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Porträt Dirk Nowitzki: Für immer ein Franke

Der Würzburger Dirk Nowitzki ist zu einem der besten Basketballer aller Zeiten geworden. In seiner fränkischen Heimat schätzt man ihn dafür, dass er mit Leib und Seele einer von ihnen geblieben ist.

Von Jürgen Höpfl, Würzburg

Dem Menschen Dirk Nowitzki auf Augenhöhe zu begegnen, fällt allein wegen seiner Ausmaße schwer: Mit einem Körper von 2,13 Metern Hünenlänge schaut der Kerl einfach über die Leute hinweg. Zu behaupten, er würde die Mitwelt von oben herab betrachten, würde ihm jedoch auch nicht gerecht. Es ist jedes Mal aufs Neue ein köstlicher Anblick, wenn ein ganz normales Mädchen, das das Glück hat, ihm zu begegnen, um ein gemeinsames Bild bittet. Dieses Mädchen steht dann meist nervös kichernd auf Nowitzkis Nabelhöhe. Der legt seinen Arm prankengleich um die, besser: auf die Schultern der jungen Dame und lächelt auch nach Hunderten Fotos solcher Art immer noch verlegen - als würde er denken, was wollen die bloß alle von mir?

Nun erwecken Personen derartiger Goliath-Statur, man erinnere sich an seinen kolossalen alten Kameraden Burkhard Steinbach, ja gerne einen tapsigen, bärenhaften Anschein. Dirk Nowitzki nicht. Seit er Ende 1998 auszog, um die Sportwelt zu erobern, entwickelte er sich vom obenrum schmächtig wirkenden, groß gewachsenen Oberschüler zum athletischen Riesen von ungeheurer Wendigkeit. Anders als mit dem in Tausenden Stunden Kraftraum hinzu gekommenen breiten, trotzdem modellgleichen Leib hätte selbst er sich nicht mit aller Flinkheit gegen die Defensiv-Rambos seiner Leistungsklasse behaupten können. Wobei die meisten Freunde sagen, wohlmeinend wohlgemerkt, dass das Gewicht das Einzige sei, was sich am berühmtesten Würzburger Sohn in den 13 bisherigen Dallas-Jahren verändert habe.

Er spielt lieber Basketball, als darüber zu sprechen

Im März 1997 hatte der damals 18-Jährige sein erstes richtig großes Interview zu geben, auf das er so viel Lust verspürte wie auf Rosenkohl und Brokkoli - Gemüsesorten, die er nicht leiden kann. Der Abiturient, dem seinerzeit Trainer und Lehrer Klaus Perneker in zig strengen Extraschichten durch die Reifeprüfung am Röntgen-Gymnasium hievte, spielte lieber Basketball, als darüber zu sprechen. 42 Punkte in einer Zweitliga-Partie warf er regelmäßig, ohne spektakulär aufzufallen - aber im Gespräch war ihm jedes Wort aus der Nase herauszuziehen. Er hätte auch sagen können, 'ach schreib doch, was du willst, es ist mir eh egal'. Und das, in der Tat, hat sich bis heute kaum verändert: Öffentlichkeitsarbeit ist seine Herzenssache nie gewesen, ist es trotz professioneller, US-amerikanischer Anleitung nie geworden.

Dieser Dirk Nowitzki, er denkt präzise, aber still für sich. Er bringt seine Meinung im Bedarfsfall klar auf den Punkt, aber ungern. Für die Medien, denen er schon mal zeigt, dass er sie allenfalls als notwendiges Übel duldet, ist Nowitzkis zurückhaltendes Auftreten bisweilen lästig: Als Außenstehender möchte man jedoch durchaus mal einen Reporter schütteln wie den von einem westfälischen Privatradio, der den Athleten am Tag vor dem ersten Finalspiel fragte, worüber er zu Hause mit der Freundin reden würde, worauf Nowitzki zu Recht antwortete, was der Quatsch solle. In einer Ära sinnloser Schwätzer kann es ein Zeichen in sich ruhender Qualität sein, ein Charaktermerkmal, sich sehr wohl Gedanken zu machen, doch die nicht permanent überall zu artikulieren. Zum Redner jedenfalls ist dieser Basketballer nicht geboren: Oder ist jemandem entgangen, dass er in seinen Fernseh-Werbespots normalerweise nur durch sich selbst wirkt, nicht durch irgendwelche Aussagen oder Botschaften?

Olympia als menschlicher Karriere-Höhepunkt

Manchmal, an guten Tagen, aber er muss Spaß an der Sache haben, gelingt es auch Zeitgenossen außerhalb des eng gestrickten Familien- und Freundes-Clans, wahren Zugang zum Wesen des Athleten zu finden. Peking 2008 war so ein Momentum, Olympia als menschlicher Karriere-Höhepunkt abseits des starren Ligabetriebs. Denn ja, auch Dirk Nowitzki trinkt Bier und interessiert sich für Autos, Fußball und Frauen, die ewigen Männerthemen - wenngleich die leidige Frauengeschichte mit einer brasilianischen Betrügerin vor zwei Jahren sein inneres Misstrauen eher schürte. Dirks neue Freundin, eine dunkelhaarige Schwedin, sitzt derweil nicht in der Zweifelsfalle und kennt alle Telefonnummern ihres Freundes, der diese ansonsten mehr hütet als die US-Regierung ihre Goldbestände in Fort Knox. Maximal die Familie und drei, vier alte Freunde oder Ex-Mitspieler aus Würzburger Tagen, darunter "Robse" Garrett und der besagte Koloss-"Burgel" Steinbach, mailen und telefonieren regelmäßig und oftmals zwangsweise des Nächtens mit ihm, das soll genügen. Zumal da ja Holger Geschwindner auch noch alle Spielzeiten begleitet und Krisen mit überwunden hat, der ewige Mentor und vielleicht Einzige mit dem tiefen Blick aufs Händchen seines Schützlings, den er lange genug nur seinen "Bu" nannte.

