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Horst von Buttlar Zusammenhalt – der große Kraftakt der Corona-Pandemie

Menschenturm
Wenn einer den anderen stützt, wachsen wir über uns hinaus
© Xinhua / imago
Die Pandemie hat uns schmerzlich eine wichtige Lektion gelehrt: Die Menschheit kann Probleme lösen, wenn sie kooperiert.
Von Horst von Buttlar

Am Anfang, als diese Pandemie die Herrschaft über Europa gewann, gingen die Schlagbäume runter. Grenzen schlossen sich im Stakkato der Angst, Dänemark machte dicht, Österreich, Polen, Tschechien, irgendwann Deutschland. In jenen Regionen, wo man die Grenzen vergessen hatte, in denen aus Frankreich Menschen jeden Tag nach Deutschland zur Arbeit fuhren und umgekehrt, wo man einkaufte, wohnte und arbeitete, als gäbe es nicht mehr zwei Länder, erlebten wir Anfeindungen, Misstrauen, Verletzungen. Länder sicherten sich panisch Vorräte, an Masken, Desinfektionsmitteln und Beatmungsgeräten.

Vielleicht war all das im Rückblick, in der ersten Panik dieser Pandemie, eine normale Reaktion, wenngleich auch keine gute, sie war naheliegend, aber nicht klug. Vor allem aber war sie bald vorbei und hat diese Krise nicht mehr entscheidend geprägt. Schon bald lernten wir, dass das Schließen von Grenzen nicht nur ein Fehler ist, sondern wenig bringt, weil ein Virus keine Grenzen kennt. Und schnell begannen sich die Länder Europas abzustimmen, zu koordinieren, zu helfen. Deutschland räumte Platz auf seinen Intensivstationen frei, flog Patienten aus Frankreich und Italien ein, Beatmungsgeräte wurden gespendet und nicht nur gesichert. 

Horst von Buttlar
Horst von Buttlar, Chefredakteur "Capital"
© Gene Glover

Durch weltweiten Austausch gelang die Entwicklung des Impfstoffes

Bei der wichtigsten Frage überhaupt wurde von Anfang an auf Kooperation gesetzt, und diese Zusammenarbeit ist die wohl wichtigste Lehre aus dieser Pandemie: Die Menschheit kann Probleme lösen, wenn sie kooperiert. Sie wird stärker, wenn sie Ressourcen, Ideen und Ergebnisse teilt.

Das historische Ergebnis dieser Kooperation ist die Entwicklung eines Impfstoffs in Rekordzeit. Von einem "Wunder" sprach selbst das sonst so nüchterne "Wall Street Journal", als vorvergangenen Montag die Impfungen in den USA begannen, nach "der schnellsten Impfstoffentwicklung in der westlichen Welt aller Zeiten". Dieses Wunder war möglich, weil Forscher sich weltweit austauschten, früher und offener als sonst, Ergebnisse ihrer Experimente teilten. "Was wir in den vergangenen neun Monaten gesehen haben, war für viele Leute in der Industrie unvorstellbar", sagte mir Anfang September Regina Hodits, die für einen großen Fonds seit 20 Jahren in Biotechfirmen investiert. Die Menschheit sei "auf einer Überholspur".

Es waren Allianzen wie die von Pfizer und Biontech, zwischen Groß und Klein, Mainz und New York, Universitäten und Big Pharma, privatem und öffentlichem Geld: Staaten stellten im Eiltempo Milliarden zur Verfügung – allein zehn Milliarden Dollar investierten die USA in die "Operation Warp Speed". Natürlich sicherten sich Länder vor allem Impfstoffdosen für die eigene Bevölkerung. Doch parallel wurde die Initiative Covax unter dem Dach der WHO geschaffen, als Teil einer internationalen Impfstoffallianz, mit einem Ziel: bis Ende 2021 zwei Milliarden Impfstoffdosen zu sichern, vor allem für die ärmeren Länder. All diese Kooperationen liefern Blaupausen für kommende Pandemien.

Geist der Kooperation bewahren

Auch Europa hat sich, wenngleich auf den letzten Drücker, zusammengerauft – die Einigung auf den Corona-Hilfsfonds ist historisch. Wir haben vermutlich eines der wichtigsten Instrumente für künftige Krisen geschaffen – jetzt müssen wir es sinnvoll einsetzen.

Angesichts der vielen Unsicherheiten und Umwälzungen, die schon vorher unseren Erdball durchzogen und umspannten, wäre es schön, wenn wir mehr von diesem Geist der Kooperation bewahren. Das wird nicht einfach: Die USA müssen sich erst mal selbst heilen, Russland spielt weiter Störenfried und Paria, China versteht unter Kooperation die Zusammenarbeit zu eigenen Bedingungen. Wenn wir aufwachen aus diesem Albtraum, werden wir merken, welche Probleme weiter gärten, nur verdrängt oder eingefroren waren. "Die Welt ist aus den Fugen" war das Schlagwort der Zeit vor Corona. Aber wenn wir eines schmerzlich gelernt haben, ist es doch, dass man sich von all diesen Problemen nicht überwältigen lassen sollte. Dass sie lösbar sind, wenn wir zusammenarbeiten und teilen.

Erschienen in stern 53/2020

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