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Jan Ullrich: Ein bis zwei Kilo zuviel

Vier Wochen vor der Tour de France ist Jan Ullrich noch nicht hundertprozentig fit. Nach einem fünften Platz im Schwarzwald, musste er sich beim Grand Prix Aargau aber erst auf der Ziellinie geschlagen geben.

Jan Ullrich verbrachte ein wechselhaftes Wochenende. Am Samstag vermasselte ihm Fabian Wegmann vom Team Gerolsteiner die Tour mit seinem Solosieg im Schwarzwald-Städtchen Triberg. Am Sonntag verfehlte Ullrich, am Vortag abgeschlagener Fünfter, den Sieg in der Schweiz nach 194 Kilometern nur um einen Hauch. Beim Grand Prix Aargau der Radprofis unterlag der 31-jährige T-Mobile-Kapitän vier Wochen vor dem Start der Tour de France nur dem Schweizer Alexandre Moos im Spurt einer dreiköpfigen Ausreißer-Gruppe. Den ersten Saisonsieg als Motivationsschub holt er sich nun vielleicht in der Tour Suisse.

"Er sieht so gut und stark aus wie noch nie"

Sein großer Tour-Rivale Lance Armstrong (USA) hatte seinen vermeintlichen Hauptkonkurrenten in Frankreich unmittelbar vor Ullrichs Achtungserfolg in Gippingen hoch gelobt. "Er sieht so gut und stark aus wie noch nie", hatte Armstrong vor dem Start der Dauphiné-Rundfahrt erklärt, mit der der Rekordsieger aus Texas ("Wo ich selbst stehe, kann ich nicht sagen") seine Generalprobe für die Tour einläutete. Ullrichs letzter Testlauf beginnt am 11. Juni bei der Tour de Suisse. "Erst hatte ich unheimlich schwere Beine, dann lief es aber überraschend gut bei mir", sagte der T-Mobile-Kapitän am Sonntag nach seinem arbeitsreichen Wochenende.

Beim Grand Prix Schwarzwald in Triberg hatte Wegmann Ullrich nach 162,4 Kilometern um immerhin 3:42 Minuten distanziert. Dort steckten dem Tour-Sieger von 1997 aber noch die harten Trainings-Kilometer aus den Pyrenäen in den Beinen, wo er Anfang vergangener Woche fast über den ebenfalls trainierenden Armstrong stolperte. Ullrichs Fazit für dieses Wochenendes: "Die Formkurve zeigt nach oben, sie ist aber noch ausbaufähig. Ich bin optimistisch für die Tour."

"Nach 10.000 Höhenmetern in den Pyrenäen war ich noch ein bisschen müde", sagte Ullrich, dem auch private Berg- und Talfahrten zusetzten, in Triberg fast entschuldigend. "Ein bis zwei Kilo müssen noch runter", gestand er ein. Der prominente Arbeitskollege sei "noch nicht im Vollbesitz seiner Kräfte", sagte Wegmann über Ullrich, der vor dem Grand Prix im Schwarzwald bei der Einschätzung seiner näheren Zukunft noch optimistischer wirkte.

Im Hinblick auf seinen achten Tour-Start wähnt sich Ullrich voll im Plan. Mit fast schon ausgezehrten Wangen wirkt er rank und schlank: "Ich bin viel weiter als im Vorjahr, vom Umfang habe ich ein bisschen mehr trainiert als sonst. Jetzt fehlt nur noch der Feinschliff, um mit 95 Prozent meiner Kapazitäten am Start zu stehen. Ich hoffe in der zweiten Tour-Woche, wenn die Entscheidung naht, mein volles Potenzial zu haben". Die Trennung von Freundin und Kind belaste ihn zwar, "schließlich war ich mit Gaby 11 Jahre zusammen, aber ich versuche, mich 100 Prozent auf den Sport zu konzentrieren."

Letzte Chance Lance Armstrong zu besiegen

Im fünften Anlauf gegen den Texaner hat Ullrich diesmal die letzte Chance, Armstrong zu bezwingen, der seinen Rücktritt für den Nachmittag des 24. Juli ankündigte. "Als Sportler habe ich den besonderen Ehrgeiz, die Tour noch unbedingt einmal gegen Lance zu gewinnen. Aber auch bei einem Tour-Sieg ohne Lance würde zehn Jahre danach keiner mehr fragen", saget Ullrich, der den sechsfachen Rekordsieger bei dessen Finale "richtig stark" erwartet: "Er hat sich weit Weg von allen in Ruhe vorbereitet."

Neben Armstrong, Ullrich und dem Italiener Ivan Basso wird Alexander Winokurow als Tour-Geheimtipp gehandelt. Aber Ullrich rechnet den Kasachen nicht zu den Kontrahenten, sondern in erster Linie natürlich zu seinen loyalen Unterstützern im Team. Auch wenn sich sein Vertrauter Rudy Pevenage Konstellationen vorstellen kann, in denen Winokurow seine eigene Chance suchen könnte. Ähnlich wie für Ullrich geht es für den 51-jährigen Belgier bei der kommenden Tour um besonders viel: "Mein Vertrag als persönlicher Betreuer läuft Ende der Saison aus."

Andreas Zellmer/DPA / DPA

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