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Verbraucherschützer warnen: Abzocke im Kinderzimmer: Kreditkarten für Kinder boomen

Kreditkarten für die Kleinen sind ein wachsender Trend. Doch Kinder können so nicht nur Spiele und Apps bezahlen - sondern sich auch verschulden. Verbraucherschützer sind alarmiert und warnen Eltern.

Ein Kind telefoniert und hält eine Kreditkarte in der Hand

Was der Mann von Welt braucht, erfuhr der 15-jährige Paul in der Pause. Ein Mitschüler zückte seine goldene Kreditkarte, der Name in Hochprägung eingestanzt. „Mir war sofort klar: Die brauchst du auch“ , sagt der Kölner Gymnasiast. „Ohne geht ja fast nichts im Internet.“ Mit der Karte wollte er endlich eigene Onlinekonten einrichten, um schnell mal kostenpflichtige Apps und Spiele laden zu können. Die Anbieter verlangen dafür eine Kreditkartennummer.

Hohe Einmalzahlung

Bei Google stieß er auf Viabuy. Die Londoner bewerben ihre Mastercard, die wie ein Prepaid-Handy mit einem Guthaben aufgeladen werden muss, „ideal als Taschengeldkonto“. Die Preisliste wimmelt von „Keine Gebühr“-Einträgen. Es fällt zwar eine saftige Einmalzahlung über 89,70 Euro an, aber keine Jahresgebühr. Pauls Vater ließ sich überzeugen. „Ich dachte, damit behält er die Kontrolle.“ So einfach ist das nicht, sagt Christian Urban, Geldexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch Prepaid-Kreditkarten seien nicht automatisch ein lückenloser Schutz gegen Shopping-Exzesse. Und keinesfalls immer billig. „Irgendwie wollen und müssen Banken Geld verdienen“, sagt Urban.


Das Taschengeld ist schnell weg

Der Jurist hat die Geschäftsbedingungen vieler Anbieter untersucht, auch die von Viabuy. So verliert Paul schon bei der ersten Bareinzahlung einen Teil seines Taschengelds, weil die Institute in der Regel dafür Geld verlangen. Bares abheben kostet mindestens fünf Euro. Bei Zahlungen in Fremdwährung kassiert Viabuy 2,75 Prozent des Betrags. Außerdem fallen ab dem vierten Jahr Nutzungsgebühren von knapp 30 Euro an. Das Kreditkartenkonto kann sogar „unter bestimmten Umständen“ ins Minus rutschen, wie Viabuy im Kleingedruckten einräumt. Etwa wenn die Karte offline durch ein Ritsch-ratsch-Gerät gezogen werde.

Das heißt: Paul kann Schulden machen – mit unkalkulierbaren Folgen. Urban sagt: „Teilweise sollen die Eltern sogar Haftungserklärungen unterzeichnen, nach denen sie entstehende Kosten übernehmen müssen.“ Ein Markt voller Fallen – und mit hohem Werbedruck. Die Geldinstitute wollen die „digital natives“, die Kinder des Internets, möglichst früh an sich binden. Das ist lukrativ: Nach der Kids-Verbraucheranalyse 2015 verfügen deutsche Kinder durchschnittlich über 26,35 Euro Taschengeld im Monat, hinzu kommen 189 Euro pro Jahr aus Bargeschenken. Mehr als 320 000 junge Leute zwischen 14 und 19 besitzen schon eine Kreditkarte. Bei Wüstenrot können sogar Kindergartenkinder die „Top Giro Young“-Visa-Karte erhalten. Zu früh? „Müssen Eltern entscheiden“, sagt Wüstenrot.


Mit Kinder unbedingt vorher sprechen

Kirstin Wulf von der Berliner Initiative „bricklebrit – Eltern, Kind, Geld“ verteufelt Kreditkarten nicht. „Wenn Eltern sie erlauben, sollten sie aber mit den Kindern intensiv darüber reden und sie beiden Einkäufen begleiten.“ So würden Schlüsselkompetenzen trainiert: Prioritäten setzen, Wünsche aufschieben, Verführungen standhalten.


Experte Urban warnt: „Die Kostenfallen entdeckt man oft erst bei genauem Hinschauen.“ Die Verbraucherzentrale hat schon mehrere Unternehmen erfolgreich abgemahnt. Beliebt ist etwa die Inaktivitätsgebühr. Sie fällt auch bei der „Joker Card“ der maltesischen Novum Bank an, die in Supermärkten wie Rewe oder Penny verkauft wird – „mit zweistelligen Wachstumsraten“, so Rewe. Da bucht der Anbieter nach halbjährigem Nichtnutzen einfach 2,50 Euro ab – für jeden Monat.