HOME

Iris Buchholz: Mädchen für alles in Swasiland

Den Führerschein hat Iris Buchholz selbst noch nicht so lange. Jetzt bildet sie in Swasiland Hilfarbeiter zu Fahrern aus - trotz Linksverkehrs und Sprachproblemen. Sie arbeitete in einer Suppenküche, hat Schulzimmer ausgemalt - und rettet dabei ein klein bisschen die Welt.

Name: Iris Buchholz
Alter: 20 Jahre
Heimatstadt: Bad Oeynhausen
Organisation: Don-Bosco-Mission (Homepage)
Einsatzort: Manzini, Swasiland

Nach 13 Jahren Stillsitzen in der Schule wollte ich mich richtig bewegen. Und nicht mehr für die Schule, sondern fürs Leben lernen. Das Geld für den Flug habe ich mir in Deutschland mit einigen Jobs zusammengespart. Als ich hier landete, haben mich die Leute "figile" genannt, was so viel heißt wie: jemand, der gerade ankommt. Das beschreibt meine Situation sehr gut. Denn hier habe ich die Gelegenheit, mich über die Auseinandersetzung mit anderen selbst besser kennenzulernen. Vor allem die Kinder berühren mich immer wieder aufs Neue: Es sind Persönlichkeiten, die oft keine Chance bekommen und mit denen du nur Mitleid haben kannst.

Mädchen für alles

Ich arbeite auch in einer Suppenküche. Die Kinder und Jugendlichen bringen Plastikschüsseln mit und stellen sich in einer Reihe unter einem Baum auf, 38 Kinder, Jungen und Mädchen, hier in einem Vorort von Manzini, in Masekweni. Sie warten und sagen "Kudla", das Wort für Essen in Siswati, der Landessprache. Jedes Kind bekommt einen Löffel voll Reis mit einer Sauce, die angereichert wurde mit Vitaminen und Geschmacksverstärkern. Selten gibt es Bohnen dazu.

Manchmal helfe ich auch auf einer Farm mit, die zu Father Larrys Projekt gehört, zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt. Ich fahre morgens mit dem Pick-up los, auf der Ladefläche liegen einige Säcke Reis und Fleisch, Essen für die Jungs, die dort arbeiten und wohnen. Abends bringe ich das Gemüse mit dem Pick-up in die Stadt, ins Gewerbegebiet von Manzini, wo die Straßen zu holprigen Wegen aus roter Erde werden und die Häuser zu Hütten. Ich fahre zu "Eswatini Kitchen". In einer Halle, die so sauber ist wie ein deutsches Krankenhaus, arbeiten dreißig Frauen. Sie waschen das Obst und Gemüse, Tomaten, Mangos, Orangen, schälen und zerkleinern es. In zwei großen Metallkochtöpfen kochen sie daraus Marmeladen, Chutneys und Saucen. In einem Regal an der Wand stehen kübelgroße Gläser mit Gewürzen, daneben hängt eine Tafel, auf der die aktuellen Bestellungen stehen. Heute arbeiten die Frauen an einem Auftrag aus Frankreich: 3000 Gläser Guave-Marmelade, 4200 Gläser Früchte-Chutney, 3360 Gläser Mango-Chutney. 2000 Gläser zu je 300 Gramm füllen die Mitarbeiterinnen pro Tag ab. 500.000 Gläser kommen so übers Jahr zusammen. "Eswatini Kitchen" beliefert Fair-Trade-Handelshäuser weltweit, vor allem aber in Frankreich, Australien, Japan und Deutschland, dort zum Beispiel die Gepa in Wuppertal. Der Gewinn geht an das Projekt von Father Larry.

Schnee? Was ist das?

Die Menschen tragen, es ist jetzt Winter hier, Pullis und Mützen, doch kaum jemand hat Schuhe. Als ich neulich in die Schule ging, um mit den Kindern zu basteln, habe ich ein paar Fotos mitgenommen. Sie zeigen Bad Oeynhausen im Winter, eine weiße Landschaft. Die Schüler stellen Fragen: "Wie fühlt sich Schnee an?" ("Kalt, und dann wird er zu Wasser.") "Erfriert ihr?" ("Nee, wir haben eine Heizung.") In Swasiland kennen sie Schnee nur aus dem Gefrierfach.

Es gibt im Swasiland nur junge, fröhliche Menschen, denn die älteren sind tot. Die Lebenserwartung liegt bei etwwas mehr als 30 Jahren. Swasiland hat die höchste HIV-Rate der Welt: 39,2 Prozent der Bevölkerung sind HIV-positiv. Bei den 30- bis 34-Jährigen liegt die Ansteckungsrate bei 45,8 Prozent. Über Kondome sagen sie, das sei wie "eating a sweet with a paper" (ein Bonbon mit der Verpackung essen). Neben HIV ist das größte Problem die Hexerei, denn die Leute sind besonders abergläubisch. Zum Beispiel steigt die Mordrate im Swasiland vor den Parlamentswahlen um 27 Prozent an, weil die Kandidaten glauben, durch Menschenopfer ins Parlament zu kommen. Als ein früherer Ministerpräsident starb, fand man zwei abgetrennte Köpfe in seiner Tiefkühltruhe.

Schwarze Adidas-Schuhe

Neulich ging ich in die Stadt, in dieses kleine Café, in dem es auch einen Cappuccino gibt, der einigermaßen mit einem deutschen Kaffee vergleichbar ist. Ein Junge kam vorbei und sagte: "Please, give me your shoes." Ich hatte meine schwarzen Adidas-Schuhe an, sie waren schon ziemlich ausgetreten. Der Junge hatte keine Schuhe und lief barfuß. Er hat gar nicht mehr aufgehört, mich anzulabern. Irgendwann habe ich meine Schuhe ausgezogen und sie ihm geschenkt, habe den Kaffee bezahlt und nach Hause gelaufen - barfuß. Das klingt jetzt so Mutter-Teresa-mäßig. Aber der Junge hat mir einfach leid getan.