HOME

ÄRZTEMANGEL: Landarztidylle nur noch im Fernsehen

In Ostdeutschland verwaisen immer mehr Hausarztpraxen. Um Abhilfe zu schaffen, sollen Ärzte aus Osteuropa abgeworben werden. Ärmeren Ländern die Ärzte wegzunehmen, kann jedoch keine Lösung sein.

Der »Landarzt« hat nur noch im Fernsehen Konjunktur. In der Realität verwaisen vor allem in Ostdeutschland immer mehr Hausarztpraxen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) warnt bereits vor einem drohenden Kollaps der hausärztlichen Versorgung in den neuen Ländern. Das hohe Durchschnittsalter der Doktoren gibt Anlass zur Sorge: In den nächsten zehn Jahren erreichen KBV-Berechnungen zufolge 35 bis 40 Prozent aller ostdeutschen Hausärzte das Rentenalter. Zugleich mangelt es mehr und mehr am Berufsnachwuchs.

»Noch vor zehn Jahren haben wir wegen des Überangebots flächendeckend Zulassungsstopps für Kassenärzte verhängt«, sagt Wolfgang Eckert, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt dagegen herrsche nur noch in Großstädten wie Rostock oder Schwerin Überversorgung. Vor allem auf dem flachen Land suchten Praxisinhaber, die auf das Rentenalter zugehen, händeringend Nachfolger - oft ohne Erfolg.

In Brandenburg sind gegenwärtig 130 Hausarztpraxen frei, in Sachsen schlossen in den vergangenen beiden Jahren mehr als 60 Allgemeinpraxen ohne Nachfolger. In Thüringen stehen 50 Praxen aller Fachrichtungen leer, in Sachsen-Anhalt fehlen 120 Hausärzte. Sogar in Berlin, wo für die meisten Stadtbezirke wegen Überversorgung noch Zulassungssperren gelten, lassen sich laut KV erste Mangelsymptome nicht übersehen. Fast 60 Prozent aller Berliner Hausärzte sind älter als 50 Jahre, aber nur 7,7 Prozent jünger als 40.

In Thüringen scheiden von gegenwärtig mehr als 3.000 niedergelassenen Ärzten bis 2010 etwa 1.000 aus Altersgründen aus, darunter etwa 700 Allgemeinmediziner. In Sachsen-Anhalt rechnet die KV in fünf Jahren damit, dass bis zu 450 Hausarztpraxen frei werden, in Sachsen erreichen etwa 1.000 der gegenwärtig knapp 2.500 Hausärzte bis 2010 das Rentenalter.

Für die dringend notwendige Verjüngungskur stehen die Chancen eher schlecht. Um mehr als 23 Prozent ging die Zahl der Medizin-Absolventen in den vorigen sechs Jahren zurück, errechnete die KBV. Jährlich brechen 2.400 Medizinstudenten, ein Fünftel eines Jahrgangs, ihr Studium ab. Absolventen wechseln immer häufiger in »artfremde« Branchen. Die Ärztevertretungen überrascht das nicht, der Beruf sei schließlich schon lange nicht mehr attraktiv. Sinkende Honorare, Arbeitsüberlastung, Budgetierung und kaum mehr zu überschauender Papierkrieg sorgen seit Jahren für Verdruss.

Das gilt erst recht in Ostdeutschland, wo Kassenärzte nach wie vor nur etwa 75 Prozent der West-Honorare erhalten. »Dafür versorgen sie bis zu 20 Prozent mehr Patienten als ihre Westkollegen«, beschreibt Ralf Herre, Sprecher der KV Brandenburg, das Dilemma.

Um Abhilfe zu schaffen, kündigte die KV Sachsen-Anhalt jetzt an, Ärzte aus Osteuropa anwerben zu wollen. Die sächsische Ärztekammer plädierte gar für eine »Green Card« für osteuropäische Mediziner. Das stößt nicht nur auf Beifall. »Ärmeren Ländern die Ärzte wegzunehmen, kann keine Lösung sein«, schüttelt Thüringens KV-Vorsitzender Karl Gröschel den Kopf. Gefragt sei vielmehr die Politik, die gegensteuern und die Bedingungen für die Ärzte verbessern müsse, meint Annette Kurth, Sprecherin der KV Berlin. »Backen können wir uns die Ärzte schließlich nicht.«

Zumindest für eine verbesserte Ausbildung der Allgemeinmediziner wollen sich die Ärzte jedoch auch selbst stark machen: In Thüringen setzt sich ein neuer Förderverein dafür ein, einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Universität Jena zu etablieren.

Katrin Zeiß, dpa