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Maximilian Mechler: Der Nächste, bitte!

Er liebt seinen Sport, aber noch nicht die Show - das muss sich ändern. Wie Skispringer Maximilian Mechler zum Star gemacht wird.

Wer das Skispringen verstehen will, muss RTL schauen. Nicht nur die Sportsendungen, in denen die schmächtigen Helden auf den Balken klettern. Sondern auch, wenn Dieter Bohlen mit seinen Superstars kommt und talentfreie Selbstdarsteller gefeiert werden. Da kann man beobachten, was das Fernsehen und damit die Welt heute verlangt.

Wer dann zum Auftakt der Vier-Schanzen-Tournee in Oberstdorf RTL guckt, der wird dort einem Burschen begegnen, den niemand gecastet hat und den niemand je casten würde; einem Anti-Küblböck, der so gar nicht taugt für die TV-Welt und der dennoch ein echter Star ist, aus dem altmodischen Grunde, dass er etwas besser kann als andere: Maximilian Mechler, 19 Jahre alt, gerade 62 Kilo schwer, als "Jahrhunderttalent" gefeiert. Und doch ein Problemfall.

In seinen Augen flackert dieser Lasst-mich-in-Ruhe-Blick. Blond ist er, blass, schmächtig, schüchtern. Ein schlauer Junge. Abitur mit den Leistungskursen Mathematik und Physik. "Am liebsten würde er sich verstecken", meint Rosi, die nicht nur Wirtin ist im Hotel Faller im Schwarzwaldort Breitnau, wo die Mannschaft immer wohnt, sondern eine Art Ersatzmutter der Springer. "Der ist nun mal kein Sonnyboy."

2006, wenn Sven Hannawald, ohne Frage ein Sonnyboy, aufhört, dann, sagt der neue Bundestrainer Wolfgang Steiert, "wollen wir den Anschluss hinkriegen". Mit Maxi. Nur, was der bislang kann, reicht vielleicht für Podiumsplätze im Weltcup, aber nicht zum Superstar. Steiert und sein Team verpassen ihm daher eine Art Zusatzausbildung - zum Medienliebling und Mädchenschwarm, PR-Genie und Selbstvermarkter. Das ist die Aufgabe. Der Einsatz ist gewaltig. Skispringen schafft im Fernsehen Quoten wie sonst nur Formel 1 oder Fußball. Der ganze deutsche Skisport hängt am Tropf der Springer. Es geht um die Zukunft des Verbandes, die Audis der Athleten, ihre Sponsorenverträge für alberne Mützen und Schriftzüge auf den Skiern, die sie nach dem Sprung in die Kamera reißen. Ohne einen attraktiven Frontmann gerät das ganze System ins Wanken.

Bei Mechler darf nichts schief gehen. Der Verband will nicht noch eine Schlappe erleben wie etwa mit Frank Löffler, der auch mal als neuer Hannawald oder Martin Schmitt galt und der sich nun im "Spiegel" über den "permanenten Terror" in der deutschen Mannschaft ausgeheult hat. Womit er den Zwang zum Fasten meinte und die per "Kampfwiegen" exekutierten Gewichtskontrollen, aber eben auch die Art, wie die Athleten geführt werden.

"Was Maxi macht, läuft alles über uns", sagt Steiert. Eine eigene Homepage, entschied der Trainer, sei nicht nötig. Ein dickes Auto mit den Schriftzügen der Sponsoren drauf findet er überflüssig. Er setzt auf Kontrolle. Von Gewicht, Leistung, Lebenswandel. Dabei sind die Betreuer keine Unmenschen, sondern sympathische Typen wie Rudi Tusch, der technische Leiter. 1973 ist er in Oberstdorf Schanzenrekord gesprungen, da war er ungefähr so alt wie Mechler heute. "108 Meter, ich erinnere mich noch genau." Dann hat er vieles falsch gemacht und die Tournee vergeigt. Skispringen sei eben anders als Langlauf. "Wenn ich da in Form bin, bin ich in Form."

Wohl in keinem Sport schwankt die Leistung so sehr wie bei den Springern. "Die körperliche Anstrengung können Sie beinahe vernachlässigen", sagt der Arzt des deutschen Teams, Ernst Jakob. Der Stress ist im Kopf. Angst frisst die Seele an. "Bis hin zur Todesangst", sagt Ex-Springer Steiert. Nach höchstens vier Sprüngen am Tag sind die Athleten platt. Hannawald war nach dem Gewinn der Vize-WM im Skiflug so ausgelaugt, dass er seine Ski nicht mehr fand. Schmitt hockte nach einem Weltcup in Villingen regungslos auf dem Hotelbett, unfähig, seinen Koffer zu packen. Selbst die Spitzenkönner erleben lange Krisen.

Abends kauert Maxi Mechler

in seinem Zimmer, mit der Basketballkappe schräg über dem Ohr, hört Musik von "Limp Bizkit" und hämmert auf seinem Laptop rum. Er will sich aufs Springen konzentrieren. Wenn er nach dem Sprung durch das Spalier der Journalisten muss, murmelt er etwas von "nasser Spur" und "großem Potenzial". Glücklich sieht er dabei nicht aus. Aber es ist Teil seiner Zweitausbildung - und die muss schneller gehen als die 15 Jahre, die er vom hüpfenden Jungen aus Isny im Allgäu zum Weltcup-Dritten von Trondheim gebraucht hat.

