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GESPERRT! Handballskandal: Helden im Morast

Der deutsche Handball steht unter Korruptionsverdacht. Der Schwung des WM-Titels 2007 verpufft - Stars fürchten, dass der Ruf ihres Sports ruiniert ist.

Von R. Barth, C. Ewers und I. Hellmuth

Es gab eine Zeit, in der 100-Meter- Läufer die Könige der Athleten waren, Radrennfahrer als ritterlich galten und Handball gepriesen wurde, weil er hart, ehrlich, unberechenbar war. Doch nun ist es, als würde Günther Jauch des Quizbetrugs oder Anna Netrebko des Playbacksingens verdächtigt.

Der deutsche Handball steht unter Schock. Seine Besten werden der Korruption verdächtigt: Die einen sollen bestochen worden sein, die anderen sollen bestochen haben. Zwei Affären, beide sind bislang nicht geklärt.

Die Magdeburger Schiedsrichter Frank Lemme und Bernd Ullrich waren 2006 am Moskauer Flughafen mit 50.000 Dollar in bar ertappt worden - nach einem Europacup- Endspiel. Hatten sie sich von Medwedi Tschechow, den Gastgebern, bestechen lassen? Wurde ihnen das Geld untergejubelt, wie sie behaupteten? Die beiden hielt man bislang für das untadeligste Gespann des Landes. Lemme bestätigte, er sei vor dem Spiel von einem Russen, den er kenne, gefragt worden, ob er nicht einseitig pfeifen könne. Ein monströses System scheint da auf, das bisher nur in der Nebelwelt des Tuschelns zu existieren schien.

Suche nach Beweisen

Der THW Kiel hat ein famoses Team, das in dieser Bundesligasaison 23-mal in Folge gewonnen hat; es ist so dominant, wie es der FC Bayern im Fußball gern wäre. Noch immer gibt es keinerlei Fakten, die den deutschen Meister überführten, tatsächlich das Schiedsgericht des Champions-League-Finales 2007 bestochen und neun weitere Partien gekauft zu haben. Ausgerechnet der potenteste Bundesligarivale, die Rhein-Neckar Löwen aus Mannheim, hatte vor Wochen die Gerüchte in die Welt gesetzt. Es soll Kontoauszüge geben, die alles beweisen, Aussagen, die vieles bezeugen; die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Kiels Erfolge - nichts als Schmierentheater? Und: parteiische Unparteiische?

Die entscheidenden Fragen sind offen. Aber eine Antwort gibt es schon: Der Ruf des Handballs ist demoliert. "Dass es im Handball ein Korruptionsproblem gibt, ist nicht mehr von der Hand zu weisen", gibt selbst Frank Bohmann zu, Geschäftsführer der Bundesliga. Er spricht davon, dass nun "externe Ermittler" den "Sumpf trockenlegen" müssten. Auch der Sport ruft in seiner Not nach dem Staat. Zu Recht: Kein Verband der Welt kann Hausdurchsuchungen veranlassen, Konteneinsicht verlangen.

Die Krise trifft das Spiel ausgerechnet in der Phase des größten Booms. RTL hatte gerade mit Erfolg die Weltmeisterschaft in Kroatien übertragen, andere Sender verzeichnen gute Quoten. Handball schien seinen Markt gefunden zu haben.

Bedrohte Geschäftsgrundlage

Die WM 2007 war als "Wintermärchen" in die Heldensagen des Sports eingegangen. Im eigenen Land holten die Deutschen den Titel, das Finale verfolgten bis zu 21 Millionen vor den Fernsehern. Christian Schwarzer, 39, stand damals auf dem Feld. Er ist ein Berg von einem Mann, er spielt am Kreis, wo die Spieler einander die Ellenbogen in den Leib rammen, er weint, wenn es große Siege zu feiern gibt, und dieser Tage kommt ihm die Galle hoch, wenn er daran denkt, dass "diese ganze Scheiße" wahr sein könnte: "Für uns Spieler ist es ein Drama zu sehen, wie wir jetzt im Morast versinken. Alles, was in den letzten Jahren aufgebaut wurde im deutschen Handball, liegt danieder."

Die Aktiven sind fassungslos. Auch Stefan Kretzschmar, früher Linksaußen, jetzt Manager des SC Magdeburg. "Unsere Nachwuchsabteilung platzt aus allen Nähten. Ich kann nur hoffen, dass dieser Boom nicht kaputt gemacht wird", sagt er. "Ich möchte mir nicht ausmalen, wie alt wir aussehen, wenn sich all das bewahrheiten sollte. Unser Sport hat immer von seinem ehrlichen Image profitiert. Das war unser großes Plus, unsere Geschäftsgrundlage." Kretzschmar prophezeit, dass der Sommer hart wird. "Sponsoren werden sich in Zeiten knapper Kassen sehr genau überlegen, wo sie sich engagieren. Wir müssen höllisch aufpassen, dass uns die guten Argumente nicht ausgehen."

