HOME

Flucht aus dem Euro: Goldrausch in Berlin

Die Eurokrise ängstigt die Bürger. Wer Geld hat, fragt sich jetzt: Wohin damit? Und investiert in Gold und Immobilien. Wie die Bürger ihr Geld in Sicherheit bringen.

Von Julia Prosinger

Es gibt Zeiten, da ist es egal, ob eine Geldanlage Gewinn macht. Was zählt, ist, dass sie keine Verluste bringt. In solchen Zeiten ist es egal, dass eigentlich Sommerferien sind, Geschäftspause, und egal ist auch, dass die neue Wohnung keinen Stuck an der Decke hat und dass eine gute halbe Million Euro für einen Wirtschaftsjuristen viel Geld ist. Kaufen habe er immer gewollt, sagt der 42-Jährige. Aber, dass er jetzt so schnell eine teure, eher praktische Wohnung erworben hat, liegt an der Angst. "Spätestens mit dem zweiten Hilfspaket für Griechenland war klar, dass wir kaufen", sagt er. Denn was geschieht mit den Ersparnissen, wenn der Euro stark entwertet? Was, wenn gar die ganze Währungsunion zusammenbricht?

Wie ihm geht es derzeit vielen Deutschen. 86 Prozent der Befragten des ZDF Politbarometers sehen die Stabilität ihres Geldes in Gefahr. 47 Prozent glauben, in einer stern-Umfrage, dass sich die wirtschaftliche Lage verschlechtern wird - sieben Prozentpunkte mehr als in der Vorwoche. Forsa-Chef Manfred Güllner sagte dem stern: "Viele, besonders die Älteren, fürchten um ihre mühsam erarbeiteten Ersparnisse." Am Donnerstag treffen sich Staats- und Regierungschefs aus dem Euroraum zu einem weiteren Krisengipfel. Es soll vor allem um Griechenland gehen, eine Umschuldung scheint wahrscheinlich. In den USA gibt es noch immer keine Lösung im Streit zwischen Republikanern und Demokraten um ein Anheben der Schuldengrenze.

Flucht in Sachgüter

Angesichts dieser Lage fühlen sich viele überfordert. Sie schichten ihr Geld um, investieren in fremde Währungen wie den Schweizer Franken oder in Norwegische Kronen. Legen ihr Geld in Sachgütern an, in Kunst, in Whiskey, in Oldtimer. In Güter, die sie verstehen, denen sie vertrauen. Dabei geht es nicht mehr um Rendite, nicht mehr um Zinsen. Menschen wie der Berliner Wirtschaftsjurist, der seinen Namen nicht im Internet lesen möchte, wollen einfach nur den Wert ihres Geldes erhalten. 550.000 Euro, 200 Quadratmeter in Berlin-Kreuzberg ist seine Antwort auf ein wachsendes Gefühl der Überforderung. "Selbst als Fachmann sind mir die Vorgänge auf dem Finanzmarkt zu komplex", sagt er.

Immobilienverkäufer Jürgen Kelber sieht darin einen Trend. "Die Leute flüchten ins Betongold, weil sie Immobilien kennen. Jeder hat schon einmal darin gewohnt." Früher hätte dieselbe vermögende Gruppe in Aktien investiert, sogar in Riesenräder, in alles, was Rendite versprach. Heute nehme sie Dachreparaturen und Mietersuche in Kauf. Als Folge boomt der deutsche Immobilienmarkt. Um 43 Prozent stieg der Umsatz bei Immobiliengeschäften in Berlin im ersten Quartal. Experten erwarten für den Markt in der Hauptstadt einen Umsatz von insgesamt 10 Milliarden Euro in diesem Jahr. Die Preise ziehen kräftig an, die Wohnungen werden knapper. Wer nicht wegen Geldnot oder Erbschaftsstreitigkeiten verkaufen muss, behält seine Immobilie und vermietet sie. "Wir könnten viel mehr verkaufen, als wir haben", sagt Kelber.

Die Angst vor einer Hyperinflation treibt auch ausländische Käufer auf den deutschen Markt. Makler berichten, dass in Berlin derzeit besonders viele Italiener kaufen. Sie vertrauen dem italienischen System nicht mehr und flüchten ins deutsche. In Italien könnten sie sich von ihren Ersparnissen kaum eine Garage leisten, im hippen Berlin reichen 100.000 Euro für eine ganze Wohnung.

Run auf die Gold-Shops

Wer keine Immobiliensteuer zahlen will, Ärger mit der Verwaltung einer Wohnung scheut, Angst hat durch Jobverlust seine Raten nicht zahlen zu können oder nur kleinere Ersparnisse hat, der sucht Männer wie Peter Rossmann auf. Wenn Rossmann, 43, Silberkette am Arm, Goldbarren im Schrank, in dieser Woche seinen kleinen Laden in der Nähe des Kurfürstendamms öffnet, warten die Kunden meist schon davor. Und dass, obwohl der Goldpreis so hoch ist wie noch nie. Knapp 1600 Dollar kostet die Feinunze. Eigentlich ein schlechter Zeitpunkt zum Kaufen. Außerdem bringt Gold keine Zinsen. Trotzdem hält Rossmann einen weiteren Anstieg bis 3500 Dollar in den nächsten Jahren für gut möglich.

Die goldene Regel: wenn der Goldpreis steigt, sind die Anleger an den Kapitalmärkten verunsichert. "Die Kunden sind nervös, sie haben Angst vor den Entscheidungen der Politik", sagt Rossmann. Da kaufen sie Gold. Überall auf der Welt verstehen Menschen den Wert von Gold. Wer das Edelmetall erwirbt, der erwirbt Eigentum an einer Wertsache, echtes Eigentum. "Jemand, der früher mehrere Monate überlegt hat, Euro in Gold zu tauschen, will das Geschäft heute in wenigen Stunden abwickeln." Jetzt berät Rossmann eine Familie. Der Sohn hat die Eltern überredet, ihre Altersvorsorge nach und nach in Gold umzuwandeln. "Sonst steht man irgendwann da", sagt er. Nur wenige Minuten vergehen, dann legt der Vater 5600 Euro auf den Tresen. Mehr der gewünschten Münzen hatte Rossmann heute nicht da. Das Gold wird knapp.

Gold als Zahlungsmittel

Wer möchte, kann inzwischen an neun Standorten in Deutschland Gold wie Kaugummis aus einem Automaten ziehen. Gold to go. Über 9000 Euro kann man so am Flughafen oder im Einkaufszentrum umtauschen, schnell, anonym. Im Juli haben das schon mehr als doppelt so viele getan wie in den Vormonaten.

Die Krise hat Rossmann nicht nur einen zehnfachen Umsatz beschert, sondern auch ein neues Produkt. Seit drei Monaten verkauft er kleine Tafelbarren - 50 Gramm unterteilt in 1 Gramm-Portionen, die sich wie Schokoladenstückchen einzeln abbrechen lassen. Ein Gramm ist je nach Goldpreis etwa 38 Euro wert. "Der Euro ist doch bloß ungedecktes Papiergeld", sagt ein Kunde der solche kleinen Goldeinheiten kauft. "Davon kann ich irgendwann mein Abendessen bezahlen", sagt er.

600 Stück ist Rossmann davon schon losgeworden. Die Menschen fürchten Notzeiten, sie suchen sich ein Notzahlungsmittel. Es gibt Zeiten, da ist es egal, ob eine Geldanlage Gewinn bringt. Was zählt, ist das Gefühl der Sicherheit.