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Maria Riesch im Interview: "Eine Goldmedaille wäre die Krönung"

Es könnte ihre WM werden: Am ersten Tag der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen startet Maria Riesch im Super-G auf der eisigen Kandahar-Piste. Mit stern.de sprach sie über das Leben mit einem Marketingprofi, ihre Backgammon-Strategie und Bikini-Fotos.

Frau Riesch, Sie haben die wichtigsten zwei Jahre Ihrer Karriere, wie Sie die Dekade mit den Olympischen Spielen 2010 und den beiden Weltmeisterschaften 2009 und 2011 einmal bezeichneten, bald hinter sich und fast alles erreicht, was Sie sich vorgenommen hatten. Was ist Ihr Ziel für die WM?
Natürlich wäre eine Goldmedaille bei der Heim-WM die Krönung nach WM-Gold in Val d’Isere und Doppel-Gold bei Olympia. Das ist das ganz große Ziel.

Ist der Druck nach den Erfolgen der vergangenen Jahre kleiner geworden?
Das kann man so sehen oder so. Ich bin insgesamt durch die großen Erfolge ein bisschen gelassener geworden, denn die drei Goldmedaillen kann mir ja keiner mehr nehmen. Das heißt aber nicht, dass der Ehrgeiz oder die Motivation kleiner geworden ist. Man will das ja wieder schaffen.

Auf der anderen Seite stehen Sie bei der WM in Ihrem Heimatort aber in einem besonderen Fokus. Wie geht man mit dieser Erwartungshaltung und mit dem riesigen öffentlichen Interesse während der Titelkämpfe um?
Wir haben eine Grobplanung. Es wird natürlich einige Medienauftritte geben. So etwas ist wichtig, schließlich ist die WM eine Chance, den Skisport weiter nach vorn zu bringen. Ich werde einerseits schon versuchen, mich nicht zu sehr abzulenken vom Sport. Andererseits darf ich mich aber auch nicht zu verbissen nur mit Skifahren und Training beschäftigen. Ich werde in diesen zwei Wochen ohnehin zwölf oder dreizehn Tage auf Ski stehen und deshalb muss ich versuchen, in der wenigen freien Zeit abzuschalten und ein bisschen was anderes zu machen.

Ihr künftiger Ehemann Marcus Höfl begleitet Sie seit dieser Saison zu den meisten Rennen. Hat sich dadurch das Verhältnis zu den Teamkolleginnen verändert?
Nein, aber ist es schon ganz angenehm, wenn man mit dem zukünftigen Ehemann die freie Zeit verbringen kann. Man ist so oft mit der Mannschaft unterwegs, und ich verstehe mich ja mit allen gut, aber trotzdem ist sehr angenehm, sich mal zurückziehen zu können, mal einfach weg zu sein. Und natürlich ist es super, dass mir Marcus viel abnimmt. Es ist perfekt für mich.

Müssen wir uns nach Ihrer Hochzeit im Frühling an einen neuen Namen gewöhnen?
Das werden wir jetzt häufiger gefragt, aber wir wissen es selbst noch nicht genau. Natürlich möchte ich irgendwie den Namen von meinem Mann annehmen, aber wir werden sehen, welche Lösung wir finden.

Seit Sie und Marcus Höfl ein Paar sind, sollen Sie neben dem Skifahren eine zweite Leidenschaft entwickelt haben.
Ja, Backgammon. Das hat angefangen im Urlaub im Frühjahr. Im Sommer haben wir fast jeden Abend gespielt. Am Anfang war ich blind, aber mittlerweile habe ich aufgeholt. Jetzt gewinnt mal Marcus, mal ich.

Ihr künftiger Ehemann ist gleichzeitig Ihr Manager. Ist es schwierig, wenn sich der Beruf mit dem Privatleben vermischt?
Überhaupt nicht. Am Anfang hatten wir schon Bedenken, ob das gut geht. Aber es funktioniert besser, als wir es uns je vorgestellt haben. Wir haben bisher nur Vorteile festgestellt. Es dreht sich natürlich viel um unseren Beruf, aber das ist ja unser Leben. Wir verwenden im Moment viel Energie darauf, dass es beruflich für uns beide gut läuft. Wenn ich mit dem Skifahren irgendwann aufhöre, wird sich das sicher ändern.

Die WM soll auch der Bewerbung um die Olympischen Winterspiele 2018 einen Schub geben. Wie wichtig sind dafür Erfolge der deutschen Mannschaft?
In erster Linie muss natürlich die Stimmung passen, es muss alles gut organisiert sein. Aber ich denke schon, dass deutsche Medaillen eine gute Werbung wären, weil die Erfolge einer Heim-Mannschaft ja immer ganz anders, ganz besonders wahrgenommen werden. Das kann man mit Fußball vergleichen: Bei der WM 2006 ist vor allem deshalb eine riesige Euphorie entstanden, weil die Deutschen erfolgreich waren, und diese Begeisterung wurde weltweit transportiert. Die Fußball-WM war doch die beste Werbung für eine Sportveranstaltung in Deutschland.

