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Andreas Fink: Hilfslehrer in Swasiland

Andreas wollte in Afrika die Welt retten - und musste erstmal ein Klassenzimmer streichen. Irgendwann begriff er dann, dass sich nicht andere um ihn, sondern er sich um andere kümmern sollte. Seit dieser Erkenntnis ist er in Swasiland glücklich - auch mit sich selbst.

Name: Andreas Fink
Alter: 20 Jahre
Heimatstadt: Köln
Organisation: Don-Bosco-Mission (Homepage)
Einsatzort: Manzini, Swasiland

Mich beeindruckt immer wieder, wie viel ich hier über das Menschsein lerne. Wie gut es tut, einem anderen zu begegnen, ihm in die Augen zu schauen, ihm die Hand zu reichen, diese Verständigung ohne Worte. Am Anfang fand ich hier ein Durcheinander vor, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Und ich war sehr deutsch: Du fängst was an, willst zuverlässig sein und eine Sache möglichst schnell abschließen. Aber das war nur meine Sicht der Dinge. Druck auf Menschen auszuüben - wie wir das aus Deutschland kennen - ist das Dümmste, was du hier tun kannst. Hetzen lässt sich keiner. So gesehen hat mich der Aufenthalt total verändert. Früher war ich laut und wollte gerne im Mittelpunkt stehen, aber hier zählt doch mehr die Gemeinschaft.

So viel ist "Hamba"

Mein Job ist sehr vielseitig. Ich bringe Maismehl zu den Armenküchen und unterrichte in der Schule, wenn mal ein Lehrer ausfällt. Dann halte ich Unterricht auf Englisch ab - was sehr lustig ist, weil ich unter anderem deswegen hergekommen bin, um die Sprache besser zu beherrschen. Dann stehe ich an der Tafel im Klassenzimmer, das ich selbst gestrichen habe und rede darüber, wie man Menschen mit Worten beschreiben kann. Der Lehrer, für den ich manchmal einspringe, gibt mir die Unterlagen und los geht es. In dem Buch steht zum Beispiel "to swagger", das englische Wort für stolzieren, prahlen. Doch so richtig verstehen wollen die elf Schüler nicht, was ich ihnen zu erklären versuche, und wenn die Schüler mir was sagen, verstehe ich nur "hamba", ein Wort, das sie mir ständig zurufen. Und weil ich ihnen mit meinen Vokabeln nicht beikomme, versuche ich es mit Körpersprache. Ich drücke die Schulterblätter zusammen, strecke die Brust nach vorne und gehe zur Tür. Und schaue erwartungsvoll in den Raum - "Hamba, yeees!". Gehe zurück zur Tafel und will nun ganz von vorne anfangen. Male mit einem Stift ein Auto, und die Schüler sagen "hamba". Und was, frage ich, macht ein Flugzeug? "Hamba, yeees!" "Hamba" ist das Wort für gehen in Siswati, einer Sprache, die im Swasiland gesprochen wird. In Siswati geht alles, Männer und Frauen, Autos und Flugzeuge, und jemand, der rennt, der "geht viel", so einfach ist das am anderen Ende der Welt.

Die Schule an der ich unterrichte heißt Sandrini Center, auch Little School - dort soll den Kindern die Grundlagen in Siswati, Englisch, Mathe, Naturwissenschaften und Religion beigebracht werden. Es ist eine Art Vorschule. Danach können sie dann in die Primary School gehen, die von der ersten bis zur siebten Klasse geht.

