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GESPERRT! Maria Riesch und Lindsey Vonn: "Wir sind wie Schwestern"

Die Skirennläuferinnen Maria Riesch und Lindsey Vonn sind bei der WM in Val d'Isère ärgste Konkurrentinnen - abseits der Piste aber beste Freundinnen. Ein Gespräch über Rivalität, Familie und Killerinstinkt.

Frau Riesch, nach Ihrem Weltcup-Sieg beim Slalom in Zagreb haben Sie im Ziel über Lindsey Vonn gesagt: "Es tut mir sehr leid für sie. Ich hätte sie heute niemals geschlagen, wenn sie nicht ausgefallen wäre." Das kann nicht Ihr Ernst gewesen sein.

Riesch: Doch. Das waren meine ehrlichen Gefühle. Mein Trainer, der Wolfi Maier, sagte nachher auch, dass er das gut fand. Es war doch genau das, was jeder dachte. Lindsey lag nach dem ersten Lauf weit vorne und ist dann ausgeschieden.
Vonn: Das war brutal.
Riesch: Eigentlich hatte sie den Sieg verdient. Ich habe ihr später auch noch eine SMS geschickt und geschrieben: "Kopf hoch. Du warst heute die Bessere." Ich weiß genau, wie hart solche Momente sind.
Vonn: Umgekehrt hätte ich es genauso gemacht. Wir sind ja keine Gegnerinnen, sondern Maria ist meine Freundin.

Sie beide sind die besten Skifahrerinnen der Welt - ideale Voraussetzungen für ein hartes Duell oder gar einen Zickenkrieg. Wie konnten Sie nur Freundinnen werden?

Riesch: Wir ticken anders als andere. Und wir kennen uns schon seit unserer ersten Junioren-WM 2000 in Quebec, da waren wir noch ganz jung und sind dann gemeinsam erfolgreich geworden. Mit Lindsey verbindet mich, dass wir uns vertrauen und ehrlich zueinander sind.
Vonn: Wir reden über alles miteinander. Natürlich dreht sich zwischen Maria und mir vieles ums Skifahren. Meistens treffen wir uns am Berg. Etwa bei der Auslosung der Startnummern, und wir stehen ja auch auf dem Siegerpodest oft nebeneinander (lacht). Wir sind eben unzertrennlich.

Aber Skifahren ist eine technische Sportart. Nur wer das beste Material hat, gewinnt, es geht um Betriebsgeheimnisse. Oder bereden Sie auch, wie Sie die Skier wachsen?

Riesch:

Zwischen uns gibt es keine Geheimnisse. Wir reden natürlich auch über unsere Skier, die Kurssetzung oder die beste Fahrlinie. Das machen wir meistens schon während der Besichtigung der Strecke, spätestens danach.

Und für Ihre Trainer ist das kein Problem?

Vonn:

Zumindest hat noch keiner offen etwas dagegen gesagt.

Riesch:

Aber wir haben schon öfter mal das Gefühl, dass sie das kritischer sehen. Die Trainer müssen das vermutlich strikter trennen, die haben eine größere Rivalität.

Vonn:

Zum Beispiel hatten wir geplant, im Sommer gemeinsam in Chile zu trainieren. Das wurde dann aber plötzlich vom Deutschen Skiverband abgesagt.

Riesch:

Darauf hatten wir uns richtig gefreut. Und obwohl alles besprochen war, ist das deutsche Team nach Neuseeland ins Trainingslager gegangen. Das war schon komisch. Andersherum hatte ich mich mit Lindsey zum Training in Copper Mountain verabredet, da kam vom amerikanischen Verband die Meldung, das Team sei nicht mehr dort - obwohl das gar nicht stimmte, wie sich herausstellte. Das sind die Augenblicke, in denen wir merken, dass unser Umfeld es nicht so locker nimmt.

Aber auch verständlich. Braucht man als Sportlerin nicht diese rücksichtslose Mischung aus Egoismus und Killerinstinkt, um erfolgreicher zu sein als jeder andere?

Vonn:

Den Killerinstinkt packe ich aus, wenn ich am Start stehe. Dann will ich alle fertigmachen (lacht).

Riesch:

Ja, das ist wie ein Schalter, den ich umlegen kann. Vor dem Rennen wünschen wir uns noch Glück und klatschen uns ab. Und dann muss jede ihr eigenes Rennen fahren, sich nur auf sich selbst konzentrieren und das Beste geben.

Vonn:

Im Ziel ist dann alles schnell wieder vorbei. Das war auch in Zagreb so. Aber unsere Konkurrentinnen sind nicht immer so fair. Zu mir sagte die Kroatin Janica Kostelic einmal direkt vor dem Start: "Ich glaube nicht, dass du die Eier hast, hier zu gewinnen!"

Riesch:

Echt?

Vonn:

Ja, ich war total erschrocken. Aber das hat mich motiviert, und ich habe das Rennen gewonnen. Dann habe ich mich vor sie gestellt: "Noch Fragen?"

Riesch:

Das hast du gemacht? Super.

Vertragen Sie zwei sich auch noch so gut, wenn eine mal nur hinterherfährt?

