HOME

Stern Logo Geschichte

Arbeitskleidung: Anzug, Schlips, Kostüm: Wie das Büro-Outfit entstand – und warum wir es heute noch tragen

Ein gut geschnittener Anzug oder ein klassisches Kostüm sind die traditionellen Kleidungsstücke im Job. Doch wie kam es dazu? Und: Warum hat sich daran so wenig geändert?

Männer in einem Büro in Michigan um 1903

Männer in einem Büro in Michigan um 1903.

Getty Images

Klick, klack, klick, klack - das Geräusch, das hohe Pumps mit winzig kleinen Absätzen auf Bürofluren machen, ist unverwechselbar. Genauso wie das "Schlapp, schlapp, schlapp" von Flip-Flops. Oder das kreischig-helle Quietschen von neuen Sneaker-Sohlen auf frisch gebohnerten Fußböden.

So unterschiedlich die Töne auch sind - sie gehören für viele zum Berufsalltag. Denn eine strenge Uniformität herrscht nur noch bedingt. Unsere Berufsbekleidung hat sich gerade in den vergangenen Jahren rasant schnell gewandelt. Zumindest wenn man die lange Entwicklung zum klassischen Business-Look betrachtet.

Berufsgruppen erkannte man schnell an ihrer Arbeitskleidung

In Europa startete der "Trend" im 17. Jahrhundert, berichtet "Fast Company". Damals begannen Anwälte, Beamte und Fachkräfte (keine Handwerker!) in den großen Metropolen wie London, Paris oder Amsterdam in Büros zu arbeiten. Das war neu - zuvor hatten diese Menschen von zu Hause aus gearbeitet. 

In London waren die Old Admiralty Buildings die ersten Bürogebäude, die ab 1726 zur Aufbewahrung von Unterlagen von der Royal Navy errichtet wurden. Und mit dieser Entwicklung veränderte sich auch die Kleidung der Herren zu einer sehr entfernten Version des modernen Anzugs. Im 17. Jahrhundert trugen Männer Hosen vor allem als Reithosen auf Knielänge, dazu ein Hemd, gerne mit Spitze um die Manschetten herum und am Kragen, der darüber hinaus zum Binden war (als früher Vorläufer der Krawatte). Dazu kam die Weste (damals eher ein Wams) und ein Umhang. Die Kleidung sicherte Beweglichkeit, die verarbeiteten Stoffe und Verzierungen zeigten Reichtum und Macht - im Gegensatz zur Arbeits- oder Zunftskleidung.

So erkannte man viele Berufsgruppen über Jahrhunderte an ihrer Bekleidung. Ein zweifacher Nutzen für die Menschen: Zum einen war die Kleidung an das jeweilige Berufsbild gekoppelt und daher praktisch. Zum anderen war die Bekleidung auch ein Zugehörigkeitsmerkmal.

Industrielle Revolution in der Kleidungsindustrie

Mit der industriellen Revolution änderte sich auch die Bekleidung, denn Baumwollstoffe waren plötzlich leicht verfügbar und somit billig. Ab dem frühen 19. Jahrhundert begannen Schneider Kleidung "von der Stange" zu verkaufen und nicht mehr nur nach Maß anzufertigen. Die Mode im viktorianischen England (1837-1901) war streng: Zurückhaltung und Prüderie wurden gefeiert, Individualität abgelehnt. Das Ergebnis waren strenge Schnitte, enganliegende, wadenlange Gehröcke und Westen. Die Oberschicht bevorzugte den Zylinder auf dem Kopf, die Arbeiterklasse ab den 1850er Jahren die Melone. Ab den 1860er Jahren begannen Männer, breitere Krawatten mit Schleife  Knoten oder einem Stift befestigt zu tragen. Der Gehrock wurde kürzer (auf Knielänge) und wurde für geschäftliche Zwecke getragen. Zehn Jahre später wurde der Gehrock noch kürzer und der dreiteilige Anzug populär.

Nicht nur die Massenproduktion der Bekleidung und die Kaufhäuser, in denen die Ware verkauft wurde, waren ausschlaggebend für den rasanten Wandel der Mode, sondern auch Modemagazine, die den neusten Schrei der breiten Bevölkerung zugänglich machten.

