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Freiwilliges Soziales Jahr: Entwicklungsdienst in eigener Sache

Nach der Schule in die weite Welt: Jedes Jahr strömen Tausende Jugendliche für ein Freiwilliges Soziales Jahr ins Ausland. Sie arbeiten in Hilfsprojekten und lernen dabei nicht nur andere Länder, sondern auch sich selbst besser kennen.

Von Philipp Jarke und Judith Scholter

Ein bisschen Hilfe und sehr viel Selbsterfahrung - das ist beim Freiwilligen Sozialen Jahr so reizvoll

Ein bisschen Hilfe und sehr viel Selbsterfahrung - das ist beim Freiwilligen Sozialen Jahr so reizvoll

Christian hat sich eingelebt in seiner neuen Welt. Vor einem Vierteljahr kam er mit dem Weltwärts-Projekt der Bundesregierung nach Chile, seitdem arbeitet er in Santiago in einer Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Sprachprobleme gab es nur am Anfang: Inzwischen zeigt Christian neuen Praktikanten, wie man Kinder wäscht und wickelt, wie man sie anzieht und füttert.

Bei fast 200 Verbänden möglich

Er ist einer von Tausenden Jugendlichen, die sich jedes Jahr im Ausland engagieren. Fast 200 Verbände und Vereine vermitteln ihnen Einsätze von Ägypten bis Uganda, von Albanien bis Taiwan, darunter das Rote Kreuz und der Europäische Freiwilligendienst. Die Weltenbummler arbeiten in Kindergärten oder im Jugendheim, sie engagieren sich für den Umweltschutz oder für fairen Handel.

Das Weltwärts-Projekt unterstützt Jugendliche nicht nur bei der Einsatzsuche, sie erleichtert ihnen auch die Finanzierung des Auslandsaufenthaltes. Der Staat übernimmt die Fahrtkosten, vor Ort gibt es ein Taschengeld. Kost und Logis sind frei. Christian hat mit seinem Arbeitskollegen Beni im Behindertenprojekt schon viele Ziele erreicht. Sie haben jetzt einen Tag pro Woche für ihre Ideen: "Wir machen Gipsmasken, gehen auf den Sportplatz, spielen Tast- und Fühlspiele, lernen Farben oder machen Ballspiele."

Die Taten der Väter sühnen

Die ersten Freiwilligen gab es schon vor gut 90 Jahren. 1920, nach den Schlachten des Ersten Weltkrieges, gründeten junge Schweizer den "Service Civil International". Heute steht die Organisation für Workcamps weltweit, immer in Sozialprojekten mit Freiwilligen aus der ganzen Welt. In Deutschland ist die Aktion Sühnezeichen die bekannteste Freiwilligenorganisation. Sie entstand 1958, damals war Lothar Kreyssig Präsident der Berliner Kirchenkanzlei. Er bat "die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, dass sie uns erlauben, mit unseren Händen und unseren Mitteln in ihrem Land Gutes zu tun". Die Söhne wollten sühnen, was die Väter verbrochen hatten.

Ein halbes Jahrhundert später wollen die meisten Jugendlichen fürs Leben lernen. Wenn sie zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr ins Ausland gehen, erfahren sie ganz konkret, worüber sie in der Schule schon geredet haben: Sie erleben die Folgen und Chancen der Globalisierung und die Auswirkungen des Klimawandels, das Gesicht von Armut und Nächstenliebe. Aber nicht alle begeistert die Vorstellung, dass Tausende Teenager in Schwellen- und Entwicklungsländer ausschwärmen und in Hilfsprojekte hineinschnuppern. Die "Taz" schreibt vom "Wunsch nach dem gestylten Leben", das "SZ-Magazin" fuhr im Frühjahr größeres Geschütz auf und wertet das "weltwärts"-Programm gar als "Egotrip ins Elend". Kern der Kritik: Die deutschen Schulabgänger seien nicht qualifiziert, um vor Ort wirkungsvolle Arbeit zu leisten.

Kritik: keine qualifizierte Hilfe

Gerade in den ersten Wochen vor Ort mag das so sein. Selbst nach der Einarbeitungsphase wird kein freiwilliger Helfer mit seinem Einsatz die Armut in afrikanischen Slums entscheidend lindern oder die Zerstörung des Regenwalds verhindern. Das ist aber auch nicht der Anspruch solcher Programme.

Vielmehr sollen die Freiwilligen die weltweiten Entwicklungsprobleme verstehen und die Möglichkeiten und Grenzen von Entwicklungshilfe erfahren. Das funktioniert besonders gut, wenn die Jugendlichen vor Ort mit anpacken. Und wenn sie ungewohnte Situationen in einer fremden Sprache meistern, ist das angewandte Bildung, für die in Zeiten von Turbo-Abitur und Wikipedia in Schulen oft wenig Zeit bleibt. So ist das Freiwillige Soziale Jahr im Ausland nicht zuletzt ein Entwicklungsdienst in eigener Sache.