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Interview: "Ullrich nutzt sein Potential nicht!"

Jan Ullrich bereitet sich beim Giro d'Italia auf die Tour de France vor. Kritiker sind skeptisch, ob der T-Mobile-Profi rechtzeitig für die Frankreich-Rundfahrt fit wird. Für stern.de haben Rolf Aldag und Udo Bölts die Chancen ihres ehemaligen Teamkollegen auf einen Toursieg analysiert.

Von Annette Jacobs

Jan Ullrich nutzt die dreiwöchige Italien-Rundfahrt um sich für sein Saisonziel einzurollen: Den Sieg bei der Tour de France. Beim Giro d'Italia gibt er sich optimistisch: "Ich spüre, wie meine Form jeden Tag ein winziges Stückchen ansteigt", sagt der T-Mobile-Profi und kündigt an, beim 50 Kilometer langen Einzelzeitfahren am Donnerstag angreifen zu wollen. Dass er in den Bergen noch hinterherfahre und bei der letzten Etappe 16 Minuten auf Sieger Ivan Basso verloren habe, liege an seiner Knieverletzung, die er erst vor kurzem überstanden habe. Sechseinhalb Wochen vor der Tour lässt sich der T-Mobile-Profi nicht unter Zeitdruck setzen. Seine Kritiker jedoch laufen zur Hochform auf: Bjarne Riis, Teammanager des dänischen Rennstalls CSC, attestierte seinen ehemaligen Mannschaftskollegen unlängst ein Übergewicht von zehn Kilo. Der siebenmalige Toursieger Lance Armstrong warf Ullrich eine fehlende Arbeitsmoral vor.

"Quäl dich, du Sau!"

Hat Jan Ullrich wirklich noch eine Chance, beim großen Tourspektakel in Topform anzureisen oder ist er zu spät in die Saison eingestiegen? Udo Bölts und Rolf Aldag haben ihren Ex-Teamkollegen unter die Lupe genommen.

"Speziell für Ullrich ist der Giro eine gute Vorbereitung", erklärt Bölts, der Ullrich mit den Worten "Quäl dich, du Sau!" zum Toursieg 1997 trieb. "Durch seine ungewöhnlich guten physischen Voraussetzungen und sein Talent kann Ullrich schneller als viele andere eine gute Form aufbauen." Für die meisten Radprofis wäre eine solche Rundfahrt zu schwer, sie würden eher einen Einbruch erleiden, als einen Formaufbau.

Allerdings - nur hinterher zu fahren - ist auch für einen Jan Ullrich nichts. Deshalb hofft Bölts endlich auf die ersten kleinen Erfolge für seinen Ex-Teamkollegen: "Wenn er beim Einzelzeitfahren vorne mitfährt, gibt es ihm und seiner Mannschaft Selbstvertrauen für die nächsten Aufgaben."

Kritik von Armstrong nicht gerechtfertigt

Bölts traut Ullrich durchaus zu, am 1. Juli in Straßburg topfit am Start der Tour de France zu stehen. "Er hat sich durch sein erstes Saisonrennen, die Tour de Romandie gekämpft und ist mit einem anständigen Niveau aus dem Rennen gegangen. So viel hat er nicht falsch gemacht." Die Stimmen der Kritiker an dem 32-Jährigen sieht er skeptisch: "Wir dürfen Ullrich nicht unterstellen, dass er seinen Saisonstart verschoben hat, weil er keine Lust hatte, wenn wir die genauen Umstände nicht kennen. Vielleicht hatte er wirklich eine Knieverletzung - dann tun wir ihm Unrecht. Auch die zehn Kilo Übergewicht, die ihm Bjarne Riis nachgesagt hat, entsprachen ebenfalls nicht der Wahrheit." Die Kritik von Lance Armstrong kann Bölts ebenfalls nicht nachvollziehen, denn der Amerikaner hat die Vorbereitung Ullrichs lediglich über die Medien aus seiner Heimat Texas verfolgt und Ullrich vor ein paar Tagen seit dem vergangenen Sommer zum ersten Mal wieder gesehen.

Bölts, der beim erstklassigen deutschen Team Gerolsteiner Sportlicher Leiter ist, begleitete Ullrich fünf Mal als Edelhelfer bei der Tour de France. Oft war er einer der letzten, die ihn im Hochgebirge noch begleiteten, während alle anderen Teamkollegen schon abgehängt waren. Er war einer der größten Kämpfer unter den Radsportlern, konnte selbst aber nie eine Touretappe gewinnen. Deshalb schmerzt es Bölts, das Ullrich sein Talent verschleudert: "Ullrich nutzt sein Potential nicht. Ein Mensch mit seinem Talent könnte auch einen Frühjahrsklassiker erfolgreich fahren, auch bei den Weltmeisterschaften im Herbst traue ich ihm einen Straßentitel zu. Nur eine gute Tour de France zu fahren, ist für einen Rennfahrer seiner Klasse zu wenig."

Es darf nichts Unerwartetes mehr passieren

Rolf Aldag sieht den späten Saisoneinstieg seines ehemaligen Teamkollegen ebenfalls skeptisch. Wenn man eine so knappe Vorbereitung mit nur zwei Rennen wählt, muss alles passen: "Zunächst mal darf das Knie nicht mehr zwicken. Außerdem muss er mehr als sonst auf seine Ernährung achten, um ein gutes Renngewicht zu haben. In der ersten Tourwoche noch abzunehmen ist definitiv zu spät", warnt Aldag, der sich auskennt. Denn der 37-Jährige, der im vergangenen Herbst seine Karriere als Radprofi beendete, stand in seiner Karriere zehn Mal in Frankreich am Start.

Das wichtigste in der derzeitigen Situation von Ullrich sei jedoch, dass er den Giro d'Italia gut übersteht. Denn in der dritten Woche warten schwere Hochgebirgsetappen auf die Rennfahrer und bei schlechtem Wetter ist Ullrich anfällig für eine Bronchitis. Das haben die Vorbereitungen in den vergangenen Jahren gezeigt. Ebenfalls ganz wichtig: Ullrich darf nicht stürzen. Bölts ist davon überzeugt: "Wenn er den Giro abbrechen muss, dann wird es schwer für ihn." Sollte der bislang einzige deutsche Toursieger die dreiwöchige Rundfahrt in Italien jedoch gut hinter sich bringen, dann ist "die Tour für Ullrich noch nicht abgehakt", sagt Aldag.

Ullrichs Tourvorbereitung ist also ein Drahtseilakt. In den nächsten Wochen darf nichts unvorhergesehnes mehr passieren. Nur dann zählen ihn seine ehemaligen Teamkollegen Rolf Aldag und Udo Bölts zu den Tourfavoriten, der zwei entscheidende Vorteile gegenüber seinen Gegnern hat: "Jan Ullrich ist wie gemacht für dieses dreiwöchige Rennen. Er hat das beste Stehvermögen von allen", sagt Bölts und verrät vielleicht Ullrichs entscheidenden psychologischen Vorteil: "Unter allen Gegnern, die in Frankreich versuchen werden, den T-Mobile-Kapitän zu schlagen, weiß keiner, wie es sich anfühlt, im Gelben Trikot über die Champs Elysées zu fahren. Dieses Gefühl kennt nur Jan Ullrich."

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