Taschenuhren und Gehröcke

Auch nach dem Tod von Queen Victoria blieb die Mode der Männer düster und schwer, berichtet "Fast Company". Die Europäer hegten eine große Liebe für Gehröcke, die über Westen mit Taschenuhren, getragen wurden. Diese Kleidung symbolisierte auch die Position des Trägers - teure Stoffe zeigten, dass der Träger vermögend war. Diese Kleidung stand im krassen Kontrast zum Freizeitanzug, der nur für die Zeit abseits der Arbeit getragen werden sollten. Doch die Anzüge waren beliebt, da man sie für weniger als 30 Dollar kaufen konnte. Und sie dennoch ordentlich aussahen - und so wurden sie auch im beruflichen Umfeld zunehmend getragen.

In dieser Zeit begannen auch immer mehr Frauen, zu arbeiten. Ihnen wurden strenge Richtlinien auferlegt, wie man sich fürs Büro zu kleiden habe. Eine weibliche Variante des Anzugs wurde modern, mit Rock und darauf abgestimmten Hüten, Handschuhen, Taschen und Schuhen. Im Idealfall in dunklen Farben - damit man Flecken nicht so leicht sehen kann, empfahlen damals Modemagazine.

Mit dem Ersten Weltkrieg wandelte sich die Mode. Armbanduhren, die für Soldaten ausgehändigt wurden, ersetzten die Taschenuhr. Im Zweiten Weltkrieg wurden Herrenjacken verändert, um Stoff zu sparen: Aus zweireihig wurde einreihig. Auch die Hosen, zuvor noch recht weit und pluderig geschnitten, wurden schmaler. Nach dem Krieg trat John F. Kennedy mit einem Anzug in einem TV-Duell gegen Richard Nixon an und trug ein Sakko mit nur zwei Knöpfen. Zur Amtseinführung trug er keinen Hut. Die Mode wandelte sich abermals. 

Bunte Polyester-Kleidung

Nach bunten Anzügen aus Polyester und noch bunteren Hemden (der Marktführer in den USA verkaufte in den 1960er bis 1970er Jahren alle Farben - nur keine weißen Hemden), kamen in den 1980er Jahren die "Power Suits", also massive, meist doppelreihige Anzüge mit wuchtigen Schulterpolstern. Letzteres trugen auch Damen. Und so wirkte die Businessmode der 1980er Jahre ein wenig brutal. Mit den Designern Donna Karan und Giorgio Armani wurde dieser Trend durchbrochen, sie öffneten die Tür für das, was wir heute "business casual" nennen.

Inzwischen scheint eine kleine Revolution in der Businessmode ausgebrochen zu sein. Denn erstmals seit dem frühen Anfängen des Anzugs wird dieser nicht in Variationen und Abwandlungen getragen, sondern radikal durch neuere, jüngere Bekleidung ersetzt. Der Trend, der sicherlich in der Welt der Start-ups seinen Anfang hatte, macht auch vor renommierten Traditionsfirmen nicht halt. So gab die Investmentfirma Goldman Sachs im Frühjahr 2019 bekannt, dass der strenge Dresscode des Unternehmens aufgeweicht wird. "Goldman hat eine breite und diverse Kundenbasis in der ganzen Welt und wir wollen, dass sich alle unseren Kunden mit unseren Teams wohl fühlen", hieß es in einem Memo. Die Mitarbeiter sollen sich nun so kleiden, "wie es zu den Erwartungen der Kunden passt."

Doch auch gelockerte Kleiderregeln führen nicht unbedingt zu legereren Klamotten, so die Feststellung bei Morgan Stanley. Dort gilt schon länger der "casual everyday" - und dennoch tragen die Banker weiterhin Anzug. Sie fürchten, dass durch zu gemütliche Kleidung klar wird, dass sie an diesem Tag keinen Kundenkontakt haben - und sie sich so den Karriereweg verbauen. 

"Fast Company" berichtet über eine aktuelle Studie, die Probleme mit dem genauen Gegenteil offenbart. Demnach gaben fast die Hälfte der befragten Manager an, dass ihre Mitarbeiter zu lässig gekleidet seien. Rund ein Drittel der Führungskräfte monierten "zu viel Haut" beim Kleidungsstil ihrer Teammitglieder.

kg