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Sportwelt: Der lachende Zweite

Noch vor einem Jahr war er am Boden. Dann kehrte Jan Ullrich zurück und feierte bei der Tour de France den größten Sieg seiner Karriere. Ein Porträt

Es war ein hartes Duell.

Und noch vor ein paar Wochen hätte keiner auch nur einen Cent auf Jan Ullrich gesetzt. Doch dann, an jenem Sonntag im Juli, war Michael Schumacher chancenlos: Beim Kopf-an-Kopf-Zappen schlug die Bergetappe in den Pyrenäen das Rennen von Silverstone um Längen. Wer die dramatische Kraft des Sportes liebt, der musste dranbleiben an der Tour de France, sah die Hatz an der Spitze, schaute dem kämpfenden Ullrich in die Augen und ließ dieses Mal den behelmten Schumi seine Runden drehen. Jan war tatsächlich zurück. Kaum zu glauben.

Am Ende ist er bei dieser verrückten Tour de France nur Zweiter geworden, hinter dem unglaublichen Lance Armstrong. Und trotzdem hat Ullrich mehr gewonnen als bei seinem Sieg 1997. Damals fuhr er das gelbe Trikot mit einer Leichtigkeit durch Frankreich, die faszinierte, aber nicht berührte. Danach waren es die Fans schnell leid, sich jeden Sommer um Ullrichs Bauch zu sorgen. Einer, der sein Talent verschwendet - eine Todsünde im Wertesystem der Deutschen.

Jetzt verloren sie mit Ullrich, doch er kam seinen Landsleuten dabei so nahe wie nie. Jetzt feiern sie ihn als Champion der Herzen. Er hat sie gepackt, weil er Sport endlich auf jene Art betreibt, die sie mögen: als Kämpfer. Dieser Ullrich konnte im entscheidenden Zeitfahren am vergangenen Samstag bei Regen und Wind gar nichts anderes als stürzen. Und geschunden und gezeichnet weiterfahren. Das passende (und vorläufige) Finale seiner Tourgeschichte.

Radsport in Deutschland war in den vergangenen Jahren da, wo Jan Ullrich war: mal oben, mal unten. Wenn Jan Ullrich so richtig in Fahrt kommt, ist das Publikum unbegrenzt leidensfähig und hockt jeden Tag stundenlang am Fernsehschirm. Neun Millionen verfolgten die letzten Etappen, ohne Ullrich taten das im vergangenen Jahr nur zwei Millionen.

Die Zuschauer sahen Bilder, die nur die Tour de France produziert. Fahrer wie Gladiatoren, die Kopf an Kopf kämpfen, schweißberströmt, sich gegenseitig belauernd. Athleten in Nahaufnahme. In der Formel 1 sind die Qualen der vermummten Helden nicht zu sehen. Ullrich ist für den Zuschauer auch deshalb fassbarer als Schumacher. Und das Ganze fast einen ganzen heißen Sommermonat lang; 23 Tage, zwei Ruhetage nur.

Es war irgendwo im sonnendurchglühten Süden Frankreichs, nach einer dieser mörderischen Pyrenäen-Etappen. Ullrich stand im Garten eines Hotels und wusste nicht, welches Zimmer er denn nun hat. Jeden Morgen eine andere Stadt, jeden Abend eine andere Herberge. Manchmal wachte Ullrich nachts auf, um auf die Toilette zu gehen - und lief gegen die Wand, weil sich gestern das Klo links ums Bett herum befand und heute rechts.

Er lebte wie in Trance. Konnte gar nicht so viel trinken, wie er auf den Etappen ausschwitzte. Der Magen war überfordert vom ständigen Energienachschub. Die Tour - ein Wahnsinn. Nur wenn man sich gut in Schuss fühlt, lässt sie sich überstehen. Ullrich sagte im Garten, er fühle sich "auf Wolke sieben". Bei ihm laufe nach den Etappen immer ein innerer Film ab, begann er zu erzählen. Wie er nach dem ganzen Scheiß letzten Sommer zu Hause am Fernseher die Tour verfolgte und sich zum ersten Mal fragte: "Was soll eigentlich aus dir werden?"

"Warst du in Panik?", wollte ein Reporter wissen. Die meisten duzen Ullrich. Auch die, die ihn verspottet haben als Dickerchen mit durchgeschwitztem Hemd. Nun preisen sie ihn wieder. So ist das Geschäft. Nein, sagte Ullrich, es sei was anderes gewesen. Er wusste damals nicht mehr weiter. Es entstand eine unangenehme Pause. "Ich fühlte mich einsam und kalt", sagte Ullrich. "Und jetzt stehe ich da auf dem Podium und denke: Du bist noch mal davongekommen." Vielleicht erklärt das den ganzen Wahnsinn um Ullrichs Comeback. Das Leben erschien ihm viele Jahre lang wie ein unerschöpflicher Brunnen. Bis er erbarmungslos erfuhr, dass diese sorglose Sicht der Dinge eine Illusion ist. Erst die Knieverletzung, dann der Frust, Alkohol und glückversprechende Pillen, von Doping-Fahndern erwischt. Alles bekannt; Mist gebaut wie ein Jugendlicher, dazu die Launen des Zufalls. Ullrich sah den Absturz als Mahnung an. Er begriff. Trainierte fortan so besessen wie nie zuvor, zog mit seiner Freundin Gaby in ein eigenes Haus an den Bodensee. Kurz vor dem Tour-Start wurde er Vater. Im Team nennen sie ihn nicht mehr "Ulle", sondern Jan.

Es ist keine große Weisheit, aber man kann sagen, er ist erwachsen geworden.

1997 hatte der Tour-Sieg den Jungen aus Rostock, aufgewachsen in den Kaderschmieden des DDR-Sports, noch eingeschüchtert. Heute hat er keine Angst mehr vor dem Erfolg, vor den daraus erwachsenden Ansprüchen. Er verlegt den Druck jetzt einfach auf die Pedale.

Die Tour führte vorbei an Hunderttausenden Menschen, manche malten den Namen ihres liebsten Fahrers auf den Asphalt, manche liefen ihnen schreiend hinterher. Sie haben ein würdiges Jubiläum der Tour erlebt. 100 Jahre voller Mythen und Legenden. Und nun ergötzten sie sich alle am Duell des Deutschen gegen den Amerikaner. An der Geschichte von Ullrichs großer Wiederauferstehung und Armstrongs verzweifeltem Festhalten am gelben Trikot. Diesen Sommer rettete sich Armstrong ins Ziel und gewann zum fünften Mal in Folge. Eigentlich wollte er im kommenden Jahr aufhören. Nun will er weitermachen. Weil er in dem Deutschen den Gegner gefunden hat, der ihm lange gefehlt hat. Lance Armstrong könnte seinen Entschluss noch bereuen. Bei der Siegerehrung stand Jan Ullrich neben ihm und lachte. Er sah unwahrscheinlich gelöst aus - und wie ein Mann, der seine besten Jahre vor sich hat.

Giuseppe di Grazia / print

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