Schwimm-WM Britta Steffen krönt sich zur Königin von Rom


Zwei Mal Gold, ein Mal Silber und ein Mal Bronze: Britta Steffen hat eine geradezu phantastische WM-Bilanz vorzuweisen. Ihr Kollege Paul Biedermann ist mit drei Medaillen der zweite Star des deutschen Teams. Doch es bleibt ein bitterer Beigeschmack - denn die Rekorde sind auch den neuen Schwimmanzügen zu verdanken.

Nach 23,73 Sekunden über 50 Meter Freistil und ihrem dritten Weltrekord von Rom schüttelte Steffen fassungslos den Kopf. "Ich bin selber so überrascht von dieser Leistung", sagte die Berlinerin, "ich habe gedacht, oh Mann, wieder so ein blöder Start." Paul Biedermann, wie Steffen Doppel-Weltmeister, machte Platz zwei und Europarekord für die Männer über 4 x 100 Meter Lagen perfekt. Nun sollen die Siegertypen Steffen und Biedermann den Weg in eine erfolgreiche Zukunft weisen. Bundestrainer Dirk Lange: "Das sind zwei Leitfiguren, die uns nach London tragen müssen."

Neun Medaillen (4-4-1), so gut waren Deutschlands Schwimmer zuletzt 2003 in Barcelona (5-1-2). "Wir sind wieder in der Champions League", sagte Lange auch mit Blick auf sechs Weltrekorde seines Teams, "jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht wieder absteigen." Insgesamt holte die deutsche Mannschaft siebenmal Gold, das gab es seit der Wiedervereinigung noch nie.

Rekorde für die Ewigkeit – keine Kontrollen

Die neuen High-Tech-Anzüge führten mit 43 Weltbestzeiten zu einer nie gekannten Rekord-Inflation. Von 2010 an sind sie verboten und müssen wieder Textil-Produkten weichen. Rom könnte Rekorde für die Ewigkeit produziert haben. Mangelnde Doping-Kontrollen stellten zudem die Glaubwürdigkeit infrage. Unter den 2800 Athleten wurde kein einziger Bluttest durchgeführt.

Steffen hätte nach ihrem Sieg über 50 Meter Freistil, der die 25-Jährige nach zweimal Gold in Peking auch zur Doppel-Weltmeisterin machte, die Welt umarmen können. Wie über 100 Meter ließ es die Berlinerin in Vorlauf und Halbfinale locker angehen, um dann im Finale gnadenlos zuzuschlagen. Lächelnd stieg Britta Steffen auf den Startblock. Sie hatte nach Gold über 100 Meter und Silber und Bronze mit den Staffeln nichts mehr zu verlieren. Sie konnte nur gewinnen. Und das machte sie stark. Es passte einfach alles: Sie selbstsicher, die Konkurrenz verunsichert. Als zusätzliche Stärkung gab es in der Aufwärmhalle noch eine innige Umarmung mit Paul Biedermann, Deutschlands Männer-Doppel-Weltmeister von Rom.

"Ich habe nur Glück gehabt"

"Fünfzig Meter ist so ein Glücksspiel", sagte Steffen, "mein Wunschziel war eine 23,8. Das Schöne ist, dass eine Bahn nicht weh tut, das macht dann Riesenspaß. Ich habe einfach nur Glück gehabt." Bundestrainer Lange: "Sie ist einfach überragend." Sportdirektor Lutz Busckow kündigte spontan eine Fete an: "Super, jetzt werden wir feiern."

US-Star Dara Torres, mit 42 Jahren Älteste im Finale, lobte Steffen in höchsten Tönen: "Sie ist eine Ausnahme-Athletin. Das ist eine unglaubliche Zeit, die über Jahre hinweg bestehen wird." Therese Alshammar aus Schweden (23,88) blieb nur Silber, die entthronte Weltrekordlerin Marleen Veldhuis (Niederlande) musste sich in 23,99 Sekunden mit der Australierin Cate Campbell Bronze teilen.

Teamleistung mit Schrecksekunde

Zusammen mit Daniela Samulski, Sarah Poewe, Annika Mehlhorn war Steffen tags zuvor zu Bronze mit der Lagenstaffel geschwommen. Das Quartett musste sich dabei mit Europarekord in 3:55,79 Minuten nur den Weltrekord schwimmenden Chinesinnen (3:52,19) und Australien geschlagen geben. Steffen musste bange Sekunden überstehen: "Ich dachte, ich bin zu früh gesprungen. Doch als das Ergebnis kam, war ich erleichtert. Sonst wäre ich ganz schön böse gewesen." Aber alles war gut.

