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SCHULE: ALLES SO SCHÖN BUNT HIER

Die einen sprechen Spanisch, die anderen Kisuaheli und alle gemeinsam Englisch. Im United World College in New Mexico leben und lernen Schüler aus 84 Ländern. In der Frühstunde kann auch mal »Menschen retten« auf dem Lehrplan stehen.

Es war noch dunkel in Montezuma, einem Flecken in der Wüste von New Mexico. Der 18-jährige Andy Dykema schlief tief und fest, als um 3 Uhr 30 der Wecker schrillte. Am Abend zuvor hatte die örtliche Polizeistelle angerufen und für den Tagesanbruch eine Rettungsaktion angesetzt: Nahe einem einsamen See etwa 45 Meilen nördlich hatte sich ein Wanderer schwer am Rücken verletzt. Jetzt lag der 42-jährige Ken Zimby in über 2.600 Meter Höhe und konnte nicht mehr laufen.

Andy und sein Freund Alexander Kling, ein Deutscher, der ein paar Zimmer weiter wohnt, zogen sich rasch an und stiegen in einen mit Sanitätskästen beladenen Transporter, zusammen mit den anderen Mitgliedern des »Wilderness Service« brachen sie in Richtung Norden auf. Ein Gewittersturm gab den Jugendlichen noch die Gelegenheit für ein kurzes Schläfchen, um 7 Uhr 45 dann waren die Retter auf dem Pfad in Richtung See. Sieben Stunden nachdem sie sich aus dem Bett gequält hatte, erreichte die Truppe schließlich das Zelt des Verunglückten.

Ein ungewöhnlicher Tagesbeginn? Nicht im Armand Hammer United World College of the American West, einer besonderen Schule für 16- bis 19-jährige, die aus aller Welt nach Montezuma gekommen sind. Zehn United World Colleges gibt es insgesamt, von Großbritannien über Swasiland bis Singapur. Die Schule in New Mexico, 1982 gegründet, ist die einzige dieser Art in den USA. Präsidenten der UWC-Bewegung sind oder waren Prominente wie Königin Nur von Jordanien, Prince Charles und Nelson Mandela.

Ein internationaler Abschluss

Die Schule will das Verständnis zwischen den Kulturen fördern, indem sie über 200 Jugendliche aus 84 Nationen zusammenbringt. Nur 25 Prozent sind Amerikaner, der Rest kommt aus anderen Ländern, aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen. In ihren Heimatländern wählen Stiftungen die Schüler aus, je nach Einkommen der Eltern erhalten sie Voll- oder Teilstipendien. Am Ende der zweijährigen Schulzeit, vergleichbar mit der deutschen Oberstufe, steht das Internationale Baccalaureat, ein Abschluss, mit dem man in fast jedem Land studieren kann.

Beständige Freundschaften seien für die Erziehung jedoch genauso wichtig wie der anspruchsvolle Lehrplan und die Dienste an der Gemeinschaft, betont Elizabeth Morse, die Öffentlichkeitsarbeiterin der Schule. Sie sagt: »Die globalen Ereignisse erleben wir auf einer persönlichen Ebene: Wenn etwas in Albanien passiert, geht uns das alle etwas an, denn wir haben jemanden aus Albanien, der hier lebt, lernt und seine Freizeit verbringt.«

Obwohl fließendes Englisch nicht Aufnahmebedingung ist, findet der Unterricht in dieser Sprache statt. Das macht Nicht-Muttersprachler in Englisch zügig fit. Auch in anderen Fächern wird fleißig gelernt. Der Grund: »Die Lehrer hier sind sehr gut und begeistert von dem, was sie lehren. Das steckt an«, sagt Alex. Der 18-Jährige aus Frankfurt am Main ist im zweiten Jahr am UWC. Andy, mit Kinnbart, Karohemd und ausgeblichenen Jeans, ergänzt: »Oft laden uns die Lehrer auch zum Essen oder Kaffee in ihre Wohnung ein.«

Mindestens sechs Fächer muss ein Schüler belegen, drei davon auf Leistungskursniveau. Pflicht sind Mathematik und eine Naturwissenschaft, dazu die eigene Muttersprache, eine Fremdsprache sowie ein gesellschaftswissenschaftliches Fach. Damit die Schüler ihre Umwelt zu würdigen wissen, muss jeder beim Wilderness Service mitmachen, zur Auswahl stehen Rettungsdienst, Flussreinigung oder Maßnahmen zur Waldbrandverhütung. Und dann gibt es noch jede Woche mehrere Stunden Sozialdienst. Alex arbeitet mit Teenagern in einer nahe gelegenen Nervenheilanstalt.

