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Wirtschaftskrise: Die Mittelschicht muss zittern

Die weltweite Krise hält Deutschland fest im Griff. Der Aktienmarkt ist eingebrochen, die Wirtschaft steckt tief in der Rezession. Um gegenzusteuern hat das Kabinett das größte Rettungspaket der deutschen Nachkriegsgeschichte beschlossen. Viele fragen sich, wen die Krise am härtesten trifft. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: Es erwischt vor allem die Mittelschicht.

Von Christoph Schäfer

Leere Taschen: Die Finanzkrise wird Experten zufolge vor allem die deutsche Mittelschicht beuteln

Leere Taschen: Die Finanzkrise wird Experten zufolge vor allem die deutsche Mittelschicht beuteln

Deutschland steht vor dem schärfsten Einbruch der Wirtschaftsleistung seit dem Zweiten Weltkrieg. Die EU erwartet in ihrem aktuellen Konjunkturgutachten, dass das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um 2,3 Prozent sinkt. Die Große Koalition in Berlin sieht ähnlich schwarz. Im neuen Jahreswirtschaftsbericht geht die Regierung davon aus, dass die Wirtschaft um 2,25 Prozent schrumpfen wird - trotz der milliardenschweren Rettungspakete, deren segensreiche Wirkung bei der Prognose bereits eingerechnet ist. Allein an diesem Dienstag hat das Kabinett eine Konjunkturspritze von 50 Milliarden Euro und weitere 100 Milliarden Euro an Bürgschaften für Firmenkredite bewilligt.

Die Deutschen nehmen diese und ähnliche Meldungen mit Gleichmut hin. Das Weihnachtsgeschäft lief überraschend gut, weitere Banken sind nicht in die Pleite gerutscht und die Arbeitslosigkeit hat sich im Dezember nur geringfügig erhöht. Auch deshalb sind 79 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass 2009 für sie persönlich ein gutes Jahr wird. Es ist wie bei der Reise nach Jerusalem: Alles in Ordnung, solange die Musik spielt und ich einen Stuhl habe. Solange es nur die anderen trifft.

Zwangsweise in Kurzarbeit

Die anderen, das sind schon jetzt die 114.000 Menschen, die sich im Dezember neu arbeitslos melden mussten. Das sind die Arbeiter, die nun Kurzarbeit schieben müssen: Rund 60.000 bei VW, 26.000 bei BMW und fast 10.000 bei MAN. Das sind auch jene Kleinanleger, deren Aktien im vergangenen Jahr im Schnitt 40 Prozent ihres Wertes einbüßten, und die zu miesen Kursen verkaufen mussten. Es trifft vor allem die Angestellten und wenig Vermögenden, mit anderen Worten: die deutsche Mittelschicht.

Darunter versteht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jene Bevölkerungsgruppe, deren Nettoeinkommen höchstens 30 Prozent unter beziehungsweise 50 Prozent über dem Gehalt eines Durchschnittsverdieners liegt. Im Jahr 2006 gehörte also zur Mittelschicht, wer als lediger Alleinverdiener zwischen 950 Euro und 2040 Euro netto im Monat verdiente. Andere Institute definieren die Grenzen meist nur geringfügig anders.

"Vor allem die untere Mittelschicht droht abzustürzen", erklärt Christoph Butterwegge. Der Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Köln und forscht seit Jahrzehnten zum Thema Armut. Seine Prognose ist so banal wie richtig: "Wer nichts hat, kann auch in der Krise nichts verlieren. Und die ganz Reichen sind entweder nicht betroffen oder gehören sogar zu den Gewinnern der Krise." Verlieren werde vor allem die Mittelschicht.

"Die Mittelschicht schwindet"

Das sieht auch Marcus Grabka vom DIW so. Zwar hätten zahlreiche Geldanlagen, etwa Aktien, infolge der Krise an Wert verloren. Insbesondere vermögende Anleger seien aber oft nicht gezwungen, in der gegenwärtigen Baisse zu verkaufen und die Verluste auch tatsächlich zu realisieren. "Die Einkommensmittelschicht aber verfügt über keine großen Vermögenspolster und muss im Bedarfsfall zu jedem Kurs verkaufen", erklärt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler. Sein Fazit: "Die Mittelschicht schwindet."

Besorgnis erregend ist daran vor allem, dass es Deutschland selbst im Aufschwung nicht gelungen ist, die Mittelschicht merklich zu stärken. Einer DIW-Studie zufolge ist die Zahl der Deutschen mit mittlerem Einkommen in den vergangenen Jahren sogar deutlich geschrumpft. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ging von 62 Prozent im Jahr 2000 auf 54 Prozent im Jahr 2006 zurück. Die folgenden Aufschwungjahre stärkten die Mittelschicht nach Einschätzung Grabkas nur um einen mickrigen Prozentpunkt. Nicht genug für den Abschwung.

Außer der drohenden Arbeitslosigkeit ist es vor allem die Tarifpolitik, die den Forschern Sorgen bereitet. Im vergangenen Jahr - das wirtschaftlich noch vergleichsweise gut lief - stiegen die Tariflöhne nach Abzug der Inflationsrate nur um bescheidene 0,3 Prozent. Davon werden etliche Arbeitnehmer in diesem Jahr noch träumen.

"Lächerliche Entlastung"

Neben den Tarifrunden im öffentlichen Dienst stehen auch bei der Bahn, der Telekom, der Textilindustrie und im Bauhauptgewerbe Verhandlungen an. Gestritten wird ebenfalls in der Stahlindustrie sowie im Handel. Die Forderungen der Gewerkschaften sind breit gefächert und liegen mit fünf bis zehn Prozent mehr Lohn ungewöhnlich hoch. Dabei geht selbst die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung davon aus, dass sich "Finanzkrise und Rezession dämpfend auf die Tarifergebnisse auswirken". Einziger Lichtblick ist die niedrige Inflationsrate, die in diesem Jahr voraussichtlich auf 0,5 Prozent sinken wird und vor allem Sprit, Lebensmittel und andere Rohstoffe billiger macht. Dennoch mahnt der Leiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Böckler-Stiftung, Reinhard Bispinck: "Die Rahmenbedingungen für 2009 sind aus Arbeitnehmersicht ungünstig."

Daran werden auch die milliardenschweren Konjunkturpakete der Regierung nichts ändern. Der Bund der Steuerzahler rechnet vor, dass ein lediger Durchschnittsverdiener mit einem Monatseinkommen von 3000 Euro schlappe 15 Euro im Monat spart. Als verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern bleiben nur 35 Euro mehr in der Tasche. Die Mittelschicht wird das nicht retten, der Steuerzahlerbund findet die Entlastung sogar "lächerlich".