Wie können Sie als Athletin sonst helfen?
Im Moment ist es etwas schwer, aktiv etwas zu machen, weil ich selbst mitten in der Saison stehe und meinen Kopf voll bei der Sache haben sollte. Aber es gibt ja schon die Initiative „Marias Freunde für München 2018“. Da verteile ich weiße Freundschaftsbändchen an Meinungsbildner, die Olympia unterstützen. Dahinter steckt die Idee, die transportierte Meinung zu korrigieren. Denn man hat das Gefühl, dass es viel mehr Olympia-Gegner gibt als Befürworter, tatsächlich ist es aber anders herum. Die Gegner bekommen bei uns in Deutschland eben eine wahnsinnige Plattform. Während der Saison ist natürlich etwas schwierig, die Bändchen zu verteilen. Aber immerhin konnte ich gleich zu Beginn Thomas Gottschalk dafür gewinnen und zuletzt auch Franz Beckenbauer.

Die WM ist aber nicht Ihr einziges großes Ziel in dieser Saison. Sie wollen nach zwei zweiten Plätzen endlich den Gesamtweltcup gewinnen und werden danach seit Beginn des Winters gefragt. Nervt Sie das?
Es ist schon nervig, aber man gewöhnt sich daran, es ist ja jedes Jahr das gleiche. Auch die Antworten sind fast immer die gleichen. Natürlich hat man das Thema selbst auch im Hinterkopf, allerdings versuche ich, mich damit so wenig wie möglich zu befassen. Es gibt sowieso nur eines: Vollgas geben und das Beste herausholen, dann schauen wir mal. Vom Gewinn des Gesamtweltcups hängt aber nicht meine Glückseligkeit ab.

Ihre Dauerrivalin und Freundin Lindsey Vonn scheint Probleme damit zu haben, nicht mehr die Gejagte, sondern die Jägerin zu sein.
Sie hat den Gesamtweltcup schon dreimal gewonnen und könnte es eigentlich ein bisschen lockerer sehen. Aber sie ist natürlich sehr ehrgeizig. Sie will diese Vormachtstellung, die sie sich in den letzten Jahren erarbeitet hat, nicht abgeben.

Sie haben mit Marcus Höfl jetzt den Marketing-Profi im Haus. Machen Sie sich selbst auch Gedanken über die Marke Maria Riesch?
Ich habe mir früher auch schon Gedanken gemacht, aber nicht so im Detail. Bis vor zwei Jahren war ich sicher eher die junge Freche. Aber jetzt gehe ich mit 26 Jahren doch schon auf 30 zu. Da ist man seriöser, reflektierter. Wir hatten im vergangenen Frühjahr die zweite Marktforschungsumfrage in Auftrag gegeben, und da erfährt man sehr interessante Dinge. Zum Beispiel , für was man steht oder wie mich die Leute wahrnehmen.

Für wen oder was würden Sie nicht werben?
Für Toilettenartikel würde ich nicht werben. Und ich würde keine Unterwäsche- oder Bikinifotos machen lassen, das wäre mir zu übertrieben sexy. Denn ich finde, dass die Gesellschaft ohnehin zu sehr sexualisiert ist, dass die Vorbilder der Jugend und die Wertevermittlung oft total falsch sind.

Die Schweizerin Lara Gut hat vor ein paar Wochen für Aufregung gesorgt, weil sie und ihr Team sich über die Generalvermarktungsprinzipien des Verbandes hinwegsetzten und mehr Eigenvermarktungsrechte einforderten. Können Sie das nachvollziehen?
Ein bisschen kann ich das schon verstehen. Ob die Art und Weise, wie sie es gemacht hat, richtig war, ist wieder etwas anderes. Der Zeitpunkt war auf jeden Fall unpassend. Aber ich denke schon, dass man für Topathleten gewisse Sonderregelungen treffen sollte.

Allerdings haben einst auch einmal Topathleten vom Solidarprinzip des Verbandes profitiert.
Es ist ja auch wichtig, dass das funktioniert und die Nachwuchsförderung weiter stattfindet. Die Förderung steht ja erst einmal allen offen. Alle kommen in den Genuss, aber nur ein paar schaffen es nach ganz oben. Die bringen dann auch den Verband weiter und verschaffen ihm bessere Verhandlungsbasis mit Sponsoren. Im Moment haben solche Diskussionen allerdings keinen Platz, ich konzentriere mich aufs Skifahren und auf die WM. Und was dann im Sommer ist, das werden wir sehen.

Elisabeth Schlammerl

Wissenscommunity