Geschwindner, der für Nowitzki in etwa jene Überfigur ist, die Vater Graf für seine Steffi oder Günter Bosch für Boris Becker war, hat als Franz Beckenbauer des deutschen Basketballs einen unveränderten, den wahrscheinlich größten Einfluss auf seinen Ziehsohn. Das bringt diesen sportlich gewiss weiter, zumal der "Hodge" darauf aus ist, den Zögling über Tellerränder hinausschauen zu lassen - menschlich gibt es ob Geschwindners brüskierender, rauer, lichtscheuer Art Gegenstimmen, ob er ein guter Ratgeber ist. Freilich sind die Beiden längst so eng miteinander verwoben, dass sie fünf Wochen mit dem Rucksack einsam durch das australische Outback wandern: Und auf solchen Trips, nun ja, redet man bestimmt nicht nur über den Basketballsport.

Andererseits ist es vermutlich jene Beharrlichkeit, jene vielleicht aus der fränkischen Seele herrührende Sturheit, Standfestigkeit, Zähigkeit, die diesen Dirk Nowitzki zum Primus aller Klassen reifen ließ. Die womöglich wertvollsten Jahre seiner Jugend, die um die 20, hat er bereits unter Profibedingungen in den Staaten verbracht - kann gut sein, dass er nach dem Ende der Karriere noch Entwicklungen nachholen muss, die andere dann lang hinter sich haben. Doch treu, davon ist auszugehen, treu zu sich selbst, der Würzburger Herkunft, den alten Kumpels, wird er immer bleiben: Auch der Fakt, dass einem kein zweiter Profisportler dieser Größenordnung einfällt, der die komplette Laufbahn ebenfalls nur bei exakt zwei Stationen (DJK Würzburg und Dallas Mavericks) verbracht hat, weist darauf hin.

"Das ist halt mein Sohn, so ist er", pflegt Vater Jörg Nowitzki zu sagen - und bewundert den von ihm Papa-gerecht auch mal getadelten Junior nicht nur heimlich für dessen immense Ausdauer und sportliche Besessenheit. "Das hat er sich alles hart erarbeitet, in den Schoß ist es ihm nicht gefallen", erkennt der Malermeister stolz, stuft die Erfolgs-Verteilung auf "20 Prozent Talent, 80 Prozent Training" ein - und erzählt folgende Anekdote, die sich mehrfach ähnlich zugetragen haben soll: "Wir saßen mal wieder im Hochsommer zum Grillen im Garten. Die Würste waren fertig, alle Freunde da. Wir riefen nach Dirk, doch der kam nicht. Die Würste waren verkohlt. Nach einer Stunde haben wir drinnen nach ihm geschaut. Da schwitzte er bei über 30 Grad Hitze noch immer auf dem Stepper und meinte, er müsse erst sein volles Programm bewältigen." Und das, sagt Papa Nowitzki, diese hartnäckige Zielstrebigkeit, sei ihm fast unheimlich.

Einfach er

Bei einer derartigen Fokussierung aufs Wesentliche fällt es Fremden natürlich schwer, den Menschen hinter dem Sportler Dirk Nowitzki zu beschreiben und charakterisieren, greifbar zu machen. Stimmt es etwa wirklich, dass ihm ziemlich viel piepegal ist, auch das viele Geld, das er verdient? Dass dabei Geschichten entstehen, die seit einem Jahrzehnt immergleich die alte Leier von Mama Helgas Sauerbraten und dem Heimweh in die fränkische Provinz und der Bäckersfrau in Rattelsdorf erzählen, die ihm den Schlüssel gibt zum Training im Sommer bei Geschwindner, zeigt, wie sehr sich die Journalisten-Branche an diesem Nowitzki abarbeitet und aufreibt. Zuallererst, weil Dirk Nowitzki so ist, wie er ist, und gar nicht daran denkt, etwas an sich zu ändern. Authentisch, sagt man neuerdings gerne dazu. Und genau deswegen so erfolgreich.

Am 6. Juli werden in Durban, Südafrika, die Olympischen Winterspiele 2018 vergeben. Mit Winterspielen hat der populäre Korbjäger zwar nichts am Hut, die Kandidatenstadt München möchte aber trotzdem mit Dirk Nowitzki als neuer Lichtgestalt und Werbeträger des deutschen Sports in Durban antreten. Münchens Frontfrau und Charmebolzen Katarina Witt bemüht sich persönlich um Nowitzkis noch nicht erfolgte Zusage. Den bayerischen Olympia-Bewerbern, das steht fest, könnte bei der Vergabe gar nichts Besseres als Dirk Nowitzki passieren. Ihm womöglich schon.

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