Sie machen Medientraining mit ihm, üben den Umgang mit der Kamera. Im dritten Programm haben sie ihn als Studiogast "platziert", wie es Steiert nennt. "Damit er mal die Luft schnuppert. Er hat das gut gemacht." Langsam soll Mechler an die Risiken des frei gesprochenen Wortes herangeführt werden. Bis dahin müssen meist die vorgefertigten Interviewfragen und -antworten reichen, die der Pressesprecher verteilt. Offizieller O-Ton Mechler: "Wir haben eine hohe Qualität im Training und in der Trainingssteuerung erreicht." Wer hat ihm das nur aufgeschrieben?

Vergangenen Donnerstag saß er erstmals bei einer Pressekonferenz neben den arrivierten Stars. Hannawald platzte fast vor Coolness, Schmitt ging sich lässig einen Tee holen. Maxi wechselte die Gesichtsfarbe, sobald er eine der auswendig gelernten Antworten abspulen sollte. Die Fragen stellte erst mal der Pressemann des Verbandes. "Man muss vorher besprechen, was man sagt", meint er. Nur nichts überstürzen. Und vor allem: alles abblocken an Wettkampfwochenenden. Später, ja, da könne man ihn sprechen. Jetzt sei jedes falsche Wort gefährlich. Hast du Angst? Spürst du den Druck? So etwas soll ihn niemand fragen. Aber als es am Samstag in Titisee-Neustadt bei der Übertragung des Haussenders RTL dann stürmte und niemand springen konnte, musste Maxi doch vors Mikro. Die Fernsehleute müssen ja was kriegen für ihr Geld.

Oben am Sprungturm werden Journalisten in einem kleinen Schlammquadrat mit Absperrgitter gehalten, sodass sie den Springern nicht zu nahe kommen können. Maxi kokettiert ein wenig, zeigt sich beim Aufwärmen, plaudert mit Kollegen. Mag sein, dass ihm die Show irgendwann einmal doch Spaß macht. "Hannawald hat auch klein angefangen", erinnert sich Rosi, die Wirtin. Dabei glaubt sie doch nicht, dass der neue Mann je so werden kann wie "Hanni": "Der Maxi ist halt eher ein zurückhaltender Typ."

In Rosis Hotelrestaurant sitzen die Groupies; voll der Hoffnung auf ein Autogramm oder einen freundlichen Satz. Aber nicht von jedem. "Der Maxi?", fragt die 17-jährige Heidi und fängt schon an zu kichern. "Der springt gut. Aber sonst?" Ihre Zwillingsschwester Margit, genauso blondiert und hübsch, gackert: "Normal." Was ein vernichtendes Urteil ist - denn Skispringer finden die beiden und ihre Freundin Marina eigentlich toll: "Es ist der Mut", sagt Heidi. Und Marina: "Dass man sich das nie trauen würde." Für den Maxi, wie er heute ist, würden sie niemals Hunderte Kilometer mit dem Zug fahren, um ihr Taschengeld an einem Weltcup-Wochenende auf den Kopf zu hauen.

Maxi stürmt zweimal durch den Raum

, den Kopf gesenkt, den Blick geradeaus. Es gibt irgendein Problem mit seiner Tasche. Schwer zu sagen, was hinter der Kappe mit dem Schriftzug einer Fertigbaufirma vorgeht. Vielleicht liegt ja auch bei Springern die Wahrheit auf dem Platz beziehungsweise der Schanze. Da wurde Mechler, das Jahrhunderttalent, am Sonntag in Neustadt 47. Die Bedingungen waren widrig, und das nicht nur wegen des unberechenbaren Sturmtiefes Fritz, das seine Böen über die Schanze schickte.

Als alles vorbei war, durfte Maxi dann doch sprechen. Darüber, dass er bei warmem Wetter noch Probleme habe und es einfach ein schlechter Wettkampf gewesen sei. Spürt er den Druck? "Hat mich überhaupt nicht belastet." Ist er gern ein Star? "Es ist schon ein wenig ungewohnt." Ist es schön oder unangenehm? "Eher noch unangenehm." Eingeengt fühle er sich natürlich nicht durch die Betreuer, und wenn er Lust auf Bratwurst hat? "Dann esse ich eine."

Das Training hat Steiert ganz auf die Vier-Schanzen-Tournee ausgerichtet. Da zählt es. Übernächsten Montag geht es los. "Die Springer sind jetzt schon fixiert auf den Moment", glaubt er.

Er sucht den Superstar und hofft, ihn in diesem Jungen aus dem Allgäu gefunden zu haben. Ein paar andere hat er noch in der Hinterhand: Stephan Hocke, Stefan Pieper, Jörg Ritzerfeld. Alles gute Springer, aber keiner hat das Talent von Mechler. Es ist Steierts erste Saison als Cheftrainer, er steht mächtig unter Dampf und Druck. Wenn das mit Maxi klappt, wird auch er selbst ein Held, sein Springer reich. Und dem Skispringen bleibt womöglich erspart, was dem Tennis passiert ist: der Absturz nach dem Abgang der alten Lieblinge. Maxi Mechler hat wenig Zeit.

Stefan Schmitz

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