Riesch: Eine echte Freundschaft verkraftet das. Für die, bei der es gerade nicht so läuft, ist es natürlich schwieriger. Aber ich habe mich noch nie geärgert, weil Lindsey in einem Rennen vor mir war. Ich bin nur sauer, wenn ich Fehler gemacht habe.
Vonn: Genau, wer schneller ist, gewinnt. So einfach ist das. Und wenn ich es nicht schaffe, wünsche ich mir natürlich, dass meine beste Freundin siegt. Eine von uns ist besser als jede andere.
Riesch: Und wir hatten das schon mal, als ich mir vor drei Jahren zweimal die Kreuzbänder gerissen hatte. Da war ich meilenweit hinterher.
Vonn: Ich habe dich gepuscht. Dich ermutigt, dass du es wieder schaffen wirst.
Riesch: Lindsey war im Grunde mein Psychocoach. Auch weil wir voreinander Schwäche zeigen können. Wir müssen keine Show abziehen. Ich habe zwar richtiges Mentaltraining versucht, aber das Gerede hat mir nicht geholfen. Lindsey wusste genau, wie schwierig das für mich sein musste. Sie hat mir immer wieder gesagt, dass ich eine gute Fahrerin bin und auch bald wieder schnell fahren werde.
Vonn: Meine Erfahrungen sind da ähnlich. Ich habe auch einmal mit einem Psychologen gearbeitet. Aber da rede ich lieber mit Maria. Sie weiß wenigstens, wovon ich spreche. Sie kennt die Sorgen und Blockaden, die einen plagen.
Riesch: Wir therapieren uns gegenseitig.

Da haben Sie sicher einiges zu besprechen. Schließlich stürzen Sie sich mit mehr als 100 km/h steile, vereiste Hänge hinunter. Haben Sie manchmal Angst?

Vonn:

Sagen wir so: Wir müssen unsere Hemmschwelle jedes Mal neu überwinden.

Riesch:

Gerade als Abfahrerin muss man aus einem besonderen Holz geschnitzt sein. Manchmal, wenn die Piste besonders eisig ist, spürt man die Angst. Da muss man schon ein bisschen …

Vonn:

… verrückt sein.

Riesch:

Ja, genau. Aber wir machen das ja schon von klein an.

Vonn:

Vielleicht ist es unsere Verrücktheit, die uns miteinander verbindet.

Riesch:

Ja, das kann gut sein. Aber auch, dass man sich beim Skifahren auf sich selbst und die eigenen Fehler konzentrieren muss. Sicher ist es gut, dass wir nicht direkt gegeneinander fahren müssen, sondern jede für sich selbst.

Nach den Rennen geht Ihre Nähe so weit, dass Sie seit Jahren gemeinsam Weihnachten zu Hause bei den Eltern von Maria in Garmisch-Partenkirchen feiern. Die eine Konkurrentin beschenkt die andere?

Riesch:

Na klar. Wir sind wie Schwestern. Lindsey gehört zu meiner Familie.

Frau Riesch, ist Ihre richtige Schwester Susanne, die ebenfalls Skirennfahrerin ist, da nicht eifersüchtig?

Riesch:

Warum? Sie mag sie auch sehr.

Vonn:

Marias Familie ist der Wahnsinn. Weihnachten mit ihnen ist großartig. Erst gehen alle gemeinsam in die Kirche, danach sitzt man zu Hause beieinander und unterhält sich. Meine Mutter ist manchmal ein bisschen eifersüchtig, weil ich mich nicht so oft bei ihr melde. Sie wohnt einfach zu weit weg. Da ist es natürlich super, dass ich die Liebe von deiner Familie bekomme, Maria.

Riesch:

Und deine Mama ist ja auch froh, dass du an Weihnachten nicht auf dem Hotelzimmer sitzt.

Vonn:

Deine Eltern sehen in mir nicht nur die Skifahrerin, sondern auch den Menschen. In diesem Jahr konnte sogar zum ersten Mal mein Ehemann Thomas mit dabei sein.

Ihr Mann ist selbstständiger Investmentbanker. Kümmert er sich auch um Ihre Finanzen?

Vonn: Ja. Das ist kein einfaches Thema. Ich sehe meine Geldanlage derzeit langfristig, und ehrlich gesagt: Ich weiß gar nicht genau, wie es auf meinem Konto aussieht.

Aber von Ihren Preisgeldern ist schon noch etwas übrig?

Vonn:

(lacht) Na ja …

Riesch:

Teilweise.

Vonn:

Es ist ja nicht endgültig verloren, zumindest, wenn ich die Fonds und Aktien nicht verkaufe. Ich muss jetzt einfach ein bisschen Geduld haben.

Riesch:

Mich hat Thomas nicht beraten. Bei mir kümmert sich der Finanzberater meines Vaters drum. Ganz konservativ.

Frau Vonn, Sie haben mit Ihrem dominanten Vater schlechte Erfahrungen gemacht. Vor einigen Jahren haben Sie den Kontakt zu ihm abgebrochen, weil der Druck zu groß wurde …

Vonn:

Ja, aber ich will nicht über meinen Papa reden. Ich genieße es, mit der Familie Riesch zusammen zu sein.

Riesch:

Ich muss aber sagen, dass auch meine Mama schon sehr ehrgeizig ist und hinterher war, dass ich etwas werde in meinem Sport. Es ist jetzt nicht so, dass meine Mama sagt, es sei nicht schlimm, wenn ich 35. werde.

Hält Ihr Schmusekurs auch bis Olympia 2010 in Vancouver? Oder machen Sie schon jetzt bei der WM in Val d'Isère aus, wer dann welche Goldmedaille gewinnt?

Vonn:

Für mich bitte Abfahrt und Kombi. Und für Maria Super-G und Slalom.

Riesch:

Okay, abgemacht.

Vonn:

Ach, bei Olympia würde mir eigentlich auch Gold in der Abfahrt reichen.

Riesch:

Vielleicht sollten wir genau zeitgleich sein. Das wäre mein Traum.

Interview: Alexandra Kraft, Thilo Komma-Pöllath / print

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