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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit: Die große Sehnsucht nach der großen Pause

Es passiert nicht alle Tage, dass jemand seinen gut dotierten Job kündigt, um sich nach Jahren auf der Karriereleiter eine Auszeit zu gönnen. Ohne konkrete Idee, wo und wie es künftig weiter geht. Frank Behrendt hat gerade eine Managerin dazu beglückwünscht, die diese Entscheidung traf.

Eine Auszeit von der Karriere, das wünschen sich insgeheim viele

Eine Auszeit von der Karriere, das wünschen sich insgeheim viele

Getty Images

Als ich im morgendlichen digitalen Newsletter des Werbe-Fachmagazins "Horizont" las, dass sich eine erfolgreiche, mir gut bekannte Marketing-Managerin eine Auszeit gönnt, freute ich mich. Für sie. Denn ich weiß selbst was es heißt, nach Jahren des beruflichen Vollgasgebens mal vom Karriere-Highway abzubiegen und einen anderen Weg einzuschlagen. "Ich gönne mir in einer Phase, in der es für mich großartig läuft, einen Moment inne zu halten, um losgelöst vom gewohnten Berufsalltag zu überlegen, wie ich persönlich meine nächsten 50 Lebensjahre gestalten möchte", wurde sie zitiert. Word.

Auf den Sozialen Netzwerken gab es für sie jede Menge Applaus. Man las zwischen so manchen Zeilen der Glückwunschschreiber oft die Sehnsucht heraus, die offenbar selbst in ihnen schlummert. Aber auch wenn viele von einem ebensolchen Schritt träumen, konsequent umgesetzt wird er nach wie vor recht selten. Zu groß sind die Ängste, ins Ungewisse zu springen, wenn der (finanzielle) Rettungsfallschirm keine weiche Landung verspricht. Mut ist ein großes Wort, aber selbst mutig zu sein, ist dann doch nicht so einfach.

Natürlich hat jeder von uns seinen Rucksack auf den Schultern, mit finanziellen Verpflichtungen ganz unterschiedlicher Art. Gerade wer Verantwortung übernommen hat für Kinder, der zieht nicht mal eben die Reißleine im Job und das ist auch völlig nachvollziehbar.

Mir hat ein Aussteiger mal seine ganz eigene Philosophie des "kalkulierten Risikos" erklärt. Jens hatte schon lange den Wunsch gehegt, raus aus seinem aktuellen beruflichen Set-up zu kommen. Also hat er es generalstabsmäßig vorbereitet. Sich ein vernünftiges Zeitfenster für den Exit gegeben, die einst teuren Urlaube zurückgefahren, um etwas Kapital anzusammeln für den Neustart, der gerade am Anfang oft holprig verläuft. Er hat dann als Pilotprojekt mit seiner Partnerin ausprobiert, worauf sie verzichten können - und das war verdammt viel. "Ein kleines Glück muss nicht teuer sein und kann eine große Zufriedenheit bedeuten", waren seine Worte.

Ich traf Jens kürzlich in Düsseldorf wieder, er ist jetzt verdammt glücklich. Mit der gleichen Partnerin, aber in einem kleinen Häuschen auf dem Land, statt in der Stadt. Sie mit einem Halbtagsjob, er als Selbstständiger. Und Nachwuchs haben sie mittlerweile auch bekommen.

Am Tag, bevor ich von der geschätzten Branchenkollegin las, die sich bald eine Pause gönnt, hatte ich einen Post abgesetzt. Mein morgendlicher Espresso stand vor einem Kalender, den meine Frau zu Weihnachten bekommen hat und der uns jeden Tag aufs Neue zu einem gemeinsamen Lächeln anregt. Aktuell begrüßt uns zum Frühstück der sinnige Satz: "Das Leben ist zu kurz für Irgendwann." Meinem verstorbenen Vater hätte das sehr gefallen. Sein Lieblingsspruch, den er oft und gerne zum Besten gab, lautete stets: "Heute ist die beste Zeit."

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