Das College ist einzigartig

Alle Schüler und die meisten Lehrer wohnen auf dem Schulgelände. Mittelpunkt ist eine Art Schloss, das auf einem zerklüfteten Berg inmitten von 110 Morgen prächtiger Landschaft liegt. Früher war das Gebäude, das gerade für zehn Millionen Dollar renoviert wurde, ein Erholungshotel, in dem nicht nur bekannte, sondern auch berüchtigte Persönlichkeiten abstiegen, darunter US-Präsident Theodor Roosevelt, der japanische Kaiser Hirohito und der Bandit Jesse James. Heute finden sich hier Lehrer- und Mädchenschlafzimmer, Klassenräume, Büros und der Speisesaal. Fernseher oder Telefone gibt es nur in öffentlichen Bereichen, eigene Autos sind nicht erlaubt. Dafür chauffieren Kleinbusse die Schülergruppen regelmäßig in die Nachbarstadt Las Vegas, New Mexico.

»Das College ist einzigartig«, sagt Andy, der in Glenwood Springs, Colorado aufgewachsen ist. »Hier etwas Zeit zu verbringen ist eine Chance, die man nur einmal im Leben bekommt. Ich treffe so viele interessante Leute aus verschiedenen Ländern. In meiner Heimatstadt dagegen gibt es nur das weiße bürgerliche Amerika.« Andy mag es, Leuten aus zehn verschiedenen Ländern zu zeigen, wie man einen Frisbee wirft, er schätzt den Klang von Ungarisch, Chinesisch und Suaheli am gemeinsamen Abendbrottisch.

Ein beliebter Zeitvertreib sind hitzige politische Diskussionen um zwei Uhr früh oder Badeausflüge bei Mondlicht zu den nahe gelegenen heißen Quellen. Andys neue Freunde aus Spanien und Südamerika sind immer dabei. Sie haben dem talentierten Klarinettisten, der eines Tages sein Geld als Musiker verdienen will, nicht nur Spanisch beigebracht, sondern auch seine Leidenschaft für lateinamerikanische Musik geweckt. »Zu Hause reden wir meist nur über Pop oder über das, was so im Fernsehen läuft«, sagt Andy. »Hier spricht man über das Weltgeschehen. Das finde ich spannend.«

Auch Alex, der am liebsten Wirtschaft in den USA studieren und später in der Entwicklungshilfe arbeiten möchte, genießt das multikulturelle Leben. Er kann gar nicht genug Aktivitäten in seinen Tagesablauf packen. Zusätzlich zum Wilderness Service, Tennis und Klavierspielen arbeitet Alex als »residence assistant«: Er unterrichtet seine Altersgenossen in Deutsch, gibt Nachhilfe in Wirtschaft und beteiligt sich regelmäßig an einer Diskussionsrunde, in der es um globale Fragen geht. »Ich bin gern mit Leuten zusammen, manchmal bleibe ich bis drei Uhr morgens auf«, sagt Alex. »Das kann ziemlich hart sein, aber zum Glück gibt es genug Kaffee.«

Mission erfolgreich ausgeführt

Im Unterricht zeigt Alex, dass er seine späten Stunden auch mit Hausaufgaben verbringt. Während er Kurven auf eine Tafel zeichnet, erklärt er: »Wir stellen fest, dass das Bevölkerungswachstum und der Verlust von bewaldeten Flächen in engem Zusammenhang stehen.« 13 Schüler sitzen in einem hellen Dachzimmer um einen Tisch. In Dreiergruppen halten sie Vorträge über die Instabilität des Arbeitsmarktes, Überbevölkerung und das Abwassersystem.

Kurt Lucas, der Lehrer, hört zu und macht anschließend seine Bemerkungen. Die 75-minütige Unterrichtseinheit endet damit, dass sich Lucas und alle 13 Schüler in einem Viereck drängeln, das ein Quadratmeter groß ist und mit einem Seil abgegrenzt. Damit veranschaulichen sie die aus der Kontrolle geratene Stadtbevölkerungsdichte in den Entwicklungsländern.

Und was wurde eigentlich aus Ken Zimby? Um 11 Uhr 15 fingen Andy, Alex und ihr Team an, den Verunglückten und seine Ausrüstung abzutransportieren. Vorsichtig hoben sie die Trage auf Rollen über Felsen und Abhänge, alle zwei bis drei Schritte machten sie eine Pause und verschnauften. Um 15 Uhr 30 war Zimby im Krankenhaus, um 18 Uhr 45 kehrte die müde Truppe zum Schulgelände zurück. Mission erfolgreich ausgeführt.

Michelle Pentz, 35, ist eine ehemalige Oskar's-Redakteurin und lebt jetzt in Santa Fe, New Mexiko. Sie wandert gern, hofft aber, dass sie nie von 18-jährigen UWC-Schülern gerettet werden muss.

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