen, bevor sie nach Norden, Richtung Schottland drehen dürfen. Also Ostkurs. Aber direkt? Oder eher mit einer Tendenz nach Norden, wo der Weg kürzer ist? Oder eher mit einer Tedenz nach Süden, wo der Golfstrom verläuft, der große Fluss im Meer? Für einen klassischen Verdränger ist die Entscheidung einfach. Südkurs. Je früher er den Golfstrom zu fassen bekommt, desto besser. Der schiebt mehr als ein Dutzend Bundestagslobbyisten. Aber wir auf der "Uca" brauchen Wind, viel Wind, starken Wind, der uns surfen lässt, und je mehr wir gleiten, desto unwichtiger ist für uns der Strom.

Wetter = Wissenschaft

Deswegen berät sich Juan Vila, unser spanischer Navigator, schon seit Tagen mit seinem amerikanischen Wetterexperten und stellt Modellrechnungen an. Wo wird sich ein Tiefdrucksystem bilden, das wir erreichen können? Wann müssen wir wo sein, um die richtige Seite dieses Tiefs zu erwischen, so dass es uns vor sich her bläst auf seinem Weg nach Osten? Es ist ja nicht so wie beim Segeln auf der Ostsee am Sonntag, wo man sich freut, wenn die Sonne scheint. Ein Hoch heißt Flaute. Stillstand. Was wir brauchen, ist ein ausgewachsenes Tief, auf deutsch: Mistwetter.

Mit einem Tief über den Atlantik

Wenn wir Glück haben und es seglerisch hinkriegen, dann können wir mit einem einzigen Tief quer über den Atlantik brausen. Theoretisch! Praktisch muss dafür aber die Handhabung unseres Bootes stimmen - das heißt dem entsprechen, was das Rechenmodell unterstellt hat. Und das rechnet immer mit dem Maximum. Dem Maximum an Tempo, also dem Maximum an seglerischem Know-How und Mannschaftseinsatz.

Blind Date auf dem Atlantik

Juan Vila ist nicht nur ein Profi, er ist eine Kapazität. Viermal ist der schweigsame Spanier schon als Navigator in den wilden Whitbread- und Volvo-Rennen um die Welt gesegelt. Beim Fastnet-Race war er dabei und beim Americas Cup. Wenn irgendeiner weiß, wo auf dem Atlantik das schlechte Wetter zu finden ist, das wir brauchen, dann ist es Juan. Er wird uns den Ort und die Bedingungen für ein Blind Date mit einem netten Tief nennen. Ob das Rendezvous dann wirklich klappt und erfolgreich verläuft, wird von uns abhängen, vom richtigen Einsatz der Segel, von der Bereitschaft, sie auch bei widrigen Bedingungen schnell zu wechseln, vom Tempo und der Genauigkeit aller Manöver, kurz vom mentalen und körperlichen Einsatz jedes Einzelnen.

Womit sich wieder einmal die alte Frage stellt: Wo wird eine Regatta gewonnen - an Land oder auf See? Die Antwort lautet: Im Kopf.

Peter Sandmeyer

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