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"Vorfahrt für Ausbildungsplätze": Minister Clement rührt die Werbetrommel

Da bis zum Stichtag Ende September weiterhin tausende Lehrstellen fehlen, begibt sich der Bundesarbeitsminister auf Werbetour durch das Land. 820 Ausbildungsplätze hat er am ersten Tag gesammelt - dank Vorgesprächen.

Wolfgang Clement strahlt. Seine Hartnäckigkeit, so scheint es, hat Erfolg und wird belohnt: Soeben hat der Wirtschafts- und Arbeitsminister beim dritten Firmenbesuch an diesem Tag schon den zweiten Ausbildungsplatz-Scheck entgegennehmen können: Über 570 zusätzliche Lehrstellen, ausgestellt von Bahnchef Hartmut Mehdorn, und eigenhändig gegengezeichnet vom Minister. "Jetzt ist der Scheck erst wirklich was wert", scherzt der Polit-Profi in Mikrofone und Kameras.

Das drohende Lehrstellendesaster vor Augen, hat Clement an diesem Tag alle anderen Termine hintangestellt. Seine Botschaft: "Vorfahrt für Ausbildungsplätze", verkündet er unermüdlich. Mit einem Bus seiner Initiative 'TeamArbeit für Deutschland' tourt er durch Berlin und Brandenburg, um so auch noch die letzte zusätzliche Lehrstelle loszueisen. Großbetriebe wie die Deutsche Bahn stehen auf dem Programm, aber auch ein Schrott- und Recyclingunternehmen im Berliner Speckgürtel, das Probleme hat, genug Lehrlinge für die um 19 auf 75 erhöhte Zahl von Ausbildungsplätzen zu finden.

Clement hat sich optimistisch gezeigt, dass die Lehrstellenlücke bis zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres geschlossen werden kann. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das wieder erreichen können", sagte er. Zwei weitere Reisen zum selben Zweck führen den Minister im August noch durch Mecklenburg-Vorpommern.

Clement lobt und lächelt

Gleich bei seiner ersten Station, der 'Mercedes-Welt am Salzufer', muss sich der Minister die Hoffnung abschminken, das Unternehmen werde bei den Lehrstellen "noch einen - wie wir im Ruhrgebiet sagen - Schnaps drauflegen". Zwischen chromblitzenden Nobelkarossen - die teuerste ist eine Maybach-Limousine für 368.000 Euro - verweist das Management darauf, dass man die Zahl der Ausbildungsplätze fürs neue Ausbildungsjahr mit 2400 "auf extrem hohem Niveau" fortführen werde und im übrigen 40 Prozent aller Lehrstellen bei deutschen Autobauern bereitstelle. Clement feilscht nicht lange um den Schnaps, lobt und appelliert an die anderen Autobauer, an DaimlerChrysler "Maß zu nehmen".

"Da hat es natürlich Vorgespräche gegeben"

Zwischen den Terminen lässt der Minister durchblicken, dass die zusätzlichen Lehrstellen, die er auf seiner Tour einzusammeln gedenkt, keineswegs spontan und wie Geschenke vom Himmel fallen. "Da hat es natürlich Vorgespräche gegeben." Bahnchef Mehdorn lässt dennoch dem Minister das Verdienst an dem Mehr-Angebot: "Wir sind im Prinzip Herrn Clement gefolgt." Die Bahn bilde "über Bedarf und über Durchschnitt aus". Auf Nachfrage erfährt man, die Ausbildungsquote liegt bei vier Prozent der Bahn-Gesamtbelegschaft. Der Minister ist sichtlich zufrieden, strahlt abermals.

250 Lehrstellen spendet der Elektronik-Riese Media Markt

Bei der Elektronik-Kette Media Markt und Saturn wirbt Geschäftsführer Utho Creusen gar mit einer Ausbildungsquote von 20 Prozent - bei 250 Clement zusätzlich in die Hand versprochenen Lehrstellen. Clement attestiert "absolute Spitzenklasse". Mit einem Augenzwinkern und unter Beifall des Publikums münzt der Firmenmanager dann die berühmt gewordenen Werbesprüche seines Hauses ('Geiz ist geil' und 'Ich bin doch nicht blöd') auf die Werbetour des Minister um: "An Ausbildungsplätzen werden wir bestimmt nicht geizen, denn wir sind ja nicht blöd". Der Besucher hörte es gern.

Nachwuchskräfte kann man nicht wegkaufen

Clement bedauerte am Rande der Tour, dass nach wie vor zu viele Unternehmen nicht ausbilden. Es müsse "zur unternehmerischen Ethik" gehören, dass man Nachwuchskräfte "nicht irgendwo wegkaufen" könne, sondern sich selbst darum kümmern müsse. Er teilte die Kritik aus Handel und Handwerk am vielfach defizitären Bildungsstand von Schulabgängern. "Die Leistungen müssen besser werden", fordert der Minister, und schloss darin auch das schulische Angebot mit ein.

Schule muss besser, muss anders werden

Dies habe nicht zuletzt die PISA-Studie gezeigt. "Ein Wirtschaftsstandort wie Deutschland kann sich natürlich nicht leisten, nur auf einem hinteren Platz herumzuhampeln." Auch die Schule "muss besser werden, sie muss vor allem anders werden". Dazu gehörten früherer Beginn der Schulausbildung, Ganztagsbetreuung, und mehr Internationalität. Als Vorbild nannte er die skandinavischen Länder. Clement stellte modulare Ausbildungsmodelle mit verkürzten Lehrzeiten für theorieschwächere Schüler in Aussicht. "Notfalls müssen wir das dekretieren", sagte er.

Wirtschaft klagt über ungeeignete Bewerber

Die Wirtschaft bestätigt das und beklagt, dass Schüler und Jugendliche immer größere Bildungslücken aufweisen. "Es liegt nicht immer nur an den Betrieben, wenn viele Jugendliche Probleme haben, eine Lehrstelle zu finden", sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, der 'Berliner Zeitung'.

Die Betriebe stellten bei Bewerbern "gravierende Defizite in der Allgemeinbildung, in der mündlichen und schriftlichen Ausdrucksfähigkeit sowie bei einfachen Rechenaufgaben fest". Laut DIHK-Umfrage haben im Vorjahr 37 Prozent der Ausbildungsbetriebe keine oder zu wenig geeignete Bewerber gefunden. Auch Handwerks-Präsident Dieter Philipp stellt fest, dass viele Jugendliche den Anforderungen der Firmen nicht gerecht werden.