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Strompreise ziehen weiter an: Schlag aus der Steckdose

Neue Preisrunde beim Strom: Nach dem Schock zu Jahresanfang verlangen 100 weitere Versorger mehr Geld. Betroffen sind zehn Millionen Haushalte, weil diesmal auch Energieriese Eon kräftig zulangt.

Von Tanja Vedder

Der Schock saß tief: Millionen Haushalte in ganz Deutschland müssen seit dem Jahreswechsel deutlich mehr für Strom zahlen, weil mehr als 680 Versorger im Januar und Februar ihre Preise angezogen haben. Und die Preisschraube dreht sich auch im Frühling munter weiter: Jetzt legen in fast allen Bundesländern mehr als 100 Grundversorger nach, wie das Vergleichsportal Toptarif.de ermittelt hat. Nur in Berlin, Hamburg und Bremen bleibt bei den Grundversorgern alles beim Alten.

Nach den Daten haben bereits im März 51 lokale Versorger ihre Kunden stärker zur Kasse gebeten. Ab April wollen 33 Anbieter und im Mai noch einmal 17 Unternehmen ihren Strom verteuern. Klingt im Vergleich zum großen Schub Anfang des Jahres überschaubar, hat aber enorme Auswirkungen: Betroffen seien mehr als zehn Millionen Haushalte, sagt Daniel Dodt von Toptarif.de. Dies liegt insbesondere daran, dass nach RWE, ENBW und Vattenfall nun auch der Energieriese Eon die große Preiswelle mit anschiebt. Aber auch der größte ostdeutsche Regionalversorger enviaM mischt mit – ebenso Unternehmen wie die sächsische Enso und die Münchener Stadtwerke, die einen großen Kundenstamm haben.

Im Schnitt steigen die Preise in dieser Teuerungsrunde um 6,1 Prozent. So muss sich beispielsweise ein vierköpfiger Musterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden Strom auf Mehrkosten von durchschnittlich rund 60 Euro einstellen.

Kritiker: EEG-Umlage vorgeschoben

Wie schon bei den Preiserhöhungen zu Jahresbeginn begründen die Versorger auch die jetzige Verteuerung mit der Umlage zur Förderung der Erneuerbaren Energien (EEG-Umlage). Seit 2011 werden pro Kilowattstunde 3,53 Cent fällig, statt wie bis dahin knapp 2,05 Cent. Doch Kritiker werfen den Energiekonzernen Augenwischerei vor, da sich viele Konzerne in der Vergangenheit bei der Strombeschaffung günstig eindecken konnten – nur die wenigsten geben diese gesunkenen Einkaufspreise aber auch an die Kunden weiter.

Doch es gibt Ausnahmen: So sind seit Anfang April beispielsweise für Kunden in Leipzig die Kosten um 3,5 Prozent gesunken, in Saarbrücken zahlen Verbraucher 3,7 Prozent weniger – allerdings waren die Strompreise in beiden Städten zu Jahresbeginn auch deutlich gestiegen.

Was wird nach Fukushima?

Dass es mit den Strompreisen aufwärts geht, zeigt ein kurzer Blick auf die Daten der einschlägigen Handelsplätze. An der Leipziger Strombörse EEX beispielsweise lag der Durchschnittspreis im ersten Quartal 2011 bei 51,85 Euro pro Megawattstunde – ein Jahr zuvor waren es noch 41,02 Euro. Ob sich auch das Reaktorunglück im japanischen Fukushima und das Atom-Moratorium der Bundesregierung dauerhaft auf die Strompreise auswirken werden, ist derzeit noch offen. Doch Experten halten eine Verteuerung nicht für ausgeschlossen. "Seit Fukushima haben sich die Großhandelspreise um 10 Prozent verteuert", erläutert Energieanalyst Tobias Federico.

Der Geschäftsführer der unabhängigen Agentur Energy Brainpool in Berlin malt zwei Szenarien: Sollte es nach dem Ende des Moratoriums wieder runter mit den Großhandelspreisen gehen, würde dies keine Auswirkungen auf den Verbraucher haben. Denn der Kunde merke einen Preisauftrieb an den Strombörsen nur, wenn er dort im Schnitt etwa drei Jahre anhält. Doch der Analyst hält es für wahrscheinlicher, dass im Juni die Entscheidung für den Atomausstieg kommen wird. "Für diesen Fall rechnen wir damit, dass die Großhandelspreise um weitere 10 Prozent steigen werden", so Federico. In welchem Ausmaß solche Preiserhöhungen letztendlich beim Verbraucher ankommen werden, hängt aber nicht nur von den Großhandelspreisen ab – Kriterien wie beispielsweise besagte EEG-Umlage spielen eben auch eine Rolle.

Ökostrom muss nicht teurer sein

Bei allem Lamentieren über den Preisauftrieb: Seit dem Reaktorunglück in Japan sind viele Verbraucher zumindest bereit, für "sauberen" Strom auch mehr Geld zu zahlen. Dabei muss Ökostrom gar nicht unbedingt teurer sein, wie auch Verbraucherschützer immer wieder betonen. Laut Toptarif.de können Kunden oft rund 10 Prozent Stromkosten sparen, wenn sie vom örtlichen Basistarif in einen Ökotarif wechseln.