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F. Behrendt: Der Guru der Gelassenheit Echte Blutsschwestern und -brüder sind ein Geschenk

Geschwister Behrendt
Geschwisterliebe: Frank Behrendt (rechts) und Bruder Ulf mit Schwesterchen Hilke
© privat
Irgendwann habe ich es mir angewöhnt, anlässlich meines Geburtstages anderen zu danken, denen ich viel zu verdanken habe. Diesmal sind meine beiden Geschwister dran. Ich bin gerne ihr großer Bruder, ihr Wohlergehen liegt mir am Herzen und unser Zusammenhalt hat mir immer Flügel verliehen. Deshalb widme ich diese stern-Stimme heute zwei Menschen, die es absolut verdient haben: Hilke und Ulf.

Für viele von uns stellt die mit Abstand längste Beziehung in ihrem Leben die zu ihren Geschwistern dar. Meine beiden Geschwister kennen mich naturgemäß schon ihr ganzes Leben, ich war schon da, bevor sie denken konnten.

Als meine fünf Jahre jüngere Schwester in Rio de Janeiro das strahlende Licht dieser wunderbaren Welt erblickte, da waren mein jüngerer Bruder und ich begeistert von dem kleinen Wesen, das wir stolz im Arm hielten. Sie zu beschützen, war unsere wichtigste Mission, das hatten uns die Eltern früh vermittelt. Ehrensache, dass wir "großen Brüder" die Sache extrem ernst nahmen, in den ersten Tagen wollten wir gar nicht mehr von ihrem Bettchen weichen, berichtet meine Mutter noch heute mit einem Lächeln. Der kleine Sonnenschein, der einst unter dem Zuckerhut zur Welt kam und in der Wärme Brasiliens laufen lernte, ist heute zu einer selbstbewussten Frau herangewachsen, die auf ihrer zauberhaften kleinen Farm im Norden extrem happy ist.

Mein Bruder war von frühester Kindheit mein "Brother in Crime". Wir waren ein kongeniales Duo, sehr verschieden, aber durch den geringen Altersunterschied immer im kreativen Spiel vereint. Wir waren Baumeister, Detektive, Ritter, Winnetou und Old Shatterhand. Blutsbrüder in echt. Natürlich haben wir uns als Geschwister auch gestritten, aber die erfreulichen gemeinsamen Momente und die Erinnerungen an den bedingungslosen Zusammenhalt überwiegen in Summe deutlich, wenn wir an unsere Seite an Seite verlebten Jahre zurückdenken.

Die Forschung hat das Thema Geschwister lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Inzwischen weiß man aber, dass die Tatsache, im Kindesalter Geschwister zu haben eine ganz besondere Erfahrung bedeutet, die Menschen auf ihrem weiteren Lebensweg nachhaltig prägt. "Durch Geschwister bekommen Kinder mit, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt sind. Sie lernen Empathie, also sich in andere hineinzuversetzen, und Konflikte zu lösen", erklärte die Erziehungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Inés Brock in einem Fachbeitrag.

Nun ist es allerdings nicht zwingend so, dass Einzelkinder automatisch ein erhebliches Defizit im Sozialverhalten haben, aber Fakt ist, dass die Voraussetzungen in Familien mit einem Kind natürlich anders sind, da die Solo-Knirpse die komplette Aufmerksamkeit ihrer Eltern genießen. Etwa die Hälfte aller Kinder wächst nach Zahlen des statistischen Bundesamtes ohne Geschwister auf, etwa ein weiteres Drittel hat ein Geschwisterkind, während rund 12 Prozent zwei oder mehrere Geschwister haben.

Zusammenhalt wie im Kinderbuch

Als Vertreter der kleinsten dieser Gruppen habe ich den Umstand, die wertvolle verfügbare Zeit meiner Eltern mit meiner Schwester und meinem Bruder zu teilen, nie als Nachteil empfunden. Als Erstgeborener habe ich vielmehr früh gelernt, Verantwortung zu übernehmen - für meine jüngeren Geschwister. Zu ihnen habe ich auch heute noch einen sehr guten Draht. Wenn wir uns sehen, dann sind das Festtage, an denen wir vor lauter Erzählen am runden Tisch kaum zum Essen kommen.

Der einzige Wunsch meiner Mutter zu ihrem letztjährigen Geburtstag war übrigens, gemeinsam mit ihren drei Kindern Zeit zu verbringen. "Mehr müsst ihr mir nicht schenken", schrieb sie in ihrer unnachahmlichen Art auf eine handgefertigte Postkarte. Natürlich haben wir ihre Idee wunschgemäß in die Tat umgesetzt und sind zusammen über die Insel Sylt gewandert. Es war ein wunderbarer Tag voller Vertrautheit, liebevollen Lästereien und unerschöpflichen Erinnerungen.

Vielleicht liegt es an unserer besonderen familiären Nähe, dass meine Schwester, meinen Bruder und mich schon immer Geschichten begeistert haben, in denen Kinderbuch-Geschwister gemeinsam durch dick und dünn gehen: Das doppelte Lottchen, Hanni und Nanni oder die Brüder Löwenherz fesselten uns. Gerade dieser besondere Roman von Astrid Lindgren, der 1973 erstmals erschien, bewegte mich damals sehr. Die Geschichte vom todkranken Karl, "Krümel" genannt, dem sein Bruder Jonathan vom Phantasieland "Nangijala" erzählte, um ihm die Angst vor dem Tod zu nehmen, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei mir. Später habe ich einmal ein Referat darüber gehalten und die Lehrerin hatte Tränen in den Augen.

Aber ich liebte auch Anne, Julian und Richard, die als "Fünf Freunde" gemeinsam mit ihrer Cousine Georgina - genannt "George" - und Hund "Tim" in jedem Abenteuer neu bewiesen, dass auch Geschwister beste Freunde sein können und alle Probleme lösbar sind, wenn man wie Pech und Schwefel zusammenhält.

Als ich meinen Sohn fragte, welche fiktionalen Geschwister er besonders bemerkenswert findet, nannte er die rothaarigen Weasleys aus den Harry-Potter-Büchern. Diese Combo bietet in Sachen Geschwister ein buntes Potpourri der Verschiedenheit: Vom vorbildlichen großen Bruder Bill, über den risikofreudigen Charlie, die immerzu Streiche spielenden Lümmel Fred und George, bis hin zum schwarzen Schaf der Familie Percy und dem kleinen Nesthäkchen Ginny. Die vielen Geschwister sind alle sehr verschieden, am Ende halten sie aber immer zusammen.

Auch wenn meine eigenen Geschwister nicht zaubern können und wir als Familie nicht so weltberühmt sind wie die Weasleys - ich möchte keine anderen haben. Meine kleine Schwester und mein kleiner Bruder sind für mich die größten. Und großartig.


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