Die hatte der Handball zur Genüge. Fußballfans schwärmen noch heute vom wilden Match des FC Bayern gegen Manchester 1999, als die Bayern durch zwei Gegentore in den letzten Minuten die Champions League verschenkten. Im Handball gibt es solche Dramen zu Dutzenden. Allein Olympia 2004, das Viertelfinale gegen Spanien, im Tor Henning Fritz, der einen Siebenmeter nach dem anderen hielt. Es ist ein Sport zum Nägelkauen, zum Fernbedienung-andie-Wand-Werfen. Die Schützen wälzen sich nicht groß, wenn sie gefoult werden. Sie dreschen keine Phrasen, wenn sie beschissen gespielt haben. Der Handball ist keine Bühne für Schauspieler. Er ist so wie Heiner Brand: erdig, uneitel und manchmal wunderbar gallig. Dieser Sport ist echt.

Der Fisch stinkt vom Kopf her

Nun ist das Vertrauen weg. Und womöglich wird es bald sein wie einst bei der Tour de France, als Lance Armstrong den Galibier emporschoss, oder so, wie sich der Fußball angefühlt hat, nachdem Robert Hoyzer zugab, Spiele verpfiffen zu haben.

Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagen viele Experten. Der Weltverband IHF wird von Hassan Mustafa beherrscht, einem übel beleumundeten Ägypter. Mustafa griff vor Peking persönlich in die Olympiaqualifikation ein. Kurzfristig wurden Schiedsrichter aus Jordanien angesetzt, die grotesk falsch pfiffen, Kuwait schlug überraschend Südkorea. Das Spiel wurde wiederholt, Südkorea gewann, aber der Boss des Welthandballs ist weiter im Amt. Warum, das kann Gerd Butzeck nicht verstehen. Er ist Geschäftsführer der "Group Club Handball", der Vereinigung der Topklubs Europas. Zwei seiner namhaftesten Mitglieder sind in Verruf, Butzeck aber passt den Ball eine Etage höher. "Das Kernproblem des Handballs ist doch, dass wir einen Präsidenten haben, der der Korruption überführt ist. Er ist untragbar."

Dass nun in Kiel die Staatsanwälte ermitteln, nennt Butzeck "eine Chance". Was aber bleibt im besten Fall? Mindestens das schale Gefühl, dass etwas faul ist in diesem Sport. So faul wie in anderen Teilen der Gesellschaft. Denn natürlich fügt es sich nahtlos in die Zeit. Neue Generationen werden eines Tages kaum glauben mögen, dass Banker mal als ehrenwert galten, Ärzte als honorig, und Schiedsrichter und Meistermacher sind ja auch nur Menschen.

Doch keine große Familie

Wie soll es nun weitergehen mit dem Handball? Dieser Sport lebt vom Pathos, von engen Entscheidungen. Sind Profischiedsrichter die Lösung? Derzeit erhalten Spielleiter im Europacup 400 Euro pro Partie. "Der Handball hat dazu nicht die finanziellen Möglichkeiten", sagt Andreas Thiel, den sie als Torwart früher "Hexer" riefen, heute ist er Justiziar der Bundesliga. Aber selbst wenn das Geld da wäre. "Schauen Sie zu den Basketballern in die NBA", sagt Weltmeister Schwarzer, "das ist die professionellste Liga der Welt: Dort flog 2007 ein Schiedsrichter auf, der jahrelang auf Partien gewettet hatte, die er selbst leitete."

In jedem Handballmatch gibt es Dutzende kniffliger Situationen. Der Spielraum der Schiedsrichter ist groß - und bislang ebenso die Nähe zu den Klubs. Vereinsvertreter holen sie vom Flughafen ab. "Meist gibt es eine kleine Stadtrundfahrt, dann werden die beiden zum Abendessen eingeladen und ins Hotel gebracht", erzählt Gerd Butzeck. "Viele Klubs denken gleichzeitig, sie tun zu viel und zu wenig." Zu wenig? "Weil andere möglicherweise mehr tun." Andreas Thiel fordert: "Der europäische Verband sollte möglichst alle Planungen übernehmen, die für Schiedsrichter bei internationalen Spielen anfallen. Dienlich wäre auch, wenn die Namen erst kurz vor dem Spiel bekannt würden." So machen es auch die Kollegen im Basketball. Mehr Distanz wäre keine Garantie, aber eine Geste. Das Gefühl jedoch wird nicht wiederkommen, dass der Handball eine große Familie ist.

Natürlich ist Handball längst auch Geschäft, die Stars verdienen bis zu einer halben Million Euro pro Jahr. Aber das Spiel schien den Menschen noch nicht entglitten: nicht abgehoben wie die Formel 1, kaputt gespritzt wie der Radsport oder die Leichtathletik. Die schöne Geschichte vom Männersport Handball eben.

Offenbar war sie nur ein Märchen.

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