Paul und der Papst

Paul Biedermann, tief beeindruckt von der Audienz bei Papst Benedikt XVI in der Sommerresidenz in Castel Gandolfo, erkämpfte am Schlusstag zusammen mit Helge Meeuw, Hendrik Feldwehr und Benjamin Starke mit Europarekord in 3:28,58 Silber in der Lagen-Staffel. Das US-Quartett musste schon Weltrekord (3:27,28) schwimmen, um die DSV-Männer zu bezwingen. "Diese Medaille ist mir sehr wichtig, weil wir als Team sehr stark geschwommen sind", sagte Biedermann. Als Schlussschwimmer gab der 22-Jährige aus Halle/Saale noch einmal richtig Gas, nachdem er auf Platz drei übernommen hatte: "Ich wollte unbedingt Zweiter werden."

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) zieht eine überaus positive WM-Bilanz. "Wir sind gut aufgestellt für die nächsten Jahre", sagte Bundestrainer Dirk Lange, "wir müssen dran bleiben. Der Trend stimmt." Mit neun Medaillen im Becken des Foro Italico wurde die Vorgabe von viermal Edelmetall weit übertroffen. Insgesamt nimm das deutsche Team zwölf Medaillen von Rom mit nach Hause: Mit dreimal Gold - Thomas Lurz über 5 und 10, Angela Maurer über 25 Kilometer - waren die Langstreckler wieder eine Medaillen-Bank. Die Wasserspringer blieben nach dem Rücktritt einiger Leistungsträger hinter den Erwartungen zurück und erstmals seit der Wiedervereinigung ohne Medaille.

Zwei Siegertypen für die Zukunft

Deutschlands Schwimmsport darf hingegen nach den Soloshows mit Michael Groß und Franziska van Almsick für die Zukunft auf zwei Siegertypen bauen. Doppel-Olympiasiegerin Steffen hat mit der WM in Rom ihre Medaillen- und Titelsammlung endlich komplett. Aber sie zieht sich nicht zurück, sie schwimmt weiter, will zusammen mit Doppel-Weltmeister Biedermann Verantwortung im Team übernehmen. "Mit Paul an meiner Seite fühle ich mich sogar noch bestärkter darin, dass wir alle die Möglichkeit haben, ganz vorne mitzuschwimmen", sagte Steffen. Bundestrainer Dirk Lange baut auf die neue Doppelspitze: "Das sind zwei Leitfiguren, die uns zu Olympia 2012 nach London tragen müssen."

Britta Steffen würde "gern die jungen Leute anleiten und ihnen etwas von dem abgeben, was ich jahrelang an Erfahrung sammeln musste. Das war manchmal härter, als man denkt. Wenn ich irgendwie helfen kann, dann mache ich das gerne und es macht großen Spaß." Biedermann meinte: "Ich war sehr motiviert, wie sie in Peking alles weggesteckt hat. Sie ist nach wie vor ein Vorbild im DSV."

Olympia im Blick

Für Biedermann ist nach zweimal Gold in Rom nichts mehr so, wie es war. Der 22-Jährige aus Halle/Saale eignet sich zum neuen Superstar. Er wird die Balance zwischen Privatleben und Berühmtsein erst noch finden müssen. Schon in Rom musste er erkennen: "Es wird sich einiges ändern." Biedermann, tief beeindruckt von der Audienz bei Papst Benedikt XVI., will dennoch auf dem Teppich bleiben, sich auf den Sport konzentrieren: "Olympia 2012 ist natürlich ein Riesenziel."

Steffen hat nach dem doppelten Olympia-Gold in Peking die Balance zwischen Studium und Hochleistungssport gefunden. Sie weiß, dass sie beides braucht. Das eine geht nicht ohne das andere. Nur so war der Triumph von Rom möglich. Über 100 Meter Freistil hat sie die Gegnerinnen und sich selbst besiegt. Vor dem Rennen waren da plötzlich Zweifel, die mit dem Olympia-Gold von Peking überwunden zu sein schienen. Die Erwartungshaltung drohte sie zu erdrücken.

Britta Steffen und Paul Biedermann haben noch viel vor. "Ich bin noch auf der Suche nach dem perfekten Rennen", sagte Steffen. Und Biedermann will noch Olympiasieger werden. Die beste Gelegenheit haben beide gemeinsam bei Olympia 2012 in London.

DPA DPA

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