Ein Hühnchen-Burger kostet fast zwei Euro

Zu meiner Arbeit gehört auch Bürokram in der Verwaltung, Fußballspielen, mal eine Wand streichen, Kinder zum Bus bringen und wieder abholen, falls sie mal einen Ausflug machen, mit den Kindern basteln, singen. Spannend sind die Erlebnisse, wenn ich abends, nach Sonnenuntergang, mit einem Sozialarbeiter durch die Stadt fahre und Straßenkinder anspreche. Dann besuchen wir den President's Court. Das ist eine Gegend, in der sich die Reichen der Stadt treffen, es gibt dort eine Pizzeria, einen Gemüsemarkt und ein Kentucky Fried Chicken, wo ein Colonel Burger 18,90 Rand kostet und ein Menü 31,90 Rand (entspricht knapp drei Euro). Kinder, die kein Zuhause mehr haben, treffen sich hier und schnüffeln Klebstoff, damit sie den Hunger nicht mehr spüren. Manchmal haben sie Glück und finden Essensreste in den Müllcontainern vor dem Kentucky Fried Chicken, Hühnerknochen mit ein bisschen Fleisch dran oder alte Pommes Frites. Abends, wenn viel los ist, helfen sie den Reichen beim Einparken der BMW und Mercedes und hoffen auf Kleingeld.

Xolani Mabuza ist so ein Junge, den ich manchmal vor dem Kentucky Fried Chicken treffe. Xolani sagt, er sei 14 Jahre alt. Sein Vater, ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, kam oft betrunken nach Hause und schlug ihn mit einem Holzstock. Seine Mutter sagte ihm, dass sie ihn nicht mehr wollen, damals war Xolani sieben Jahre alt. Seitdem lebt er in einem Park unter Mangobäumen. Dort hat er sich eine Hütte gebaut. Sie ist eineinhalb Quadratmeter groß, es ist nicht viel mehr als weggeworfene Pappe und ein bisschen Plastik, die ihn vor Regen schützen. Aus einem roten Benzinkanister hat er sich einen Lautsprecher gebastelt und hört Techno-Musik. "Willst du in die Schule gehen?", frage ich ihn. "Ja", sagt Xolani, "weil man Doktor werden kann." Wenn die Straßenkinder ein Zuhause wollen, Essen und was zum Anziehen, müssen sie auch in die Schule gehen, das ist der Deal. Manchmal kommt Xolani mit. Dann gebe ich ihm eine Jacke und etwas zu essen. Nach ein paar Tagen aber reißt er wieder aus und geht in seine Hütte in den Park. Wir hoffen trotzdem, dass er irgendwann bleiben wird.

Es gab auch schlimme Erlebnisse

Neben all den schönen Erlebnissen hatte ich auch sehr miese: Ich wurde zweimal überfallen. Es passierte in einem Club, der ein bisschen verrufen ist, doch als sicher gilt. Es war zwei Uhr nachts, als plötzlich ein Mann sagte: "Was willst du? Denkst du, nur weil du weiß bist, kannst du uns rumkommandieren?" Der Mann ging. Nach zehn Minuten kam er wieder. Ich hatte dann einen Ballermann im Gesicht. Ich dachte, das war's. Aber der Mann sagte nur, ich solle mich verpissen. Monate später, im März, hatte ich ein Buschmesser am Hals. Ein Mann sagte: "Gib mir dein Geld!". Ich gab ihm meine Brieftasche und 1000 Rand.

Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, das weiß ich schon jetzt, werde ich die Kinder von Manzini vermissen. Und mich werden die Angepassten nerven, die Anzugträger, die zu ihren Versicherungen und Banken fahren. Mir wird dann wieder die Totenstille in der Straßenbahn auffallen. Hier hingegen grüßt dich jeder, gibt dir die Hand, auch wenn du die Leute noch nie vorher gesehen hast. Hier hat jeder Zeit. Es gibt in Deutschland zum Beispiel kaum Straßen mit einem schönen Ausblick. Jeder nimmt die Schnellstraße. Hauptsache schnell. Und es werden mich die Leute nerven, die ständig meckern. Uns ist doch gar nicht mehr bewusst, wie gut es uns eigentlich geht. Dass wir zum Arzt oder in Krankenhaus gehen können. Hier in Swasiland können sich viele Menschen nicht mal Arzneimittel leisten.

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