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Corona-Ausbruch Mehr als 1000 Infizierte in Fleischfabrik: Tönnies lehnt Rücktritt ab

Will "an vorderster Front" gegen diese Krise kämpfen: Firmenboss Clemens Tönnies
Will "an vorderster Front" gegen diese Krise kämpfen: Firmenboss Clemens Tönnies
© David Inderlied / DPA
Mehr als 1000 Corona-Infizierte, die Bundeswehr im Einsatz, Deutschlands größter Fleischbetrieb für 14 Tage geschlossen: Politiker und Verbraucherschützer fordern ein rasches Umdenken. Der Konzernchef äußert sich nun auch persönlich.

Der Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies in Nordrhein-Westfalen droht außer Kontrolle zu geraten. Am Samstag wurde der Betrieb für 14 Tage geschlossen, zu diesem Zeitpunkt waren 1029 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden. Die Landesregierung will am Sonntag weitere Maßnahmen beraten. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der vom bisher größten Infektionsausbruch in NRW sprach, schließt einen regionalen Lockdown nicht aus. Politik und Verbraucherschützer erhöhen derweil den Druck auf die Schlachtbranche, den Preiskampf bei Arbeitsbedingungen und Fleisch im Supermarkt zu unterbinden.

Der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer, sagte am Samstagnachmittag, insgesamt lägen 3127 Corona-Befunde vor. Die Fabrik in Rheda-Wiedenbrück ist Deutschlands größter Fleischbetrieb, der nun für zwei Wochen geschlossen werde, sagte der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch. Die Behörden hatten große Probleme, an die Adressen der Mitarbeiter zu kommen. Deshalb hätten sich der Kreis und der Arbeitsschutz Zugriff auf die Personalakten der Firma Tönnies verschafft. "Das Unternehmen hatte es nicht geschafft, uns alle Adressen zu liefern", sagte Landrat Adenauer. "Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null", so Kuhlbusch.

Tönnies-Fabrik in Gütersloh: Hunderte neue Coronafälle in Fleischbetrieb

Clemens Tönnies: Datenschutz müsse nun hinten anstehen

Clemens Tönnies wies die Kritik zurück: "Wir haben datenschutzrechtliche Probleme." Laut Werkvertragsrecht dürfe das Unternehmen die Adressen der betreffenden Arbeiter nicht speichern. Co-Konzernchef Andreas Ruff fügte hinzu: "Wir haben alle Daten, die wir hatten, sofort an die Behörden weiter gegeben." Clemens Tönnies wolle nun alles tun, um den Ausbruch einzudämmen. "Ich stehe in der Verantwortung", so der 64-Jährige weiter. "So werden wir nicht weitermachen. Wir werden diese Branche verändern." Der Datenschutz müsse nun während einer Pandemie hinten anstehen.

Tönnies wies zudem Rücktritts-Spekulationen zurück. "Ich werde dieses Unternehmen aus dieser Krise führen", sagte er. "Und dann sehen wir weiter. Ich mach' mich nicht aus dem Staub." Im seit Jahren geführten Streit um Deutschlands größten Schlachtbetrieb hatte zuvor Robert Tönnies seinen Onkel Clemens in einem persönlich Brief vom 19. Juni aufgefordert, den Weg frei zu machen. Dessen Sohn Max Tönnies solle die Arbeit in der Geschäftsführung übernehmen. Außerdem forderte Robert die Einberufung einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung.

65 Bundeswehrsoldaten vor Ort

Die Corona-Reihenuntersuchungen auf dem Gelände der Fabrik gingen am Samstag weiter. Zu den bereits 25 Bundeswehrsoldaten vor Ort wurden 40 weitere hinzugeholt. "20 davon helfen bei der Dokumentation und 20 helfen bei der Kontaktpersonennachverfolgung", sagte Bundeswehrsprecher Uwe Kort. Die Kräfte fahren demnach gemeinsam mit medizinischem Personal und Mitarbeitern des Kreises Unterkünfte ab und testen dort Menschen. Laut Kort sprechen die Soldaten osteuropäische Sprachen, um sich mit den Arbeitern verständigen zu können.

Der Kreis hatte am Freitag verfügt, dass alle rund 6500 Tönnies-Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück mitsamt allen Haushaltsangehörigen in Quarantäne müssen. Der Ausbruch war am Mittwoch bekannt geworden. Das Land will die Quarantäne-Anordnung für die Mitarbeiter konsequent durchsetzen. "Wir müssen sicherstellen, dass in dieser Situation jeder sich an die Regeln hält", stellte Laschet am Freitagabend klar. Noch könne das Infektionsgeschehen lokalisiert werden. "Sollte sich dies ändern, kann auch ein flächendeckender Lockdown in der Region notwendig werden."

Nach dem erneuten Corona-Ausbruch in der Schlachtbranche wächst der Druck, den massiven Preiskampf zu unterbinden. "Fleisch ist zu billig", sagte Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. Sie setzt sich für eine Tierwohl-Abgabe ein. Im Gespräch ist auch, Billigpreiswerbung für Fleisch einen Riegel vorzuschieben. Aus der SPD kommt der Ruf, höhere Löhne in Schlachtbetrieben durchzusetzen. "Auch für die Verbraucher wird sich etwas ändern müssen", sagte Klöckner mit Blick auf eine Tierwohl-Abgabe. "Dabei soll Fleisch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Aber auch keine Alltagsramschware."

Arbeitsminister Heil will Werkverträge verbieten

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte dem "Tagesspiegel" am Sonntag: "Es kann nicht sein, dass Menschen aus Mittel- und Osteuropa in Deutschland ausgebeutet werden, damit skrupellose Firmen milliardenschwere Gewinne einfahren." Heil will im Sommer einen Gesetzentwurf vorlegen, um von 2021 an Werkverträge in der Branche weitgehend zu verbieten - also dass die komplette Ausführung von Schlachtarbeiten bei Sub-Unternehmern eingekauft wird.

Unionsfraktionsvize Georg Nüßlein (CSU) forderte ein Ende der Preiswerbung für Fleisch. "Wenn die Branche nicht zügig zu einer Selbstverpflichtung kommt, brauchen wir eine gesetzliche Vorgabe." Verbraucherschützer kritisierten ebenfalls den Preisdruck. "Beim Fleischkauf sollte man generell darauf achten, dass nicht das Billigste auch das Beste ist", sagte Lebensmittelexperte Bernhard Burdick von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen der dpa.

fin DPA

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