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Nowitzki und Co.: Der Traum der alten Männer

Der Superstar der Deutschen war wortkarg. Der knappe Auftaktsieg bei der Basketball-EM in Spanien gegen Tschechien hatte Dirk Nowitzki die Laune verdorben. Aber vielleicht beschlich den NBA-Giganten auch nur die Wehmut, weil es dieses Nationalteam nicht mehr lange geben wird.

Von Christian Ewers, Palma de Mallorca

Die Mühen des Spiels standen ihm ins Gesicht geschrieben. Schlaff fielen ihm die Locken in die Stirn, und um seine Augen zogen sich dunkle Ringe. Dirk Nowitzki wollte sich nicht lange feiern lassen im Velodromo von Palma de Mallorca. Er wollte nur schnell weg. Zum Bus, zurück ins Hotel. "War ein wichtiger Sieg heute", sagte Nowitzki noch schnell in der Mixedzone. "Ich hoffe, das macht die Köpfe frei und ist der Anfang einer guten Serie."

Am Montagabend, im ersten Gruppenspiel der deutschen Basketballer bei der Europameisterschaft, hatten nur zwei Spieler die Köpfe frei. Dirk Nowitzki und Mithat Demirel. Beim 83:78-Sieg in der Verlängerung gegen den Außenseiter Tschechien erzielten sie zusammen weit mehr als die Hälfte der deutschen Punkte. Nowitzki war mit 35 Punkten einsamer Topscorer des Abends, der Berliner Aufbauspieler Mithat Demirel sammelte 18 Punkte.

"Sie können sich noch mal alles vergolden"

Dass Nowitzki nach dem knappen Erfolg so wortkarg war, hatte Gründe. Bis zur Schlusssirene musste er um den Sieg bangen. Für den Flügelspieler der Dallas Mavericks hätte es einen schweren Schlag bedeutet, wäre die Partie verloren gegangen. Denn Nowitzkis großer Traum ist die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking. "Einmal NBA-Meister werden und einmal zu Olympia - das wär’s", hatte Nowitzki, 29, schon zu Beginn seiner Karriere gesagt. In der Qualifikation für Sydney 2000 und Athen 2004 scheiterte das Nationalteam; jetzt hat die Mannschaft in Spanien eine letzte Chance, das gemeinsame Ziel doch noch zu erreichen. Platz eins oder zwei würde die direkte Teilnahmeberechtigung für Peking bedeuten; mindestens Platz sieben ist notwendig für ein zusätzliches Qualifikationsturnier.

Lange wird es dieses deutsche Nationalteam nicht mehr geben. Nowitzki, der in der zurückliegenden Saison als erster Europäer zum Most Valuable Player der NBA gewählt worden war, hat schon angedeutet, im nächsten Jahr zurücktreten zu wollen. Auch andere Spieler aus der Stammformation sind in einem Alter, in dem man haushalten muss mit seinen Kräften, in dem es um einen letzten guten Vertrag geht. Center Patrick Femerling und Power Forward Ademola Okulaja sind 32. Ein Jahr noch, dann dürfte für beide Schluss sein. "Die Jungs spüren, dass sie an einem entscheidenden Punkt ihrer Karriere stehen", sagt Bundestrainer Bauermann. "Jetzt können sie sich noch mal alles vergolden. Das gibt ihnen eine große Ernsthaftigkeit."

Leistungssteigerung gegen Türkei bitter nötig

Eine Ernsthaftigkeit, die mitunter auch zu Verkrampfung führen kann. Die Partie gegen Tschechien hat eindrucksvoll vor Augen geführt, worin die Stärken und Schwächen einer erfahrenen, im Kern seit zehn Jahren unveränderten Mannschaft stehen. Sie ist berechenbar für ihre Gegner - das zeigten die ersten beiden Viertel. Tschechien, ein individuell nicht sonderlich begabtes Team, hatte sich perfekt auf die deutschen Spielsysteme vorbereitet. Die Mannschaft von Trainer Zdenek Hummel zerstörte, wo es zerstören konnte - mit Erfolg. Nichts lief bei den Deutschen. Bis auf die Solo-Show von Nowitzki, der den Vorsprung der Tschechen in Grenzen hielt.

In der zweiten Halbzeit schlug die Auswahl des Deutschen Basketball-Bundes dann Kapital aus ihrem großen Erfahrungsschatz. Bundestrainer Bauermann brachte Mithat Demirel, einen engen Freund von Dirk Nowitzki, der mit seinem Tempospiel die gegnerische Defensive aufwirbelte. "Ich weiß, was Mithat kann. Es wurde auch echt Zeit, dass Feuer von der Bank kommt", sagte Nowitzki nach der Partie, der sich allein gelassen fühlte über weite Strecken der Partie.

Gegen mittelmäßige Mannschaften wie Tschechien genügen ein, zwei taktische Kunstgriffe des Trainers - dann läuft das deutsche Spiel wieder in den alten, geordneten Bahnen. Gegen die Türkei jedoch (20.30 Uhr, live im DSF), einen der Favoriten auf den EM-Titel, muss das DBB-Team "eine Klasse besser spielen", glaubt Nowitzki. Sonst ist er womöglich schnell vorbei, der Traum der alten Männer von Olympia.

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