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Mexiko: Boxchampions aus der Hölle

Draußen tobt der Drogenkrieg, drinnen trainieren die, die dieser Hölle entfliehen wollen. Im Boxstall "Crea" in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana werden Boxweltmeister wie am Fließband produziert.

Von Tobias Käufer, Tijuana

Romulo Quirate führt ein eisernes Regiment. Die unzähligen Talente, die voller Hoffnung zu ihm kommen, um bei der Trainerlegende in die Lehre zu gehen, hören am Anfang stets die gleichen Worte: "Erst die Ausbildung, dann das Boxen." Zu viel hat Quirate schon gesehen, um zu nicht zu wissen, dass es nur die Allerwenigsten bis nach ganz oben schaffen. Sein markantes Gesicht es gezeichnet von Schmerz und Enttäuschungen, aber auch von Triumphen und legendären Siegen. Wer bei ihm in den Boxring steigt, soll nicht nur ein hervorragender Kämpfer werden, sondern auch ein besserer Mensch.

Tijuana ist für die jungen Kämpfer Himmel und Hölle zugleich: Jugendbanden und Auftragsmörder haben längst die Macht in der Stadt übernommen, die Polizei ist zum Verwalter des Todes degradiert. Prostitution beherrscht das Straßenbild. Die Millionenstadt ist Grenzkontrollpunkt für jährlich 40 Millionen Personen und 14 Millionen Autos. Tijuana ist zu einer Art Vertriebszentrale für den US-amerikanischen Drogenmarkt aufgestiegen.

Kolumbianisches Kokain wird über die Grenzen geschmuggelt. Allein 2007, so rechnet der US-Drogenreport vor, hätten kolumbianische Drogenkartelle über Mittelamerika und Mexiko Kokain im Wert von 96 Milliarden US-Dollar in die Vereinigten Staaten geschmuggelt. Summen, die deutlich machen, welche wirtschaftliche Macht hinter der organisierten Kriminalität steht. "In den vergangenen zwei Monaten sind in unserer Stadt 233 Menschen ermordet worden.

Brutale Realität

Dagegen gab es im gleichen Zeitraum nur 77 Todesfälle durch Krankheiten. Das ist die brutale Realität in Tijuana", sagt Chefredakteur Miguel Angel Torres von der Tageszeitung "El Sol de Tijuana" im Gespräch mit Stern.de. Die Front im mexikanischen Drogenkrieg verläuft durch Tijuana. Der mit vier Oscars prämierte Kinofilm "Traffic" mit Michael Douglas in der Hauptrolle nutzt die Kulisse um die Geschichte des längst verlorenen Kampfs gegen die Macht der Drogenhändler zu erzählen.

Wie ein Mahnmal erinnert der legendäre Grenzzaun Tijuanas die Mexikaner an die Realität: Der Weg ins gelobte Land ist längst versperrt. Trotzdem versuchen es viele Mexikaner auf illegalen Wege über die Grenze. In der Trainingshalle "Crea" kämpfen sie dagegen um ein legales Ticket nach Las Vegas oder New York. Hier rieselt der Putz von den Wänden, das "Gym" ist spartanisch eingerichtet. Nichts aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass in diesem Boxstall echte Champions geboren wurden.

Derzeit kämpfen 100 Boxer in dem tristen weißgrauen Gemäuer. Es riecht nach Schweiß, die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich. Die überwiegend jungen Männer haben alle den gleichen Traum: Sie wollen raus aus der Stadt der Auftragsmörder, Drogenhändler und Chancenlosen. Sage und schreibe 16 Weltmeister schafften von hier aus in den vergangenen 25 Jahren den Weg zu Ruhm und Reichtum. Der erste Champion war Mexikos Boxlegende Julio Cesar Chavez, dessen Aufstieg 1984 begann. Auchen Antonio Margarito oder Erik "Terrible" Morales gehörten zu den Weltmeistern, die in Tijuana in die Lehre gingen.

Nur Disziplin zählt

Warum gerade hier die Champions geboren werden, ist für Coach Romulo Quirate kein Geheimnis: "Boxprofi zu werden ist das große Ziel, weil du dann etwas bist und von deinen Freunden und Nachbarn respektiert wirst", sagen ihm seine Schützlinge immer wieder. Der Weg auf den Boxgipfel ist ohnehin schwer genug, in Tijuana sind aber die Verlockungen des Bösen noch etwas größer. Nur wer absolut diszipliniert arbeitet, wie Alejandro Rodriguez (17) hat eine Chance.

"Ich will nichts mit den Drogen zu tun haben", sagt er. Viele seiner Freunde denken nicht so und haben schon das schnelle Geld verdient. Sie vergnügen sich mit den schönsten Mädchen der Stadt und fahren schnelle Autos - wenn sie denn den täglichen Bandenkrieg überlebt haben. Alejandro steht jeden Morgen um 5 Uhr in der Früh auf, beginnt den Tag mit einem Dauerlauf. Dann geht er zur Arbeit und absolviert seine Ausbildung. Zwischendurch und am Abend trainiert er in der Halle. Aus diesem Holz sind Champions geschnitzt, weiß Quirate und dichtet eine Zeile aus dem Song "New York" von Frank Sinatra um: "Wenn Du es in Tijuana schaffst, dann schaffst Du es überall."

Die Boxhalle erfüllt für die Menschen in Tijuana auch noch einen anderen Zweck. Sie sind es leid, dass es nur Horrormeldungen aus der Stadt in die Nachrichtensendungen der Welt schaffen, wie vor ein paar Wochen, als Sicherheitskräfte Santiago Meza López festnahmen. Der 45-Jährige habe mindestens 300 Leichen im Auftrag des Drogenbosses Teodoro García Simental verschwinden lassen, hieß es. Meza López, genannt "Posolero del Teo" (Teos Suppenkoch), habe gestanden, die Leichen von Rauschgiftkriminellen in Salzsäure aufgelöst zu haben, damit die Toten nicht mehr auffindbar sind. Wenn es dann plötzlich wieder einer aus dem Boxstall Crea ganz nach oben geschafft hat und in den Nachrichten auftaucht, erheben die Menschen die Köpfe voller Stolz. Quirate: "Es ist schön, dass es auch gute Nachrichten aus Tijuana gibt."

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